Hamburg  Große Lkw gegen kleine Leute: So inszeniert sich die „Letzte Generation“

Anneke Rieterken
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Von Anneke Rieterken
| 02.04.2023 09:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Auf Straßen sitzende Aktivisten mit orangenen Warnwesten sind ein Wiedererkennungsmerkmal der Letzten Generation. Foto: IMAGO IMAGES/Eibner
Auf Straßen sitzende Aktivisten mit orangenen Warnwesten sind ein Wiedererkennungsmerkmal der Letzten Generation. Foto: IMAGO IMAGES/Eibner
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Klebende Klimaaktivisten in Warnwesten, dunkle Karosserien und aggressive Autofahrer: Die „Letzte Generation“ taucht in Medienberichten mit immer gleichen Bildern auf. Dahinter steht eine ausgeklügelte Strategie. So geht die „Letzte Generation“ vor.

Die Aktivisten der „Letzten Generation“ blockieren seit Monaten Straßen und machen mit Farbaktionen in Museen oder zuletzt am Hamburger Rathaus auf sich aufmerksam. Die Bilder des Protests werden öffentlichkeitswirksam in den sozialen Netzwerken geteilt. Dabei wird nichts dem Zufall überlassen, analysiert Professorin Kathrin Fahlenbrach, Professorin für Medien- und Kommunikationswissenschaft, im Interview.

Frage: Die Protestaktionen der „Letzten Generation“ machen regelmäßig Schlagzeilen. Die Bilder der Blockaden ähneln sich, oft sind Aktivisten in Warnwesten zu sehen. Welche Muster in der Bildsprache erkennen Sie?

Antwort: Tatsächlich fällt mir auf, wie sehr die symbolische Protestaktion im Mittelpunkt steht. In der Protestforschung wird hier von Image-Events gesprochen: Dabei handelt es sich um Aktionen, die auf ihre mediale Bildwirkung hin performt werden. Die „Letzte Generation“ geht auf die Straße – den Ort des Konflikts im Kontext der Klimabewegung. Dort sorgen die Aktivist*innen mit den Blockaden für Aufmerksamkeit für die Klimakrise als ihr zentrales Anliegen. Die Bilder der Blockaden beinhalten dabei verschiedene Muster: Die „Letzte Generation“ setzt bewusst auf Emotionalisierung. Das wird besonders in der Konfrontation zwischen Aktivist*innen und Polizist*innen deutlich. Die Aktivist*innen lassen sich nicht provozieren und bleiben gezielt ruhig. Dadurch wirken die Autofahrer*innen und Polizist*innen umso aggressiver. Zudem setzt die Gruppe auf Personalisierung. Es gibt viele Portraitaufnahmen von Aktivist*innen, die ruhig in die Kamera blicken.

Frage: Erkennen Sie weitere Muster?

Antwort: Ja, die sogenannte David-gegen-Goliath-Rhetorik. Sie kommt besonders in den Bildern zum Ausdruck, in denen LKWs und Autos als riesige, entpersonalisierte Fahrmaschinen dargestellt werden. Die Aktivist*innen wirken davor klein und zerbrechlich und das physische Risiko, das sie eingehen, wird stark betont. Detailaufnahmen von den Händen, die auf der Erde kleben, zeigen ebenfalls, dass der körperliche Einsatz der „Letzten Generation“ im Vordergrund steht.

Frage: Kennen Sie diese Muster von anderen Protestgruppen?

Antwort: Viele der Muster, die die „Letzte Generation” einsetzt, sind bekannte Protestformen: Dazu zählen das genannte klassische Konfrontationsmuster zwischen Aktivist*innen und Polizei, Sit-Ins als Formen des zivilen Ungehorsams sowie die starke Emotionalisierung des Protests und die Organisation von Image-Events. Auch die Strategie, Momente einzufangen, in denen die Anderen, also Autofahrer*innen und Polizist*innen, als Aggressoren auftreten, hat auch eine gewisse Tradition in der Geschichte des pazifistischen Protests. 

Frage: Können Sie ein Beispiel nennen?

Antwort: Besonders prominent ist die Strategie zuletzt durch die Black-Lives-Matter-Bewegung geworden. Momente, in denen sich Aktivist*innen der Polizei entgegenstellen, haben genau dieses Moment der physischen Verletzbarkeit. Die Tendenz, ein pazifistisches Zeichen zu setzen, indem man der Gewalt anderer mit Friedfertigkeit begegnet, sehe ich auch hier. Aber auch im Allgemeinen sehe ich sehr viele Kontinuitäten dieser Bildproteste in der Tradition linksliberal emanzipatorischer Proteste. Die Studentenbewegung um 1968, die Friedensbewegung oder auch die Öko-Bewegung der 1980er Jahre, haben bei Sitzstreiks ihren eigenen Körper in Gefahr gebracht.

