Hamburg Dieser Soldat kämpft gegen die Personal-Sorgen der Truppe
Die Bundeswehr braucht Nachwuchs. So dringend wie selten zuvor. Denn die Streitkräfte schrumpfen, entgegen aller politischen Ziele. Doch wie umwirbt die Bundeswehr die jungen Menschen? Ein Besuch im Kieler Karrierecenter.
Nach einer Dreiviertelstunde stellt der Soldat die entscheidende Frage. Wobei es sich mehr wie eine Feststellung anhört. „Dann gehen wir mal an die Bewerbungsunterlagen ran, ja?” Die 18 Jahre alte Rebecca aus dem Kreis Rendsburg-Eckernförde zögert nur kurz. Dann nickt sie.
Ins kleine Büro des Karriereberaters der Bundeswehr in Kiel mischt sich in diesem Moment die Atmosphäre eines erfolgreichen Vertragsabschlusses. Der Handelsvertreter: Peter L. aus Segeberg. Die Ware: Lebensjahre in Uniform. Der volle Name des Soldaten aus Segeberg soll auf Bitten der Bundeswehr nicht genannt werden.
Karriereberater wie Stabsfeldwebel L. sind in der Bundeswehr derzeit so wichtig wie selten zuvor. Die Personalstärke der Truppe stagniert bei etwa 183 000 Soldaten. 203.000 sollen es in acht Jahren sein. Laut Bundesverteidigungsministerium werden jährlich 21.000 neue Soldaten benötigt, damit der Aufwuchs erreicht werden kann.
In diesem Feld kämpft der einstige Panzergrenadier und Heeresaufklärer Peter L. Der 47-Jährige und seine Kollegen führen in 16 Karrierecentern – einst Kreiswehrersatzämter – und 110 kleineren Büros monatlich rund 7.000 Gespräch mit potenziellen Rekruten. Auch bereits aktive Soldaten berät L., wenn diese sich innerhalb der Bundeswehr umorientieren wollen.
Hier bei Peter L. ist vor allem die Marine allgegenwärtig. Der große Stützpunkt mit etwa 2.500 Mitarbeitern, Fregatten und der Gorch Fock II befindet sich um die Ecke. Das heiße aber nicht, dass bei ihm nur mögliche Marine-Rekruten auflaufen, betont er. „Wir sind dafür natürlich prädestiniert. Aber jeder Berater berät alles”, sagt er. Ironie der Geschichte: L. selbst trat 1997 über die Wehrpflicht eher unfreiwillig der Truppe bei. „Ich hatte Glück, dass ich ganz in der Nähe meiner Heimat eingezogen wurde.“
Andere mussten weite Wege auf sich nehmen oder komplett das eigene Zuhause verlassen. Eine Schwäche der Wehrpflicht. „In der Karriereberatung sind die Menschen ohnehin freiwillig hier und wir können die Prozesse viel besser steuern“, sagt Peter L.
Seit mehr als zehn Jahren ist er mittlerweile auf seinem Posten. „In der Truppe haben Karriereberater nicht den besten Ruf, viele haben mir davon abgeraten”, erinnert er sich. Erweist sich ein Rekrut doch mal als untauglich, wird die Schuld schnell mal ihm und den Kollegen zugeschoben. Doch das ist wohl eher eine Seltenheit: Gerade mal 460 der knapp 19.000 Rekruten 2022 erwiesen sich in der Probezeit doch als untauglich und konnten nicht übernommen werden.
Besonders die Arbeit auf Messen und Beratungsgespräche mit jungen Menschen hätten ihm damals sofort zugesagt. Schon beim Heer fungierte er als Ausbilder, privat trainiert er eine Fußballmannschaft. „Ich mag die Arbeit mit jungen Leuten.” Wenngleich es Unterschiede gibt, ob man junge Soldaten morgens weckt oder mit Jugendlichen ohne jede Bundeswehr-Berührung auf Messen spricht.
Messen gelten für die Bundeswehr als ein wichtiges Instrument bei der Nachwuchsgewinnung. Als die Corona-Pandemie 2020 das Messe-Geschehen weitgehend lahmlegte, brach die Zahl der Neueinstellungen bei der Truppe um fast 20 Prozent ein.
Auf einer Berufsmesse in Kiel war auch Rebecca, deren Nachname ebenfalls anonym bleiben soll. Spontan, wie sie erzählt. Die Schülerin ist auf dem besten Weg, ihr Abitur mit einem Notendurchschnitt von 1,3 zu erreichen. An einen Platz für das von ihr angestrebte Medizinstudium zu kommen, könnte dennoch schwierig werden. Über die Bundeswehr zu studieren, könnte aus ihrer Sicht die sicherere Option sein.
„Durch die Messe wurde mir das wieder in Erinnerung gerufen”, sagt sie. Gemeinsam mit ihrer Mutter vereinbarte sie daraufhin den Termin bei Peter L., um mal etwas tiefer, aber ganz unverbindlich in die Materie einzutauchen.
Nach dem Motto: Anhören kann man sich das ja mal. Ein Schritt, den ihre Klassenkameraden gar nicht erst gehen. „Die Bundeswehr ist nicht so ein Thema, die meisten wissen schon, was sie machen wollen.”
An diesem verregneten Vormittag in Kiel ist die Bundeswehr Thema. Mit dem Medizinstudium als Wunsch kommt für Rebecca nur die Karriere im Sanitätsdienst infrage. „Alternativen?”, fragt Peter L. Eine zweite Option für die Hinterhand? „Nein”, sagt die Schülerin zielstrebig. Medizin soll es sein.
Im Sanitätsdienst locken gleich 2000 Euro Netto. Nötige Fahrten beim Bewerbungsprozess, etwa zum Sport- und Fitnesstest, bezahlt die Bundeswehr. „Wir kümmern uns um alles, bis auf das Testergebnis“, scherzt L. Das Orientierungsgespräch fühlt sich hier bereits längst wie ein Einstellungsgespräch an.
Das liegt auch an dem Esprit, den Peter L. verströmt. Lebhaft berichtet er von den eigenen Erfahrungen bei Auslandseinsätzen und lebenslangen Freundschaften, die er der Bundeswehr verdankt. Flugs ist auch ein Besuch von Rebecca im Hamburger Bundeswehrkrankenhaus in trockenen Tüchern. Die Nummer von Peter L. bekommt Rebecca obendrauf. „Für Fragen aller Art”, sagt er.
Zudem sei die Bundeswehr gerade für Mediziner ein guter Einstieg ins Berufsleben. „Es gilt: Deutscher Standard weltweit”, betont Peter L. Auslandseinsätze und das Lernen des Umgangs mit der Waffe gehören auch im Sanitätsdienst dazu. Das wäre für Rebecca allerdings kein Problem. „Das muss ja klar sein”, sagt sie trocken.
Am Ende füllt Rebecca die Bewerbungsunterlagen aus, fest zusagen will sie allerdings noch nicht „17 Jahre Verpflichtungszeit sind wirklich sehr viel”, sagt sie. Vielleicht könnte es doch eher der Freiwillige Wehrdienst für zwei Jahre werden.
Die lange Verpflichtungszeit ist ein Haken, den Peter L. immer wieder wahrnimmt - und den er gut nachvollziehen kann. „Meine Tochter ist fast im gleichen Alter. Am Ende der Dienstzeit wären die jungen Menschen doppelt so alt wie jetzt. „Das muss gut überlegt sein.”