Osnabrück Experte: Wo Karl May problematisch ist und wo gerade nicht
Er war ein Kämpfer für die Unterdrückten: Andreas Brenne plädiert für Karl May - und für eine Jugendliteratur, die Konflikte nicht ausblendet. Der Professor hat gerade eine Tagung zu Karl May an der Universität Potsdam veranstaltet.
Frage: Mit Ihrer Tagung an der Universität Potsdam reagieren Sie auf die Kontroverse um den Film „Junger Häuptling Winnetou“. Geht das Rezept auf?
Antwort: Ich hatte nicht die Absicht, im Streit um aktuelle Diskurse um den Themenkomplex der kulturellen Aneignung und Identität Positionen zu versöhnen, sondern ein Klima zu schaffen, in dem strittige Positionen offen diskutiert werden können. Das funktioniert. So richtig kontrovers ist es aber nicht geworden.
Frage: Aber die Welt Karl Mays ist aus heutiger Sicht schon voller Fallstricke, was die Bilder vom Fremden angeht?
Antwort: Die Welt Karl Mays ist eine Welt der Fallstricke und Probleme, aber auch eine Welt der Chancen. Die Hindernisse und Probleme, die wir in den Werken dieses Autors finden, kann man ärgerlich finden oder als Fingerzeig . Wir müssen die Werke Karl Mays aus heutiger Sicht neu lesen. Es reicht nicht aus, diese Texte auf kolonialistische und rassistische Inhalte zu reduzieren. Das sind sie zu Teilen sicherlich, aber man findet auch das Gegenteil. Es sollte also darum gehen, sie in ihrer Ambivalenz aus heutiger Perspektive produktiv zu rezipieren.
Frage: Sie sind ein erklärter Fan Karl Mays. Bei den Diskussionen in Potsdam werden dessen Texte seziert. Bleiben Sie weiter Karl-May-Fan?
Antwort: Ja, in jedem Fall. Karl Mays Werke werden ja viel interessanter, wenn man sie kritisch reflektiert und Brüche und Widersprüche sichtbar werden. Um es einmal so zu sagen: Auch ein „unartiges“ Kind ist deutlich interessanter als eines, das sich stromlinienförmig verhält. Heutige Kontroversen können diesem Werk Neues abgewinnen. Karl May ist noch lange nicht auserzählt.
Frage: Karl May wird nicht mehr so viel gelesen. Dennoch ist diese Figur emotional sehr aufgeladen. Woran liegt das?
Antwort: Das liegt an der Weitergabe dieser Texte und ihrer Themen über die Generationen hinweg. Amerikaner, „Indianer“, Wilder Westen und Karl May: Auch wenn das kaum noch jemand in der Gruppe unter 18 Jahren liest, ist diese Welt trotzdem weiter präsent. Jedes Jahr pilgern rund 900.000 Menschen zu den Karl-May-Bühnen. Seit 120 Jahren werden die Werke Karl Mays tradiert. Deshalb zünden die Kontroversen um diesen Autor weiterhin.
Frage: Wer liest denn Karl May heute noch?
Antwort: Das sind Erwachsene, jene, die sich früher schon mit Karl May befasst und seine Werke als Brücke zur Welt aufgefasst haben. Jetzt wenden sie sich aus einer erwachsenen Perspektive diesen Büchern zu. Aber auch Kinder und Jugendlichen kann man diese Literatur nahebringen. Mein Sohn zum Beispiel hat Karl May gern gelesen. Das liegt natürlich an der familiären Weitergabe. Andere Bücher, die einst hoch im Kurs standen, werden von jungen Menschen kaum noch gelesen, etwa „Tom Sawyer und Huckleberry Finn“ von Mark Twain oder „Robinson Crusoe“ von Daniel Dafoe. Diese Texte brauchen Literaturvermittlung.
Frage: Gibt es Textstellen im Werk Karl Mays, die Sie einfach nicht ertragen?
