Hamburg  Amoktäter von Hamburg sagte vor den Schüssen: „Mir ist nicht mehr zu helfen“

Markus Lorenz
|
Von Markus Lorenz
| 06.04.2023 20:12 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Blumen liegen vor dem Gemeindehaus der Zeugen Jehovas in der Deelböge. Der Amoklauf wird weiter aufgearbeitet. Foto: dpa/Georg Wendt
Blumen liegen vor dem Gemeindehaus der Zeugen Jehovas in der Deelböge. Der Amoklauf wird weiter aufgearbeitet. Foto: dpa/Georg Wendt
Artikel teilen:

Gab es Anzeichen, dass Philipp F. eine Amoktat plante? Im Innenausschuss der Hamburger Bürgerschaft wurden neue Details zum Tatablauf und zum Täter bekannt.

Der Amokschütze von Hamburg hat unmittelbar vor dem Blutbad vom 9. März im Internet nach Möglichkeiten gesucht, wie er mit Gewalt in den Gemeindesaal der Zeugen Jehovas eindringen kann. Philipp F. sei fast zwei Stunden „unschlüssig vor dem Gebäude hin und her getigert und hat nach ,Sicherheitsglas, 9-Millimeter-Patronen‘ gegoogelt“, berichtete Uwe Stockmann vom Landeskriminalamt (LKA) am Donnerstagabend im Innenausschuss der Bürgerschaft. 

Anschließend habe der 35-Jährige mit seiner Pistole mehr als 100 Mal von außen auf die Fenster des Königreichssaals in Groß Borstel gefeuert und sei schließlich durch die zerschossenen Scheiben ins Innere geklettert. F. tötete sieben Zeugen Jehovas und sich selbst.

Offenbar, so Stockamnn, hatte F. ursprünglich bereits zu Beginn des Gottesdienstes gegen 19 Uhr in das Gebäude gelangen wollen, blieb aber draußen. Dort sei er auf und ab gelaufen – mit der Waffe und Dutzenden gefüllter Magazine in einem Rucksack und einer Tasche. Mitarbeiter der angrenzenden Jet-Tankstelle sei das aufgefallen. Sie hätten F. angesprochen und gefragt, ob sie ihm helfen könnten. Der LKA-Beamte: „Er hat geantwortet: ,Mir ist nicht mehr zu helfen‘.“

Weiterlesen: Was wir über den Amokschützen von Hamburg wissen

Im Ausschuss wurden weitere, bisher nicht bekannte Details zu Tatablauf und Täter bekannt. Laut LKA-Chef Jan Hieber bemerkte das Umfeld von Philipp schon 2019 eine Wesensveränderung und psychische Probleme bei dem Betriebswirt. Als die langjährige Beziehung zu seiner Freundin zerbrach und er von seinem Arbeitgeber gekündigt wurde, habe F. die Schuld immer mehr bei anderen gesucht. Hieber: „Spätestens 2020 hatte Philipp F. Wahnvorstellungen und hörte Stimmen.“ In dieser Zeit habe er auch die Zeugen Jehovas zum Feindbild erklärt.

F. stammte aus einer religiösen Familie in Bayern, beide Eltern sind Zeugen Jehovas. In Hamburg hatte sich der Sohn der Gemeinde in Groß Borstel angeschlossen, diese aber anderthalb Jahre vor der Tat verlassen.

Wegen der psychischen Probleme begab sich F. selbst in Behandlung, auch in einer psychiatrischen Klinik in Bayern. Im Herbst 2021 trat er dann einem privaten Schießclub in der Hamburger Innenstadt bei und erhielt im Dezember 2022 als Sportschütze die Erlaubnis, eine eigene Waffe zu besitzen und zu Hause aufzubewahren – die spätere Tatwaffe. 

F. habe sich eine taktische Einsatzausrüstung zugelegt, wie berichtete LKA-Chef Hieber, kaufte unter anderem Einsatzstiefel, eine Sturmhaube und eine Vollstahlaxt.

Im Ausschuss wurde zudem bekannt, dass sich der Vater des Amokschützen im Juni 2021 wegen psychischer Probleme seines Sohnes an eine behördliche Beratungsstelle in Hamburg gewendet hatte, nachdem Philipp F. angekündigt habe, sich selbst heilen zu wollen. Laut Hieber sagte der Vater dem Sozialpsychiatrischen Dienst damals, sein Sohn höre Stimmen, „die ihn zum Selbstmord auffordern“. 

Die Beratungsstelle führte daraufhin ein telefonisches Gespräch mit Philipp F., in dem dieser versichert habe, keine suizidalen Absichten zu hegen. Anlass zu weiteren Maßnahmen sahen die Berater nicht. An die Ermittlungsbehörden durfte der Sozialpsychiatrische Dienst die Information aus Datenschutzgründen nicht weitergeben.

In der mehr als vierstündigen Sitzung befasste sich der Parlamentsausschuss aber besonders mit einem anonymen Hinweisschreiben auf F.‘s Gefährlichkeit vom Januar 2023, zwei Monate vor der Tat. Und mit der Frage, ob die Behörden ihm daraufhin die Waffenerlaubnis hätte entziehen müssen. 

Der Briefschreiber hatte die Waffenbehörde der Polizei gebeten, F. zu überprüfen, weil dieser psychisch krank sei, und ihm die Waffe wegzunehmen. Auch verwies der Absender auf ein Buch mit bedenklichen religiösen Inhalten, das Philipp F. kurz zuvor veröffentlicht hatte.

Tatsächlich prüfte die Waffenbehörde daraufhin zwar, ob der 35-Jährige seine Pistole zu Hause ordnungsgemäß in einem Safe verwahrte. Bei dem Besuch in dessen Wohnung hätten die Beamten jedoch keine psychischen Auffälligkeiten bei ihm festgestellt, berichteten Ermittler der Polizei.

Innensenator Andy Grote (SPD) wies vor den Abgeordneten ein Fehlverhalten der Beamten erneut zurück. Es habe keine rechtliche Handhabe für den Entzug des Waffenscheins gegeben. Polizeipräsident Ralf Martin Meyer betonte: Auch wenn die Waffenbehörde das Buch ausgewertet hätte, wäre die Tat wohl nicht zu verhindern gewesen. Die Erstellung eines fachpsychologisches Gutachten hätte etliche Wochen erfordert. Ein etwaiger Widerruf der Waffenerlaubnis wäre vor der Tat sehr wahrscheinlich nicht möglich gewesen.

Grote räumte indes dennoch Unzulänglichkeiten im Umgang mit potenziell gefährlichen Waffenbesitzern ein: „Mit dem Wissen von heute: Das hat nicht ausgereicht. Deswegen müssen wir sicherstellen, dass in Zukunft mit derartigen Hinweisen noch umfassender umgegangen wird.“ Der Innensenator sprach sich für ein verschärftes Waffenrecht auf Bundesebene aus. „Es ist zu leicht für Menschen mit psychischen Erkrankungen, eine Waffe zu erlangen.“ Künftig müssten auch über 25-Jährige psychologisch begutachtet werden, bevor sie eine Waffenerlaubnis erhalten.

Ähnliche Artikel