Hamburg Katholische Kirche im Wandel? Warum queere Menschen erst jetzt Religion unterrichten dürfen
Die Kirche will sich öffnen: In Zukunft soll es egal sein, ob katholische Religionslehrkräfte lesbisch, schwul oder trans sind. Was bedeutet diese Veränderung für Betroffene? Und zeichnet sich damit wirklich eine Zeitenwende in der katholischen Kirche ab? Ein Aktivist und ein Betroffener berichten.
Lesbisch, schwul, trans: Schon immer gab es Menschen mit unterschiedlichen sexuellen Orientierungen und Geschlechtsidentitäten – so natürlich auch in der katholischen Kirche. Doch erst seit kurzem dürfen Lehrkräfte für katholische Religion dies auch offen zeigen. Damit endet für viele ein Doppelleben.
Selbst an staatlichen Schulen konnte ihnen aufgrund der Kirchengesetze gekündigt werden, nur weil sie beispielsweise eine gleichgeschlechtliche Ehe führten. „Im Prinzip stellt sich die katholische Kirche über den Staat, der die Beamten bezahlt. Sie bestimmt über das Leben der Lehrkräfte, mischt sich ja sogar bis in ihr Schlafzimmer ins Private ein“, sagt Jens Ehebrecht-Zumsande, Religionspädagoge und Angestellter beim Erzbistum Hamburg.
Wer in Deutschland katholische Religion unterrichten möchte, egal an was für einer Schule, braucht dafür die Erlaubnis vom Bischof. „Missio canonica“ wird diese Regelung im Kirchenrecht genannt, die erst vor rund einem Monat von der Deutschen Bischofskonferenz geändert wurde.
Fortan soll es keine Rolle mehr spielen, welche sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität die Lehrkraft hat. Das bedeutet konkret: Queere Personen sollen nun genauso das Recht haben zu unterrichten wie andere Lehrkräfte.
„Natürlich hat es in der Vergangenheit schon queere Religionslehrkräfte gegeben“, sagt Jens Ehebrecht-Zumsande. Abhängig davon, ob die jeweiligen Bistümer eher liberal oder konservativ gesinnt seien, dürften Lehrkräfte ihre sexuelle Orientierung unterschiedlich frei ausleben.
Als schwuler Mitarbeiter der katholischen Kirche hat er die Initiative „Out In Church“ mitgegründet. Diese setzt sich dafür ein, dass Mitarbeitende in der katholischen Kirche keine Benachteiligung mehr erfahren müssen, nur weil sie queer sind.
„In konservativen Bistümern führte man als queere Religionslehrkraft besser ein Doppelleben“, so Ehebrecht-Zumsande. Es sei keine Seltenheit, dass Lebensmittelpunkte extra weit entfernt von der Arbeitsstelle gelegt werden würden – nur um nicht Gefahr zu laufen, aufgrund seiner sexuellen Orientierung die Anstellung zu verlieren.
Von der „Missio canonica“ sind alle katholischen Religionslehrkräfte deutschlandweit betroffen – die Regelung gilt also nicht bloß an kirchlichen Schulen.
Theo Schenkel bekam die Auswirkungen der „Missio canonica“ selbst zu spüren. Noch während seines Theologiestudiums konnte er sich nicht sicher sein, ob er auch tatsächlich Religionslehrer in Freiburg werden würde.
Der Grund: Theo Schenkel ist ein trans* Mann. Das bedeutet, dass ihm bei der Geburt das weibliche Geschlecht zugewiesen wurde, seine eigentliche Geschlechtsidentität jedoch männlich ist. Dass Theo Schenkel ein Mann ist, akzeptiert die katholische Kirche aber nicht.
„Für die katholische Kirche gelte ich nach wie vor als Frau. Daher ist die Beziehung zu meiner Partnerin auch ein Problem – die katholische Kirche sieht gleichgeschlechtliche Beziehungen als Sünde an“, so Theo Schenkel. Zwar darf er inzwischen katholische Religion unterrichten, die „Missio canonica“ hat er aber noch immer nicht offiziell erhalten – nur eine unbefristete Lehrerlaubnis.
