Ort der Begegnung in Norden  Stadtbibliothek ist heute viel mehr als einfach nur Bücher

| | 27.03.2023 16:31 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Vera und Steffi beim Spieleabend der Norder Stadtbibliothek. Foto: Stadtbibliothek
Vera und Steffi beim Spieleabend der Norder Stadtbibliothek. Foto: Stadtbibliothek
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Kleidertauschbörse, Spieleabend, Programmierkursus – das Angebot der Norder Stadtbibliothek ist bunt und vielfältig. Warum das so sein muss, erklärte jetzt die Leiterin der Stadtbibliothek.

Norden - Wer glaubt, in einer Stadtbibliothek geht es vor allem darum, Bücher auszuleihen, der war schon lange nicht mehr in der Norder Stadtbibliothek. Natürlich ist lesen und die Leseförderung noch immer ein großer Teil der Arbeit von Leiterin Anke Czepul und ihrem Team. Eine Stadtbibliothek ist heute aber noch so viel mehr. Czepul nennt es einen „dritten Ort“. Was das ist, und warum Kinder in der Bibliothek jetzt auch Bobbycars und Keyboards ausleihen können, erzählte sie im Gespräch mit unserer Zeitung.

In der Norder Stadtbibliothek gibt es nicht nur Bücher auszuleihen. Die Bibliothek der Dinge bietet ein umfangreiches Angebot. Foto: Rebecca Kresse
In der Norder Stadtbibliothek gibt es nicht nur Bücher auszuleihen. Die Bibliothek der Dinge bietet ein umfangreiches Angebot. Foto: Rebecca Kresse

Eine jährliche von der Stadtverwaltung in Auftrag gegebene Umfrage unter Nordern hat erst kürzlich ergeben: Rund 60 Prozent vermissen Treffpunkte in der Innenstadt. Eine Steilvorlage für Anke Czepul: „Die Leute wollen nicht immer nur ins Café gehen. Das kostet zum einen Geld und zum anderen kann man ja auch nicht den ganzen Tag Kuchen essen.“ Die Norder Stadtbibliothek ist so ein Treffpunkt in der Innenstadt. „Wir sind ein niedrigschwelliger Ort, der zentral gelegen ist, an dem Menschen leicht miteinander ins Gespräch kommen können und Barrieren jedweder Art überwunden werden können“, so Czepul. Ein elementares Merkmal sei die Konsumfreiheit. Denn anders als im Café können sich die Besucher einfach hinsetzen, in Büchern oder Zeitschriften blättern oder miteinander ins Gespräch kommen. Durch die Flüchtlingswellen habe die Bibliothek als Treffpunkt noch einmal an zunehmender Bedeutung gewonnen, so Czepul. Aber auch im Kampf gegen die zunehmende Vereinsamung. „Die Ein-Personen-Haushalte werden immer mehr. Das betrifft nicht nur die alten Leute, die nicht mehr rauskommen, sondern auch jüngere Menschen, die häufig nur noch am Computer sitzen“, sagte Czepul. Diesen Menschen ein Anlaufpunkt zu sein, ist dem Team der Stadtbibliothek eine Herzensangelegenheit.

Spieleabend für junge Norder

Vor allem ältere Norder treffen sich deshalb regelmäßig zur Strickrunde in der Bibliothek. „Die freuen sich, wenn sie sich hier sehen, aber auch, wenn sie beim Tag der offenen Tür der Bibliothek mithelfen können“, sagte Czepul. Deutlich schwieriger sei es, die jüngeren Menschen zu erreichen, die ein Großteil ihrer Zeit vor dem Computer verbringen. „Das ist eine Herausforderung, der wir uns aber stellen“, sagte Czepul. Dafür brauche es Angebote, die sie interessieren, so Czepul. Entsprechend gibt es ein Angebot mit dem Namen Lego Mindstorms. Dabei geht es um das Programmieren am Computer mit Legoelementen, erklärte die Bibliotheksleiterin. Außerdem hat ihr Team gerade einen Spieleabend entwickelt. Die jungen Mitarbeiter stellten fest, dass viele Freunde weggezogen waren, sie gerne neue Leute kennenlernen würden, erzählte Czepul. Weil das auch vielen anderen Nordern so gehe, sei der Spieleabend für Junge und Junggebliebene entstanden.

