Osnabrück Von Goethe bis Grönemeyer: „Der ewige Brunnen“ in neuer Ausgabe
Lyrik als Lebenshilfe: „Der ewige Brunnen“ ist der Klassiker unter den Gedichtsammlungen. Jetzt ist die Neuausgabe da. Überraschung: Herbert Grönemeyer steht neben Goethe im großen Lesebuch.
„Tief im Westen / wo die Sonne verstaubt!“: Nicht nur Fans von Herbert Grönemeyer können die Stadthymne auf die graue Perle des Potts aus dem Stegreif mitsingen. Jetzt findet sich der Songtext wie ein Gedichtklassiker fein säuberlich nach Versen filetiert – auf Seite 518 und damit mitten in der 1167 Seiten starken Gedichtsammlung mit dem altväterlich klingenden Titel „Der ewige Brunnen“.
Grönemeyers „Bochum“ gleich neben Friedrich Hölderlins hymnischem „Heidelberg“ oder Goethes „Römischer Elegie“: Diese Konfrontation bildet nicht einmal das Zentrum jenes Wirbels, der die 1955 zuerst edierte Gedichtsammlung nach Kräften durchschüttelt.
Große Gedichtsammlungen bilden den Zeitgeist ab, erst recht jene Kompendien, die als Hausbücher einem großen Leserkreis Halt und Hilfe, Trost und Tiefe vermitteln sollen. „Der ewige Brunnen“: Ludwig Reiners ediert 1955 jene Textsammlung, die genau das nach der Katastrophe von Weltkrieg und Holocaust leisten soll. Deutsche Dichtung als reiner Quell, als Brunnen, aus dem der seelisch Durstige schöpfen soll – diese Vorstellung von Literatur und ihrer Funktion in einer Gesellschaft klingt aus heutiger Sicht selbst nach einem schlechten, weil kitschigen Gedicht.
Der Herausgeber der Neuausgabe von 2023 heißt Dirk von Petersdorff. Der Name steht für radikale Modernisierung, die noch über jenen Verjüngungsschnitt hinausgeht, den Albert von Schirnding dem Kompendium 2005 angedeihen ließ.
Dirk von Petersdorff, Germanistik und Lyriker aus Jena, gehörte zu jenen Literaturexperten, die 2016 wie sein Göttinger Professorenkollege Heinrich Detering die Vergabe des Literaturnobelpreises an Bob Dylan vehement verteidigten. Entsprechend aktuell fällt das Verständnis von Lyrik aus, das von Petersdorff bei seiner Neufassung des „Ewigen Brunnens“ erkennbar geleitet hat. Sicher, Goethe, Schiller, Fontane, Brecht, sie sind weiter dabei. Stark ist die Gegenwart vertreten mit Namen von Sarah Kirsch bis Thomas Kling oder Christine Lavant.
Wie bricht man einen betonierten Kanon auf? Indem man ihn ausräumt. Dirk von Petersdorff hat 500 Gedichte aus der Sammlung gestrichen. Seine Renovierung wirkt auf den ersten Blick radikal, so radikal wie der Schnitt, den Literaturkritiker Denis Scheck in „Schecks Kanon“ der Bestenliste der „100 wichtigsten Werke der Weltliteratur“ verpasst hat.
Dirk von Petersdorff widmet den gewonnen Platz gerade Songtexten. Ob „Berlin“ von Ideal, „Im Zweifel für den Zweifel“ von Tocotronic oder Udo Lindenbergs „Gegen die Strömung“ – Texte von Popsongs schaffen es mühelos in jene Kollektion, die nach ihrem Titel ewig sein soll. Was für ein Qualitätsprädikat für die Popkultur.
Dabei bleibt das Gliederungsprinzip der Gedichtsammlung unverändert. Wie schon 1955 folgt die Auswahl keiner Chronologie. Gedichte werden nicht in das Korsett der Literaturgeschichte gezwängt, sie dürfen sich rund um Lebensthemen frei finden. Die bezeichnen Lebensalter wie „Kindheit“ oder „In der Lebensmitte“, umkreisen Fragen von Geschlecht („Frau sein, Mann sein?“), Genuss („Essen und Trinken“) oder Heimat („Stadt, Land, Fluss“). Solche Titel lauten 1955 noch ganz anders. „Buch der Ehe“, „Buch des Vaterlandes“, „Glück und Pflicht des Werktags“: Ludwig Reiners Überschriften klingen nach der Mühsal des Wiederaufbaus.
Dirk von Petersdorff fasst vieles neu. Wie auch anders. „Aufbrüche, Umbrüche“, „Glaube und Zweifel“: Das klingt nach Lebenswenden im frühen 21. Jahrhundert. Die verblüffende Parallele: Im Internetzeitalter soll das Gedicht wieder sein, was es in Adenauers Fünfzigern auch zu sein hatte – Seelentrost in den Wechselfällen eines Zeitalters der erlebten Unzuverlässigkeit.
Dirk von Petersdorff baut einen überraschend konservativen Kanon – trotz aller Songtexte der Popmusik. Der fast vergessene Friedrich Rückert bekommt im Zweifel mehr Platz als Paul Celan („Todesfuge“), der kaum gelesene Conrad Ferdinand Meyer einen weiteren Raum als der mit seinem Gedicht „Stufen“ viel zitierte Hermann Hesse. Macht aber nichts. Dirk von Petersdorff gelingen klug komponierte, ja kuratierte Kapitel, in denen sich High und Low der Lyrik eindrucksvoll mischen. So mag er weiter rauschen, dieser ewige Brunnen.
Der ewige Brunnen. Deutsche Gedichte aus zwölf Jahrhunderten. Gesammelt und herausgegeben von Dirk von Petersdorff. C. H. Beck Verlag. 1167 Seiten. 28 Euro.