Hamburg  Gegen Putin und Lukaschenko: So kämpft Tichanowskaja für die Freiheit von Belarus

Marie Busse
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Von Marie Busse
| 12.04.2023 01:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Swetlana Tichanowskaja lebt seit 2020 mit ihren beiden Kindern im Exil. Foto: imago images/TT
Swetlana Tichanowskaja lebt seit 2020 mit ihren beiden Kindern im Exil. Foto: imago images/TT
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Swetlana Tichanowskaja kämpft für die Freiheit ihres Heimatlandes Belarus. Seit 2020 aus dem Exil heraus. Im Interview erzählt sie, was sie an ihrer Heimat vermisst und welche Verantwortung Lukaschenko für den Krieg in der Ukraine trägt.

Im Sommer 2020 forderte Swetlana Tichanowskaja den belarussischen Machthaber Alexander Lukaschenko bei der Präsidentschaftswahl heraus. Nach Lukaschenkos Wiederwahl warf Tichanowskaja der Regierung Wahlfälschung vor und beanspruchte den Sieg für sich. Auch die EU erkannte den angeblichen Wahlsieg Lukaschenkos nicht an.

Vor und nach der Wahl kam es zu landesweiten Protesten, die Lukaschenko gewaltsam niederschlagen ließ. Tausende Belarussen wurden verhaftet, darunter auch Tichanowkajas Ehemann Sergej Tichanowski. Der 44-Jährige sitzt seit 2020 im Gefängnis. Swetlana Tichanowskaja floh aus Belarus und lebt mit den gemeinsamen Kindern im Exil in Litauen. 

Ihren Kampf für Freiheit in Belarus führt sie unverändert weiter. Immer wieder kritisiert sie Machthaber Lukaschenko. Der 68-Jährige regiert seit 1994 in Belarus und gilt als „letzter Diktator Europas”. Unterstützt wird er von Russlands Präsident Wladimir Putin. Zu Beginn des russischen Angriffskriegs in der Ukraine diente Belarus als Aufmarschgebiet für die Truppen des Kreml. Im Interview erzählt Tichanowskaja, wie es ihr persönlich geht und wie der Krieg im Nachbarland Ukraine die Belarussen zusammenschweißt.

Frage: Frau Tichanowskaja, Sie leben seit zwei Jahren im Exil. Was vermissen Sie an Ihrer Heimat?

Antwort: Mein heutiges Leben unterscheidet sich sehr von meinem Leben vor der Präsidentschaftskampagne 2020. Am meisten vermisse ich natürlich meinen Mann. Aber meine Arbeit hält mich auf Trab und beschäftigt meine Gedanken. Ich habe nicht viel Zeit, um über all die Dinge nachzudenken, die ich vermisse. Aber ich kann sagen, dass ich es vermisse, ein normales Leben zu führen, denn heute lastet eine große Verantwortung auf meinen Schultern, und ich wache jeden Tag auf und denke an all die Menschen, die immer noch zu Unrecht im Gefängnis sitzen.

Frage: Ihr Mann Sergej Tichanowski sitzt wegen seiner Oppositionsarbeit seit 2020 im Gefängnis. Wissen Sie, wie es ihm geht?

Antwort: Ich mache mir große Sorgen um sein Wohlergehen. Das Lukaschenko-Regime ist bekannt für seine Brutalität, Folter und entwürdigende Behandlung politischer Gefangener, die sogar mit speziellen Etiketten für zusätzliche Bestrafung gekennzeichnet werden und oft in Einzelhaft sitzen. Sein Mut und seine Widerstandskraft ermutigen mich jedoch, weiter für unsere Sache zu kämpfen.

Frage: Vor wenigen Wochen wurden Sie selbst in Abwesenheit zu 15 Jahren Haft wegen „Verschwörung zur Machtergreifung“ verurteilt. Was bedeutet das Urteil für Sie?

Antwort: Es ist eindeutig ein Racheakt gegen mich. Für mich hat das nichts zu bedeuten. Wenn überhaupt, stärkt es meine Entschlossenheit, weiter für die Freiheit und Demokratie zu kämpfen, die wir verdienen. Viel mehr Sorgen bereiten mir die Strafen für die politischen Gefangenen. Sie werden jeden Tag unmenschlich behandelt.