Antwort: Es gibt Stellen, bei denen ich schlucken muss. Da denke ich an „Winnetou III“. Der Schurke Fred Morgan, der eine ganze Familie ausgelöscht hat, wird gefangen gesetzt und soll bestraft werden. Er soll auf brutalste Weise hingerichtet werden; man will ihn in einem Fluss ertränken. Da sagt Winnetou: Diese Hinrichtung möge doch ein Schwarzer ausführen, damit sich kein Christenmensch an dieser Handlung versündige. Da muss man als Leser schon schlucken.
Frage: Was ist denn Karl May dann für uns, ein Vorkämpfer der Völkerverständigung oder ein Rassist?
Antwort: Karl May ist vieles. Man kann ihn als Rassisten sehen. Er ist aber vor allem ein widerborstiger Mensch, der auch als Autor der Kolonialzeit Normalitätsvorstellungen hinterfragt. Selbst im Dritten Reich gab es Strömungen, die ihn ob seiner Gedanken zur Völkerverständigung abgelehnt haben. Karl May passte nur bedingt in das Dritte Reich bzw. wurde passend gemacht. Er stand trotz eines inhärenten kolonialen Habitus auf der Seite der Unterdrückten. Ein Rassist er für mich aber nicht, auch wenn er mit Klischees arbeitet. Außerdem finde ich wichtig, dass Konflikte in den Romanen immer wieder dialogisch gelöst werden. Der Protagonist versucht eigentlich immer, Probleme durch Verhandlungen zu lösen.
Frage: Manche Kritiker sagen, Karl May sei Kindern und Jugendlichen heute nicht zuzumuten. Finden Sie das auch?
Antwort: Diese Ansicht teile ich nicht. Meine pädagogische Haltung ist, Kinder und Jugendliche nicht vor inkriminierten Texten oder Wörtern zu bewahren. Die Welt ist eben zu Teil auch schrecklich und verstörend. Wir müssen Räume schaffen, in denen über solche Verstörungen gesprochen werden kann. Die ethische Haltung muss ein Kind aber selbst entwickeln. Das geschieht nicht dadurch, dass man nur ideale Zustände erzeugt. Kinderbücher, die einen Rassisten als Figur nicht mehr explizit bezeichnen können, helfen hier nicht weiter. Literatur hat auch etwas Wildes. Das soll man Kindern nicht vorenthalten.
Frage: Die Rücknahme der Winnetou-Bücher durch den Ravensburger Verlag hat ja gezeigt, dass es genau da einige Probleme gibt. Trägt Ihr Kongress zu einem anderen Umgang mit den Büchern Karl Mays bei?
Antwort: Das ist meine Hoffnung. Wir müssen das Gespräch über kontroversen Positionen weiterentwickeln. Verkürzte und apodiktische Debatten in sozialen Netzwerken führen zu nichts. Wir müssen die Positionen schärfen; aus Gegnerschaft darf keine Feindschaft werden. Das ist der demokratische Diskurs.
Frage: Was lernen Sie gerade aus Ihrem eigenen Kongress?
Antwort: Ich sehe die Lücken in der Beschäftigung mit Karl May. Ich finde es wichtig, Karl May vor dem Horizont der deutschen Kolonialgeschichte genauer zu betrachten. Das betrifft insbesondere seine Bücher über den Orient. In den Winnetou-Romanen ist die Landnahme ja schon abgeschlossen. Karl May schreibt in der Zeit, in der das Deutsche Reich, wie es hieß, seinen Platz an der Sonne suchte und sich am europäischen Kolonialismus beteiligte. Das müssen wir uns noch genauer anschauen.
Frage: Sie haben in Ihrem Leben schon viel Karl May gelesen. Warum lesen Sie ihn immer noch weiter?
Antwort: Weil ich noch längst nicht alles gelesen habe. Jetzt ist gerade der 96. Band der Gesamtausgabe im Bamberger Verlag erschienen. Und dann kommen noch die ganzen Bearbeitungen der Texte hinzu. Die sind auch spannend, weil sie kulturgeschichtlich bedeutsam sind. Insofern wird Karl May niemals langweilig, weil er so viele Themen behandelt und in seinem Alterswerk noch einmal ganz neue Wege gesucht hat. Davon kann ich nicht genug bekommen.