Hamburg  Die Bundeswehr will wachsen, aber sie schrumpft

Tim Prahle
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Von Tim Prahle
| 29.03.2023 23:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
18.800 Rekruten fingen 2022 bei der Bundeswehr an. Noch mehr Soldaten kehrten ihr allerdings den Rücken. Foto: Annette Riedl/dpa
18.800 Rekruten fingen 2022 bei der Bundeswehr an. Noch mehr Soldaten kehrten ihr allerdings den Rücken. Foto: Annette Riedl/dpa
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Das personelle Wachstum gilt in der Truppe als ebenso wichtig wie eine vernünftige Ausrüstung. Doch um die selbstgesteckten Ziele zu erreichen, müssen 21.000 Menschen rekrutiert werden. Jedes Jahr.

Die Bundeswehr hat 2022 insgesamt mehr Soldaten verloren als dazugewonnen. Das geht aus Zahlen des Bundesverteidigungsministeriums hervor, die unserer Redaktion vorliegen. Auf knapp 18.800 Rekruten kamen demnach mehr als 19.500 Soldaten, die aus dem Dienst ausschieden. Das zweite Jahr in Folge überstieg die Zahl der Abgänger damit die der Neueinstellungen. Seit 2016, dem Jahr, in dem der gezielte Personalabbau bei der Bundeswehr gestoppt wurde, waren die Abgänger sonst immer in der Unterzahl.

Bei den Personalern der Bundeswehr gibt es seit Jahren eine magische Zahl, an der sich alle orientieren. 203.000. So viele Soldaten sollen es 2031 bei der Bundeswehr sein. Eine Zielmarke, die ursprünglich schon 2025 erreicht werden sollte und von der ehemaligen Ministerin Christine Lambrecht (SPD) kurzerhand nach hinten geschoben wurde.

Verbunden war das wohl mit der Hoffnung, dass die Bundeswehr mit ihrem „neuen“ Aufgabenprofil der Bündnis- und Landesverteidigung zumindest in den nächsten acht Jahren rasant wächst. Aktuell stagniert die Bundeswehr bei einer Größe von etwa 183.000 Soldaten.

Nach Angaben des Verteidigungsministeriums bräuchte die Truppe jährlich sogar 21.000 Soldaten, um das Personalniveau nicht nur zu halten, sondern auch zu steigern. „Militärischer Regenerationsbedarf“ wird das Ganze genannt. Daran gemessen, waren es in den vergangenen Jahren Tausende zu wenig.

Ministerium und Bundeswehr heben aber auch die Schwierigkeiten hervor, mit denen der große Apparat seit 2016 zu kämpfen hat. 2020 und 2021 sei das Wachstum durch die Coronapandemie gebremst worden. So verhinderten Schutzmaßnahmen unter anderem die Werbung auf Messen. Und der allgemeine Fachkräftemangel und eine alternde Gesellschaft machten auch vor der Bundeswehr nicht halt.

„Mit Blick auf diese Rahmenbedingungen bleibt fraglich, ob die personellen Ziele des Verteidigungsministeriums noch realistisch sind“, wird die Wehrbeauftragte Eva Högl in ihrem Bericht deutlich.

Doch dort sieht man auch erste Erfolge: Etwa die zahlenmäßig „spürbaren Steigerungen“ bei der Einstellung freiwillig Wehrdienstleistender und Soldaten auf Zeit im Vergleich zum Jahr 2021. „Zudem befinden sich aktuell beispielsweise über 30.000 Soldatinnen und Soldaten in der mehrjährigen Ausbildung und damit deutlich mehr als planerisch für dieses Jahr vorgesehen“, hebt eine Sprecherin des Ministeriums hervor.

Nicht unwichtig, denn künftig sollen die derzeitigen Auszubildenden die Lücke bei den Dienstposten weiter schließen. Immerhin: „Nur“ etwa jeder sechste Posten für Mannschaften, Unteroffiziere und Offiziere war 2022 unbesetzt. So wenige, wie nie zuvor. Bis 2031 kommen insgesamt sogar noch 7000 neue Stellen geschaffen werden, die besetzt werden können. 

Doch die ersten Erfolge bei der Nachwuchsgewinnung können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Bundeswehr nicht alle halten kann. Etwa 2600 Soldaten verlassen die Bundeswehr jedes Jahr aus Altersgründen. Und mehr als jeder Fünfte, der aus dem militärischen Dienst ausscheidet, tut dies vorzeitig. 21,8 Prozent waren es 2022. Ein Problem, das bei der Bundeswehr seit Jahren besteht.

Es liegt auf der Hand: Würden nicht derart viele Soldaten die Bundeswehr vorzeitig verlassen, wären die Personalziele weit einfacher zu erreichen. Das Verteidigungsministerium nennt als möglichen Grund für das vorzeitige Ausscheiden neben dauernder Dienstunfähigkeit auch Abbrüche während der „Probezeit“. Innerhalb der ersten sechs Monate können Soldaten ihren Dienst widerrufen.  

Das trifft vor allem auf freiwillig Wehrdienstleistende zu. Mehr als 2000 von ihnen brachen 2022 ihren Dienst vorzeitig ab. Glaubt man dem Ministerium, wird neben der Personalgewinnung auch die Personalbindung stets mit neuen Maßnahmen gestärkt. Denn nur, wenn künftig mehr junge Menschen auch bei der Bundeswehr gehalten werden können, die aufwändig gewonnen wurden, dürfte der Aufwuchs tatsächlich gelingen.

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