Hamburg  Stilvoll bei Reichen, trashig bei Ärmeren: Warum bewerten wir das gleiche Verhalten unterschiedlich?

Julia Falkenbach
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Von Julia Falkenbach
| 11.04.2023 14:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Fasnachter verkleidet als Carmen und Robert Geiss: Was wäre das Ehepaar ohne sein Geld? Foto: Imago images/Pius Koller
Fasnachter verkleidet als Carmen und Robert Geiss: Was wäre das Ehepaar ohne sein Geld? Foto: Imago images/Pius Koller
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Wer beispielsweise viele Kinder hat, ist entweder auf die staatliche Unterstützung aus - oder Ursula von der Leyen. Warum die moralische Bewertung eine Frage des Geldbeutels ist.

Wer schon vormittags Champagner oder Aperol Spritz trinkt, genießt das Leben – wer sich ein Dosenbier genehmigt, hat sein Leben nicht unter Kontrolle. Drei oder mehr Hunde sein Eigen nennen? Das qualifiziert entweder zur Königin von Großbritannien – oder zum Tiermessie. Ein verschrobener Kauz wird mit einem ausreichend großen Vermögen zum Exzentriker. Wenn die oberen Zehntausend viele Dinge der gleichen Art besitzen, sind sie Sammler, Menschen aus weniger situierten Verhältnissen Messie. Und während die einen die abgelegte Kleidung der Verwandten tragen müssen, führen andere geerbte Vintage-Stücke aus.

Es tut mir leid, aber warum wird das gleiche Verhalten bei vermögenden Menschen gefeiert und bei ärmeren Menschen verurteilt?

Der Wunsch nach sozialem Aufstieg führt dazu, dass die Gesellschaft die schlechten Verhaltensweisen einkommensstarker Personen ästhetisiert: Ihr Verhalten wird zum Ideal verklärt, ihre Fehler zu liebenswerten Macken. Wer von diesem System profitiert, widerspricht dieser gesellschaftlichen Nachsicht nicht; wem das Geld und damit verbunden der gesellschaftliche und wirtschaftliche Einfluss fehlt, findet in der Debatte nicht statt. Mittels Sprache wird so der Klassismus, die strukturierte Marginalisierung vom einkommensschwächeren Menschen, weiter vorangetrieben.

Das fängt beim Blick auf Prominente an: Viermal geschieden zu sein, ist als Rupert Murdoch kein Problem, ebenso wenig wie als Kate Hudson drei Kinder von drei Männern zu haben. Und jemandem Hundekot ins Gesicht zu werfen, kostet einen Liebling der Elite vielleicht den Job – aber stellen Sie sich mal vor, das hätte eine obdachlose Person gewagt! Der Weg in die Psychiatrie wäre ihr sicher.

Doch während das Leben der Prominenten das eine sein mag, ist die Ungleichbehandlung im Alltag das andere. Ein extravaganter Babyname ist für reiche Menschen ein Statussymbol, bei ärmeren Eltern wird das gleiche Verhalten als lächerlich angesehen. Wenige Dinge zu besitzen, ist bei den einen Ausdruck der Armut – bei anderen Minimalismus (gleiches gilt für das Phänomen Tiny houses). Und ob mit mehreren Muttersprachen aufzuwachsen als Privileg oder Nachteil angesehen wird, hängt ebenfalls vom Vermögen ab.

Vielleicht wäre es angebracht, sich künftig stets zu fragen: Fände ich es schlimm, wenn es ein Millionär macht?

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