Heide  Bespuckt, geschlagen und Haare angezündet: 13-Jährige in Heide über Stunden gepeinigt

Eckard Gehm
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Von Eckard Gehm
| 21.03.2023 06:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Das 13 Jahre alte Opfer lebt in Heide, einem Brennpunkt der Jugendgewalt. Foto: Ulrich Seehausen
Das 13 Jahre alte Opfer lebt in Heide, einem Brennpunkt der Jugendgewalt. Foto: Ulrich Seehausen
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Gerade erst hat der gewaltsame Tod von Luise Deutschland erschüttert. Nun zeigt ein Video aus Schleswig-Holstein, dass Gewalt unter Kindern offenbar kein Einzelfall ist. Opfer ist eine 13-Jährige aus Heide.

Sie weint verzweifelt, sie atmet panisch, sie bettelt und fleht. Es sind Bilder, die nur schwer zu ertragen sind: Auf dem Verbindungsweg zwischen Güterstraße und Bahnhofsgang in Heide umringt eine Gruppe von etwa zwölf Mädchen die 13 Jahre alte Hanna (Name geändert). Die Täterinnen sind 14 bis 17 Jahre alt und filmen Hannas Martyrium. Das Video, das in sozialen Netzwerken kursiert, zeigt Demütigungen, seelische Grausamkeiten und Schläge, die fassungslos machen.

Hanna sitzt in einem roten T-Shirt auf dem Kantstein, ihre Jacke und ihren Pullover haben die Mädchen ihr ausgezogen, die Brille weggenommen. In Hannas Haaren klebt Kaugummi. Hannas Mutter, die namentlich nicht genannt werden will, sagt, das Video zeige nur fünf Minuten der Qualen, der ihre Tochter einen Nachmittag lang ausgesetzt gewesen sei.

Hanna wird die Asche von Zigaretten auf den Kopf geschnippt. Als sie aufsteht, um mit ihren Peinigerinnen auf Augenhöhe zu sein, schreit die Rädelsführerin: „Bleibt sitzen, während du mich anflehst.“ Dann kippt sie Hanna Cola über den Kopf, sagt: „Ich lass“ dich nicht so einfach gehen.“

Die Mädchen versprechen der weinenden Hanna, von ihr abzulassen, wenn sie sich zuvor ins Gesicht schlagen ließe. Vier sollen zuschlagen dürfen. „Einer schlägt mich nur“, schluchzt Hanna. „Ich darf auch“, rufen mehrere Stimmen hinter der Handykamera. Und: „Mach mal Reihenfolge.“ Dann beginnt ein grausiges Spiel. Hanna soll vor den Schlägen die Augen schließen. Aus Angst gelingt ihr das nicht. Sie wird angebrüllt und bedroht und bespuckt, die Hände, die sie sich schützend vors Gesicht hält, zieht die Rädelsführerin immer wieder weg.

Drei Schläge zeigt das Video, einer trifft Hannas Nase wuchtig, obwohl sie zuvor unter Tränen darum bat, ihr nicht auf die Nase zu schlagen. Sie sackt weinend zusammen, fleht: „Wartet, ich bekomme keine Luft.“

Die Täterinnen lassen nicht von ihr ab. Hannas Mutter erzählt, was die fünf Minuten nicht zeigen: Wie eines der Mädchen wenig später eine Zigarette auf der linken Wange ihrer Tochter ausdrückt, wie ihr die Haare angezündet werden. „Das verkokelte Haarband habe ich später gefunden.“

Perfide: Als sich eine Spaziergängerin nähert, tun die Täterinnen so, als würden sie sich um die weinende Hanna kümmern. „Sag, du hast Liebeskummer oder so“, fordert die Rädelsführerin. Und: „Wenn du jetzt mitspielst, darfst du danach gehen. Noch eine darf dich klatschen und danach darfst du gehen.“

Die Polizei bestätigt den Vorgang. Sprecherin Astrid Heidorn: „Die Polizei hat die Tatverdächtigen ermittelt, derzeit finden noch Vernehmungen statt.“ Als Straftaten stünden eine gemeinschaftliche gefährliche Körperverletzung im Raum, wegen der entwendeten Sachen möglicherweise auch ein Raub.

Unterdessen schlägt der Fall des geschlagenen und seelisch grausam misshandelten Mädchens in Heide hohe Wellen. In der Dithmarscher Kreisstadt ist Jugendgewalt ein stets wiederkehrendes Thema. Vergangenes Jahr erklärte die Polizei den Südermarkt in der Innenstadt zum gefährlichen Ort – weil sich dort Jugendliche von 14 bis 22 Jahren trafen, sich prügelten, Passanten bedrohten oder überfielen. 40 Straftaten hatten Bürger dort in nur vier Wochen angezeigt.

