Osnabrück Birgit Birnbachers „Wovon wir leben“: Roman über einen tiefen Fall
„Wovon wir leben“. Birgit Birnbacher zeigt mit ihrem Buch, wie sich eine Sozialstudie als guter Roman liest. Vor allem für Leserinnen hält das Buch einen wertvollen Rat bereit.
Während der Corona-Krise, mitten in der Pandemie waren sie die Helden – die Pfleger und Krankenschwestern. Julia ist eine von ihnen. Doch nach zwölf Jahren ist für sie Schluss auf der Station. Ein Behandlungsfehler, im größten Stress unterlaufen, reicht. Sie ist draußen. Gestern noch Heldin, heute arbeitslos: Birgit Birnbachers Roman „Wovon wir leben“ beginnt mit einem tiefen Fall, ja, einem Absturz.
Dieses Erlebnis nimmt Julia buchstäblich die Luft. Nur disziplinierte Atemtechnik hält sie aufrecht. Die Entlassene macht sich auf den Weg in das Dorf, aus dem sie herkommt. Sicherheit gibt es dort nicht. Die Fabrik, die Arbeit gab, ist geschlossen. Die meisten Dorfbewohner sind arbeitslos. Die Heimat, die Sicherheit geben soll, spiegelt Julia nur die eigene, aussichtslos wirkende Situation.
Birgit Birnbachers Buch ist Milieuerzählung und Sozialstudie. Dabei kommt die Autorin, 2019 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet, ohne Anklage aus. Zurückhaltend im Ton, aber mit untrüglichem Gespür für die Zwischentöne eines Lebens in der Notlage spürt die Autorin dem Schicksal der Arbeitslosen nach. Sorgsam horcht sie ihre Sprache, ihre Gespräche aus. Literatur avanciert so zu einem Instrument einer Forschung in den sozialen Randlagen der Gesellschaft.
Wovon wir leben: Der Titel spricht das Anliegen des Romans unmittelbar aus. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, möchte man auf den Buchtitel mit dem Bibelzitat antworten. Leben kann der Mensch nur, wenn er tätig ein darf. In Birnbachers Blick auf die Arbeitslosen geht es nicht einfach nur um Verteilungskämpfe, sondern vor allem um jenen sozialen Zusammenhalt, den die Arbeit sicherstellt.
Die studierte Sozialwissenschaftlerin Birnbacher bezieht sich ausdrücklich auf Marie Jahodas Studien zur Langzeitarbeitslosigkeit vor nahezu einhundert Jahren. Die Studie „Die Arbeitslosen von Marienthal“ gilt heute als Klassiker der Sozialforschung. Im Roman fasst Birnbacher das Thema der Arbeit in dem Symbol eines Tiers: „Vielleicht, denke ich jetzt, habe ich darüber nachgedacht, ob der Maskenweber nur glücklich ist, wenn er zu tun hat. Hätte er das nicht mit den meisten gemeinsam? Kenne ich jemanden, der nicht Masken webt?“.
Birnbachers Mikrostudie folgt Julias langsamem Weg in eine neue Selbstbestimmtheit. Der Vogel macht es ihr vor: Der Weg führt über die Selbstaktivierung – und nicht über die nächste Beziehung. Julia lässt die Männer hinter sich, den Städter Oskar, den sie auf dem Dorf kennenlernt, und den Vater, der ihre Pflege einfordern will.
„Sie legt eine Hand an die Scheibe, aber ich glaube nicht, dass das ein Gruß ist. Eher ist es, als würde sie mir bedeuten, fernzubleiben“: Am Ende weist eine Geste der Mutter den Weg in die Freiheit. „Wovon wir leben“ ist ein Roman jenseits des Twitter-Lärms. Wer in seinen Raum der Stille eintritt, lernt das Hinhören und das genaue Sehen. Was wäre von guter Literatur anderes zu erwarten?
Birgit Birnbacher: Wovon wir leben. Roman. Paul Zsolnay Verlag. 192 Seiten. 24 Euro.