Büsum  Darum protestierten Fischer und Landwirte gemeinsam gegen die EU-Politik

Martin Schulte
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Von Martin Schulte
| 23.03.2023 18:10 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Fischkutter vor Büsum. Wie geht es für viele Fischer in Deutschland jetzt weiter? Foto: Michael Ruff
Fischkutter vor Büsum. Wie geht es für viele Fischer in Deutschland jetzt weiter? Foto: Michael Ruff
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Grundschleppnetz-Verbot, sinkende Milchpreise und viele andere Sorgen. Für die Fischer und Landwirte, die nach Büsum gekommen sind, geht es nicht nur um Verbote. Es geht um ihre Zukunft. Wir haben mit Ihnen gesprochen.

Die Kuh schaukelt in den Wellen hin und her, dann bekommt sie etwas Schlagseite. Ursula Trede greift zu und hält sie an der Hüfte fest. Die Landwirtin steht bis zum Bauch im Wasser, seit dreieinhalb Stunden. Ein paar Urlauber bleiben stehen und machen Fotos: Eine schwarz-rot-golden bemalte Plastik-Kuh in der Nordsee vor Büsum – das gibt es hier auch nicht jeden Tag zu sehen. Aber heute ist ja auch nicht jeder Tag, heute ist der Tag der großen Bauern- und Fischerproteste.

Denn keine 200 Meter entfernt tagen heute die Agrar- und Fischereiminister der Länder, gemeinsam mit dem zuständigen Bundesminister Cem Özdemir (Grüne). Eingeladen hat Werner Schwarz (CDU), der Kieler Landwirtschaftsminister hat derzeit den Vorsitz in der Länderkonferenz. Viele Themen stehen auf der sechs Seiten umfassenden Agenda, es geht um Wölfe und Weidetierhaltung, um Biokraftstoffe und Berufsschullehrer in der Landwirtschaft. Für die vielen Fischer und Landwirte aber, die gekommen sind, geht es um die Zukunft. Deshalb haben sie sich in Büsum zu einer Allianz des Protests zusammengefunden.

Ursula Trede etwa, die im Landesvorstand des Bundesverbandes Deutscher Milchviehhalter (BDM) sitzt, verliert derzeit monatlich viel Geld. Sie steht in der Wathose, die sie dreieinhalb Stunden im Wasser getragen hat, auf der Promenade und rechnet vor: „Im vergangenen Monat haben 20 000 Euro gefehlt.“ Trede bewirtschaftet mit ihrem Mann und ihrem Sohn zusammen einen Hof mit 150 Milchkühen in Nienborstel (Kreis Rendsburg-Eckernförde). Sie hatte mal die damalige Kanzlerin Angela Merkel zu Gast, die auf ihrem Hof ein Kälbchen taufte und mit den Tredes bei Kaffee und Kuchen zusammensaß.

Auch damals ging es um die Sorgen der Milchviehhalter. Viereinhalb Jahre ist das her, viel geändert hat sich seitdem nicht. Zumindest nicht zum Guten. Trede schimpft nicht, sie erklärt mit ruhiger Stimme, wo aus ihrer Sicht die Probleme liegen. „Der Milchpreis lag im Januar bei 55 Cent, im Februar bei 47 Cent und im März sind uns von der Molkerei 37 Cent prognostiziert worden – mit diesen Schwankungen kann niemand wirtschaftlich planen.“

Das Problem: Der Markt reagiert schnell, die Landwirte auch. Steigt die Nachfrage, wird mehr Milch produziert, der Preis fällt. Und er fällt schnell. Deshalb fordert der BDM freiwilligen Lieferverzicht gegen eine Entschädigung, damit die Menge und der Preis stabil bleiben. In der vergangenen Woche haben Sie diese Idee auch Werner Schwarz in Kiel präsentiert. Und? „Seine Reaktion war verhalten.“

Werner Schwarz ist in Büsum ein gefragter Mann, bei Bauern und Fischern. Gerade läuft er mit einem Krabbenbrötchen in der Hand von einem Ausflugsschiff aus in Richtung Hotel. Auf dem Schiff hat er mit den Vertretern der Krabbenfischer gesprochen, gemeinsam mit seiner niedersächsischen Kollegin Miriam Staudte.

Es ging um das geplante Verbot der grundberührenden Fischerei in Schutzgebieten, das die Europäische Union im Februar vorgestellt hat. Es würde faktisch das Verbot der Krabbenfischerei in der Nordsee nach sich ziehen. „Es ist wichtig, dass wir uns die Ängste und Forderungen der Krabbenfischer anhören“, sagt Schwarz anschließend: „Die Fischer haben hier ja auch ordentlich was aufgefahren.“ Er meint damit auch die Protestfahrt der Krabbenfischer am Morgen.

Um zehn Uhr ging es aus dem Büsumer Hafen in Richtung des Tagungshotels der Fischereiminister, das nur ein paar hundert Meter weiter liegt. Eigentlich sollten 100 Boote dabei sein, es waren Kutter aus Dänemark und Holland nach Büsum gekommen. Aber die See ist zu rau, viel Strömung bei auflaufendem Wasser, viel Wind. Die kleineren Boote müssen deshalb im Hafen bleiben. Aber der Protest wird trotzdem wahrgenommen, auch weil die Sirenen der Boote laut über das Wasser in Richtung Ufer schallen. Ein Fischer hält sogar eine brennende Signalrakete am ausgestreckten Arm.

An Bord des Büsumer Krabbenkutters „Jan Maat“ ist auch Alina Marie Schumacher. Auf dem Kapuzenpulli der 21-Jährigen steht der Name des Bootes, auf dem sie als Fischerin gemeinsam mit ihrem Bruder unterwegs ist: SD 34 „Keen Tied“. „Ich möchte eine Zukunft als Fischerin haben“, sagt die junge Frau, die eine Lehre als Steuerfachangestellte gemacht hat. „Aber das hier ist das, was ich machen will.“

Sie erzählt von den Sonnenuntergängen auf See und der Spannung, in dem Moment, wenn die Netze hochgezogen werden. „Das ist immer noch jedes Mal besonders“, sagt sie. Dabei blickt sie in Richtung der anderen Kutter, die um die „Jan Maat“ kreisen. „Was wir machen, ist sehr wichtig für die Region und den Tourismus, da hängen viele Jobs dran.“ Sie selbst möchte nicht mehr an den Schreibtisch zurück: „Ich möchte eines Tages als Fischerin in Rente gehen.“

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