Harald Rothe leitet die Außenstelle Dithmarschen des Weißen Rings, der sich um Kriminalitätsopfer kümmert. Der pensionierte Polizist sagt: „Wir sehen eine zunehmende Verrohung bei Kindern und Jugendlichen, es ist eine sehr bedrückende Entwicklung.“ Eine mögliche Erklärung sieht Rothe in der zunehmenden Gewalt im häuslichen Umfeld. „Im Elternhaus wird Gewalt häufig als Lösung vorgelebt.“

„Ich verstehe die ganze Welt auf einmal nicht mehr“, sagt Hannas Mutter. Ihre Tochter und die beiden Schwestern seien erzogen worden, Konflikte mit Worten zu lösen. Im Video ist das zu sehen. Hanna will im Gespräch eine Einigung mit ihren Peinigerinnen finden, ist deshalb zu Zugeständnissen bereit. Doch die Gruppe der Mädchen ist nicht wirklich an Verhandlungen interessiert. Ihnen geht es sichtlich um die Freude am Quälen.

Hanna war um 13 Uhr aus dem Haus gegangen, um 17.30 Uhr brachte ein Mann sie zurück. Ihre Mutter sagt: „Er hat die Gefahr erkannt, in der meine Tochter war, hat sie zu sich genommen, als sie ihn um Hilfe bat. Wir sind ihm sehr dankbar.“ Und dann erzählt die Mutter vom 21. Februar, dem Tag, an dem ihre Tochter, die im Friedrich-Elvers-Förderzentrum zur Schule geht, der Mädchengruppe so hilflos ausgeliefert war. Weil Hanna bereits in den Tagen zuvor von einigen der Mädchen angegangen worden sei, habe sie als Mutter das Gespräch mit den anderen Eltern gesucht. „Damit Probleme mit mir geklärt werden, nicht mit meiner Tochter.“ Erfolg hatte das nicht. Im Gegenteil. Insbesondere ein Vater habe sie sogar bedroht.

Was Hanna geholfen habe, sei der Zufall und ein Mann mit Zivilcourage, sagt die Mutter. „Die Täterinnen sind abgehauen, als sich ein Polizeiauto mit Blaulicht und Sirene näherte. Meine Tochter flüchtete, wurde dann aber wieder eingeholt. Da war dann aber schon der Mann, der sah, dass sie Hilfe brauchte.“

Sie sei sofort mit Hanna zur Polizei gegangen und habe Anzeige erstattet. „Dort wurden ihre Verletzungen fotografiert.“ Bekannte hätten ihr dann später das Video und weitere Aufnahmen der Täterinnen gezeigt. „Diese Aufnahmen haben wir der Polizei übergeben.“

Heide hat seit 2008 eine eigene Ermittlungsgruppe Jugend, die derzeit 130 Fälle bearbeitet. Wegen der laufenden Ermittlungen will die Polizei keine weitere Auskunft geben, etwa darüber, ob die gewalttätigen Mädchen bereits zuvor polizeilich aufgefallen sind.

Auch der Kreis hält sich bedeckt. Sprecherin Sabrina Fock sagt: „Das Jugendamt ist informiert.“ Generell sei bei so einem Fall das gesamte Spektrum der Jugendhilfemaßnahmen möglich, darunter das Ableisten von Sozialstunden, die Teilnahme an einem Anti-Gewalttraining, aber auch Hilfen zur Erziehung. Problematisch werde es immer dann, wenn die Eltern nicht kooperativ seien. Dann könne der Gang zum Familiengericht erforderlich werden. Strafunmündigen Kindern könnten Gesprächsangebote gemacht werden. Und in Strafverfahren nehme die Jugendhilfe Kontakt zu Geschädigten auf, um im Rahmen des Täter-Opfer-Ausgleichs um eine Entschuldigung, Schadenswiedergutmachung und auch Schmerzensgeld zu erreichen.

Hannas Mutter sagt: „Ich möchte einfach nur, dass die Täterinnen ihre Strafe bekommen. Und nicht ein, Du, du, du‘ vom Richter.“ Familien, denen Ähnliches passiert ist, möchte sie ermutigen, die Taten anzuzeigen. Und sie will, dass Politik und Gesellschaft über die Gewaltproblematik nachdenken. „Warum nicht darüber diskutieren, ob die Altersgrenze für Strafmündigkeit gesenkt werden muss oder es für Gewalttaten härtere Strafen geben muss?“

Ihre Tochter Hanna hat sie sofort nach der Tat von der Schule genommen, auch aus Angst, sie könnte ihren Peinigerinnen erneut begegnen. „Sie ist noch immer in einer Tagesklinik, wo sich Ärzte um sie kümmern.“

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