Klassische Bücher gibt es natürlich auch noch in der Bibliothek. Foto: Rebecca Kresse
Klassische Bücher gibt es natürlich auch noch in der Bibliothek. Foto: Rebecca Kresse

Neben Büchern kann man in der Norder Stadtbibliothek aber noch viel mehr ausleihen. In der Bibliothek der Dinge gibt es zum Beispiel ein Boßel-Set, eine Nähmaschine, einen CD-Player, Draußenspielzeug, ein Waffeleisen, Skateboard und Bobbycar. Es sind eine Vielzahl an Gebrauchsgegenständen, die meist nur selten gebraucht werden. Statt zu kaufen, können die Geräte ausgeliehen werden. Damit leistet die Stadtbibliothek einen Beitrag zu den Nachhaltigkeitszielen „Agenda 2030“ der Vereinten Nationen, heißt es von der Bibliothek. Gleichzeitig ermögliche die Bibliothek der Dinge aber auch Chancengleichheit und soziale Teilhabe. Denn längst nicht jeder Haushalt habe die Möglichkeit, sich einfach bestimmte Gegenstände wie eine Spielekonsole oder eine Nähmaschine zu kaufen. Auch eine Sofortbilderkamera ist mit im Angebot. „Es ist selbstverständlich, dass wir mit den neuen Medien mitgehen. Die müssen wir auch ausleihen“, sagte Czepul. Was sie in fünf Jahren alles ausleihen werden, wisse sie heute noch nicht. „Vor fünf Jahren wussten wir auch nicht, dass wir heute Tonies ausleihen“, sagte Czepul.

Bibliothek hofft auf Sanierung und Anbau

Den typischen Norder Stadtbibliotheksbesucher gibt es laut Czepul nicht. Nachmittags seien eher junge Familien da, vormittags eher ältere Kunden, Rentner, die sich noch mit Büchern oder Zeitschriften eindecken. Im vergangenen Jahr waren 2764 Mitglieder angemeldet. Das sei eine gute Zahl für eine Stadt wie Norden, so Czepul. Seit der Corona-Pandemie wachsen die Zahlen wieder. Es kommen viel mehr junge Familien, sage Czepul. Aber die Nutzung verändere sich. Es werde nicht mehr so viel mitgenommen, dafür verändere sich die Aufenthaltsqualität. „Die Familien bleiben länger hier, lesen auch etwas vor. Die Kinder spielen vor Ort an den Quizmonitoren“, sagte Czepul.

Die Leiterin der Norder Stadtbibliothek, Anke Czepul. Foto: Rebecca Kresse
Die Leiterin der Norder Stadtbibliothek, Anke Czepul. Foto: Rebecca Kresse

Trotzdem sind das Lesen und die Leseförderung weiter Kernthemen in der Arbeit der Stadtbibliothek. Jeden Dienstag gibt es das Lesetraining im Rahmen der Leseförderung mit zwei Gruppen mit überwiegend arabischsprachigen Kindern. Dabei hilft eine Übersetzerin, die in der Linteler Schule arbeitet. Sie ist der Knotenpunkt zu den Familien. Sie sorgt dafür, dass die Kinder die Termine wahrnehmen. „Man braucht aber den Multiplikator und wir sind sehr froh, dass wir diese Frau haben. Sie sorgt auch dafür, dass die Kinder dableiben“, sagte Czepul. Das Lesetraining findet in festen Kleingruppen statt. Da geht es klar darum, dass die Teilnehmer lesen lernen. Das macht die Bibliothek schon eineinhalb Jahre mit sehr viel Aufwand. Denn – auch das sagt sie ganz klar: Eigentlich funktioniert das in Schulen nicht mehr. „Die Schule alleine schafft das nicht. Wir brauchen in der Stadt mehrere Angebote, das aufzufangen. Es gibt nicht mehr Lehrer. Deshalb finde ich es selbstverständlich, dass wir Angebote machen“, sagte Czepul.

Für die Erstklässler hat die Stadtbibliothek jetzt ein neues Programm entwickelt: Lesen als Superkraft. Den Kindern soll klar werden, dass sie, wenn sie lesen können, selbst eine Superkraft besitzen. Die Idee stammt ursprünglich von der Stiftung Lesen und dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Anke Czepul und ihr Team wird es in diesem Jahr erstmals bei den ersten Klassen der Stadt Norden anwenden. Um weiterhin ein so großes und umfassendes Angebot machen zu können, braucht die Stadtbibliothek aber auch selbst Unterstützung, so Anke Czepul: Die Sanierung des Gebäudes und einen Anbau. „Wirklich wichtig ist dabei Barrierefreiheit und eine Möglichkeit, auch einen Wickeltisch aufzustellen“, so die Leiterin.

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