Hamburg  Keine Särge und kein Kreuz: So wird der Trauer-Gottesdienst der Zeugen Jehovas

Markus Lorenz
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Von Markus Lorenz
| 22.03.2023 15:45 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Mit Blumen und Briefen gedenken Gemeindemitglieder der Opfer der Amoktat in Hamburg. Foto: Christian Charisius/dpa
Mit Blumen und Briefen gedenken Gemeindemitglieder der Opfer der Amoktat in Hamburg. Foto: Christian Charisius/dpa
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53 Hamburger Gemeinden der Zeugen Jehovas sind gemeinsam mit Vertretern von Behörden und Politik zu dem Gottesdienst in der Alsterdorfer Sporthalle geladen. Auch Vertreter des obersten Gremiums aus den USA reisen nach Hamburg.

Gut zwei Wochen nach der Amoktat mit acht Toten in Hamburg gedenken die Zeugen Jehovas am Sonnabend der Opfer. Die Trauerfeier beginnt um 15 Uhr in der Alsterdorfer Sporthalle – nur rund 800 Meter Luftlinie vom Anschlagsort im Gemeindesaal der Zeugen Jehovas in Groß Borstel entfernt. Am 9. März hatte dort das ehemalige Gemeindemitglied Philipp Z. (38) mit einer Pistole sieben Gläubige und anschließend sich selbst erschossen; unter den Toten ist auch ein ungeborenes Kind.

Zu der Gedenkfeier würden bis zu 4000 Teilnehmer erwartet, sagte Michael Tsifidaris, Sprecher der Religionsgemeinschaft in Norddeutschland, am Mittwoch. Eingeladen seien die Mitglieder aller 53 Hamburger Gemeinden sowie Vertreter von Stadt, Bund und Behörden, aber auch der Einsatzkräfte. Tsifidaris: „Auch Hinterbliebene, die die Kraft dazu finden, werden anwesend sein.“

Für die Stadt wird Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) teilnehmen, der sich mit einer Trauerrede direkt an die Opfer richten wolle. Aus dem Senat haben auch die Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank (Grüne) und Innensenator Andy Grote (SPD) ihr Kommen zugesagt. Wer von der Bundesebene nach Hamburg anreist, ist noch offen.

„Wir sind der Stadt Hamburg und insbesondere dem Ersten Bürgermeister, Herrn Dr. Tschentscher, sehr dankbar, dass wir mit der Alsterdorfer Sporthalle eine passende Örtlichkeit in der Nähe der betroffenen Gemeinde finden konnten. Das wird dem Wunsch der betroffenen Opfer, der großen Anteilnahme und dem Anlass gerecht“, heißt es in einer Mitteilung.

Nach seinen Worten gliedert sich die etwa einstündige Gedenkfeier in zwei Teile. Zunächst werde es einen „schlichten Gottesdienst“ geben, mit einer Gedenkansprache eines Vertreter des deutschen Zweiges der Zeugen Jehovas. Aus den USA wird ein Abgesandter der „leitenden Körperschaft“ erwartet, das weltweite Führungsgremium der Religionsgruppe, der ebenfalls einige Worte an die Anwesenden richten werde.

Nach Gesang und Gebet folgt der zweite Teil mit den Beiträgen von Tschentscher und anderer Vertreter aus dem weltlichen Leben. Repräsentanten anderer christlicher Konfessionen sind laut dem Sprecher nicht ausdrücklich eingeladen, würden auf Wunsch aber eingelassen.

Das Innere der Sporthalle dürfte ein für christliche Gewohnheiten äußerst nüchternes Bild abgeben. „Wir kennen keine ritualisierten Formen der Trauerfeier“, erläuterte Tsifidaris. Gegenständliche Symbole sind bei Zeugen Jehovas grundsätzlich verpönt: Es gibt keinen Altar, die Geistlichen tragen kein Ornat. Auch fehlt das Kreuz. Nach Lesart der Religionsgruppe wurde Jesus an einem Pfahl zu Tode gefoltert.

Särge oder Urnen der getöteten Gemeindemitglieder sind ebenfalls nicht Teil der Gedenkzeremoie. Auch Fotos von den Opfern würden nicht aufgestellt. Tsifidaris: „Für uns stehen der Schutz der Persönlichkeit und der Hinterbliebenen bei diesem Anlass an erster Stelle.“

Nicht geladene Interessierte erhalten keinen Zutritt, da die Plätze in der Halle restlos belegt sein dürften. „Die Gemeinde in Hamburg-Winterhude bittet um Verständnis, dass aus Platzgründen die Trauerfeier nicht für weitere Besucher geöffnet werden kann“, heißt es in der Mitteilung. Dennoch soll die Öffentlichkeit den Trauerakt nach Möglichkeit verfolgen können. Die Zeugen Jehovas bemühen sich laut Tsifidaris um eine Live-Übertragung im TV oder per Internet-Stream.

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