Frage: Was hat der russische Angriffskrieg auf die Ukraine in Belarus verändert?

Antwort: Der Krieg hat die tiefe Kluft zwischen der belarussischen Bevölkerung, die gegen den Krieg ist, und dem Regime gezeigt. Das Regime wurde zum Mitangreifer, indem es Russland erlaubte, Truppen zu stationieren und die Ukraine von unserem Territorium aus anzugreifen. Die Belarussen schlossen sich zusammen, um die Ukraine zu unterstützen. Viele belarussische Freiwillige kämpfen jetzt in der Ukraine gegen Russland. Lukaschenkos Regime verschärfte indes die Repressionen und drohte denjenigen, die gegen die verdeckte russische Besetzung in Belarus kämpfen, die Todesstrafe an. In gewisser Weise hat uns das noch mehr gegen die Diktatur zusammengeschweißt.

Frage: Wann wird aus Ihrer Sicht der Krieg enden?

Antwort: Der Krieg wird erst enden, wenn sowohl die Ukraine als auch Belarus frei sind. Wir können Lukaschenko nicht an der Macht lassen, damit er seine Nachbarn bedroht. Es wird keine Sicherheit geben. Was die Ukraine betrifft, so muss ihre Regierung die Bedingungen für das Ende des Krieges stellen. Ich kann nicht sagen, wann das sein wird, aber ich weiß, dass die Freiheit jeden Tag ein Stück näher rückt.

Frage: Wird Putin das Kriegsende überleben?

Antwort: Putin wird ein international Geächteter bleiben - ein Verbrecher, der vom Tribunal gesucht wird - und ich hoffe, dass das russische Volk erkennt, dass er es ins dunkle Zeitalter schickt. Ich kann nicht vorhersagen, was in Russland passieren wird. Aber ich werde alles tun, damit mein Land nicht durch den russischen Imperialismus von der Landkarte getilgt wird.

Frage: Was passiert mit Lukaschenko, wenn Putin ihn nicht mehr schützt?

Antwort: Lukaschenko überlebt nur, weil Putin ihn unterstützt. Lukaschenko hat die Fähigkeit verloren, unabhängig zu handeln, und er hat unsere Souveränität verkauft. Ohne Putins Rückendeckung wird sein Kartenhaus zusammenbrechen. Das Regime ist bereits sehr zerbrechlich.

Frage: Wie gefährlich ist Lukaschenko aus Ihrer Sicht für Europa?

Antwort: Lukaschenko wird weiterhin eine Bedrohung für die Sicherheit der Region und ganz Europas darstellen. Jetzt lädt er Russland ein, Atomwaffen in Belarus zu stationieren und droht unseren Nachbarn täglich. Er wird alles tun, um seine eigene Haut zu retten, und er nimmt keine Rücksicht auf das Schicksal der Belarussen. Das macht ihn sehr gefährlich, aber auch sehr schwach. Wie jeder Diktator ist er zutiefst paranoid und sieht überall Feinde – echte und eingebildete.

Frage: Haben Sie Angst vor einem Atomkrieg?

Antwort: Als Belarussen haben wir unter den Folgen der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl gelitten, und das ist etwas, das wir nie wieder erleben wollen. Ich selbst hatte das Glück, dass ich als Kind im Rahmen eines Programms für die von der Katastrophe Betroffenen nach Irland reisen konnte. Die nukleare Bedrohung ist für mich also sehr real. Aber wir können nicht zulassen, dass sich Diktatoren hinter der nuklearen Bedrohung verstecken. Jedes Mal, wenn Putin unter Druck gerät, spricht er von Atomwaffen.

Frage: Sollte Lukaschenko wie auch Putin in Den Haag angeklagt werden?

Antwort: Es steht außer Frage, dass Lukaschenko wegen Kriegsverbrechen in der Ukraine und Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Belarus vor den Strafgerichtshof in Den Haag gestellt werden sollte. Er kann das Blut nicht von seinen Händen abwaschen. Für jeden ermordeten politischen Gegner, für jeden Akt der Folter, für die Opfer in der Ukraine muss er zur Verantwortung gezogen werden.

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