Tatsächlich lautet es im Katechismus der katholischen Kirche noch immer, dass homosexuelle Handlungen „in sich nicht in Ordnung“ sind. Dass dies bei Religionslehrkräften laut „Missio canonica“ nun aber keine Rolle mehr spielen soll, erscheint paradox: „Als Arbeitnehmer bin ich plötzlich eine Bereicherung für die Kirche, als schwuler Katholik bin ich ein Sünder“, sagt Ehebrecht-Zumsande.
Eines der Hauptanliegen von Out In Church ist daher auch die Änderung des Katechismus mitsamt seiner diskriminierenden Äußerungen zu Homosexualität. „Diese menschenverachtende Lehre muss beendigt werden“, fordert der Initiator von Out In Church.
Mit Slogans wie „Mein Gott diskriminiert mich nicht“ oder „Liebe gewinnt“ setzt sich die Initiative Out In Church für die Rechte queerer Personen in der katholischen Kirche ein.
Auch Theo Schenkel fühlt sich „auf institutioneller Ebene von der Kirche überhaupt nicht akzeptiert“. Warum er sich trotzdem immer noch in der katholischen Kirche engagiert, liege hingegen an den Erfahrungen auf persönlicher Ebene: Dort bewege sich der Religionslehrer überwiegend in Kreisen, in denen er willkommen sei und wenig Diskriminierung erfahre.
Warum die katholische Kirche so lange brauche, um Änderungen wie die der „Missio Canonica“ vorzunehmen, hat Ehebrecht-Zumsande zufolge mehrere Gründe.
Zunächst sei man nicht überall in der Kirche tatsächlich bestrebt, Fortschritt zu erlangen und die Kirche zeitgemäßer zu gestalten. „Viele wollen zudem gar nicht wahrnehmen, dass es Diskrimierung innerhalb der Kirche gibt“, so Ehebrecht-Zumsande. Vielmehr sei es in der Vergangenheit Brauch gewesen, Berichte von Unterdrückung und Benachteiligung kleinzureden und zu leugnen.
„Die katholische Kirche ist noch nie gut darin gewesen, einen Kurswechsel zu vollziehen“, sagt auch Theo Schenkel.
Als trans* Person sei er in der katholischen Kirche mit den gleichen Problemen konfrontiert wie in der Gesellschaft auch: „Trans* Personen hinterfragen Geschlechterkategorien und stellen altbewährte Denkmuster auf den Kopf. Diese Denkmuster geben vielen Sicherheit – vor Veränderung hingegen haben die meisten Menschen Angst.”
Seine Reise als trans* Mann dokumentiert Theo Schenkel auf seiner Instagram-Seite:
Das gleiche gelte für Beziehungen. „Die katholische Kirche hat lange ein sehr klares Beziehungsideal vermittelt: das einer heterosexuellen Ehe“, so Theo Schenkel.
Doch könnten die Beschlüsse der Bischofskonferenz tatsächlich eine Zeitenwende in der katholischen Kirche einleiten? Angebracht sei Jens Ehebrecht-Zumsande erst einmal nur vorsichtiger Optimismus: Natürlich überwiege aus Sicht der Religionslehrkräfte die Freude. „Jahrzehntelange Erfahrung der Diskriminierung und Benachteiligung haben uns jedoch auch misstrauisch werden lassen“, so der Initiator von Out In Church.
Lesen Sie auch: Osnabrücker Bistums-Mitarbeiterin outet sich: „Wahnsinnige Befreiung“
Theo Schenkel konnte sich zeit seines Studiums noch nicht sicher sein, ob er auch tatsächlich katholische Religion unterrichten wird. Durch Entwicklungen wie die neue Missio-Verordnung hofft der Religionslehrer jedoch, dass nachfolgende Generationen von Studierenden es einfacher haben werden: „Dass Menschen nicht mehr anfangen Theologie zu studieren und sich irgendwann fragen müssen, ob oder wie lange sie überhaupt für die katholische Kirche arbeiten dürfen – und ob diese Kirche sie wertschätzt.“
Die „Missio canonica“ haben bislang nur einige wenige Bistümer in die Tat umgesetzt. Wie lange es dauert, bis alle anderen der insgesamt 27 Bistümer in Deutschland nachziehen werden, können Theo Schenkel und Jens Ehebrecht-Zumsande nicht einschätzen.
Scheinbar muss man sich also in Geduld üben. Denn, wie Ehebrecht-Zumsande feststellt: „Gottes Mühlen mahlen langsam.“