Frage: Was ist anders bei der „Letzten Generation”?

Antwort: Die „Letzte Generation“ tritt sehr viel radikaler auf. Sie stören unter Einsatz ihres Körpers die öffentliche Ordnung. Auch deswegen wird die Gruppe als radikal bis terroristisch angesehen.

Frage: Wie wichtig sind die sozialen Medien für Protestgruppen heute und wie nutzt die „Letzte Generation” sie? 

Antwort: Die Sozialen Netzwerke sind für Protestgruppen heute extrem wichtig, da sie dort ihre Botschaften platzieren können und Menschen erreichen. In der Protestforschung lässt sich diese Entwicklung beobachten. Die „Letzte Generation” arbeitet in den sozialen Netzwerken mit persönlichen Geschichten und Portraitfotos. Das macht die Beweggründe für den Protest für die breite Öffentlichkeit besser nachvollziehbar. Ich glaube, das ist sowohl für die politische Kommunikation als auch für die Wahrnehmung des Protestes eine gute Strategie, um die Menschen hinter den aktivistischen Gruppierungen sichtbar zu machen.  Interessant ist, wie die „Letzte Generation” auch im Umgang mit Hasskommentaren ihre gezielt ruhigen Reaktionen beibehalten. Damit haben wir hier auch wieder diese Gegenüberstellung von friedfertigen, sich prosozial, progesellschaftlich äußernden engagierten Einzelpersonen, die auf dieser Plattform einer Menge an aggressiv und polemisch auftretenden Personen entgegentreten, die eigentlich in ihrer Aggressivität und Unsachlichkeit auch wiederum für sich sprechen.

Frage: Das spricht für ein hohes Maß an Professionalität, oder? Wie wichtig ist eine fachkundige Öffentlichkeitsarbeit für die „Letzte Generation”?

Antwort: Es ist tatsächlich so, dass Protestbilder, die eine Wirkung erzielt haben, immer auch eine inszenatorische Note hatten und haben. Und ich würde sagen, dass in unserer medialen Öffentlichkeit ein gewisser Grad an Inszeniertheit Voraussetzung für den Erfolg einer symbolischen Protestaktion ist. Damit ein symbolischer Mehrwert entstehen kann, braucht es ein In-Szene-Setzen einer Konfliktsituation, die auch übertragbar ist auf den allgemeinen Konflikt in der Gesellschaft. Und so wie die „Letzte Generation” sich da vor die Autos setzt, gelingt es ihnen schon zu vermitteln: Wir haben ein Problem mit Autos, wir haben ein Problem damit, wie Autos in unserer aktuellen Situation den Klimawandel verschärfen. 

Antwort: Gelingt diese Vermittlung denn? Immer wieder gibt es massive Kritik an der Protestform. Woran liegt das? 

Antwort: Im Vergleich zu anderen prominenten Protestbewegungen wie „ Fridays For Future” (FFF), fehlen der “Letzten Generation” Einzelpersonen, die für die Bewegung stehen. Die „Letzte Generation” hat im Gegensatz zu „FFF” keine Greta Thunberg oder Luisa Neubauer. Durch das Fehlen dieser ikonischen Personen ist meiner Meinung nach auch die Vermittlung der politischen Forderungen schwer. Das war besonders bei den Aktionen in Museen deutlich. Auch die Menschen, die mit der Gruppe sympathisierten, haben den Sinn davon nicht verstanden, weil ihnen der symbolische Bezug zu den Protestanliegen nicht deutlich wurde. Gäbe es eine zentrale Sprecher*innen-Figur, würden die Proteste weniger anonym wirken. Durch das Fehlen von zentralen Figuren wird die „Letzte Generation” zudem als anonyme Gruppe wahrgenommen. Für die breite Öffentlichkeit ist sie mehr oder weniger gesichtslos und dadurch wirkt sie radikal. 

Frage: Würden Sie dennoch sagen, dass die „Letzte Generation” mit ihrer Strategie Erfolg hat?

Antwort: Was sie in jedem Fall erreicht, ist öffentliche Aufmerksamkeit. Was ihnen aber immer wieder vorgeworfen wird – und ich muss sagen, nicht ganz zu Unrecht: Die Gruppe hat kaum Lösungen für die aktuellen Probleme oder Alternativen.  Da sie eben auch keine Sprecher haben, die ihre Forderungen in die Öffentlichkeit vermitteln, wie das eine Greta Thunberg macht, bleiben auch diese öffentlichkeits-provozierenden Bildaktionen als Selbstzweck im Raum hängen. Die Gefahr ist, dass unverständlich bleibt, was die Aktionen sollen. Eine Demonstration wäre da sehr viel vermittelnder, als so einzelne Symbolaktionen, die in erster Linie auf Provokation abzielen. Insofern ist es mindestens zwiespältiger, was die Erfolgsaussichten anbelangt.

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