Osnabrück Osnabrücker Polizeipräsident Maßmann: Stimmt nicht, dass Gewalttaten allgemein zunehmen
Gleich in zwei Fällen wurden junge Menschen jüngst in Bramsche ermordet. Nimmt die Zahl der Morde und sonstigen Gewalttaten in der Region zu? Im Interview erklärt der Osnabrücker Polizeipräsident Michael Maßmann die aktuellen Trends der Kriminalitätsstatistik
Frage: Herr Maßmann, in Bramsche haben gerade zwei Bluttaten die Kleinstadt erschüttert. Ein 16-Jähriger und wenige Tage später eine 19-Jährige wurden dort ermordet. Stimmt der Eindruck, dass es mehr Morde, Überfälle und Vergewaltigungen gibt?
Antwort: Nein, die zwei Fälle in Bramsche sind ganz schreckliche Ereignisse, die uns alle sehr nahegehen, aber wir können keine allgemeine Zunahme von Gewalttaten erkennen. Im Jahr 2022 ist deren Zahl in der Polizeidirektion Osnabrück zwar um knapp ein Fünftel auf 3001 Fälle gestiegen – aber damit wurde nur das Vor-Corona-Niveau wieder erreicht. Im Zehn-Jahres-Vergleich sind die Gewalttaten – zumeist Körperverletzungen – auf etwa gleicher Höhe geblieben. In unserer Region leben die Menschen in einem vergleichbar sicheren Umfeld.
Frage: Wegen der Corona-Auflagen war die Zahl aller Straftaten in den vergangenen zwei Jahren stark gesunken, es gab einfach zu wenig Gelegenheit für Taschendiebe, Einbrecher und reisende Banden. Nun steigen sie wieder…
Antwort: Ja, aber eine seriöse Aussage zur Entwicklung der Kriminalität werden wir erst in zwei bis drei Jahren wieder haben. Wenn der Corona-Effekt ganz endet. Besonders bei der Jugendkriminalität müssen wir genau hinschauen, inwieweit sich die Pandemie auf die Kriminalität in den nächsten Jahren auswirkt. Im vergangenen Jahr hat die Polizei 83.000 Straftaten in unserer Region registriert. Das waren zwar zehn Prozent mehr als im Vorjahr, aber weniger als im Schnitt der vergangenen zehn Jahre. Wir schaffen es, zwei von drei Taten aufzuklären – das ist eine gute Nachricht.
Frage: Das Sicherheitsgefühl ist laut einer Umfrage zuletzt auch wieder bei den Bürgern in der Polizeidirektion Osnabrück gestiegen.
Antwort: Ja, allerdings beruht diese Studie auf Daten aus den Corona-Jahren 2020 und 2021. Man muss sehen, ob sich dieser Trend fortgesetzt hat. Wir setzen jedenfalls alles daran, damit die Menschen sich sicher fühlen können.
Frage: Geht denn die allgemeine Gereiztheit der Menschen, die unter den staatlichen Corona-Einschränkungen gelitten haben, wieder zurück?
Antwort: Das kann ich nicht sagen, diesen Trend muss man wissenschaftlich erforschen.
Frage: Kriminalität orientiert sich ja immer auch an der aktuellen Lage der Gesellschaft. Was fällt Ihnen da derzeit auf?
Antwort: Dass Ladendiebstähle und Tankbetrügereien drastisch zunehmen. Möglicherweise auch, weil es den Leuten wegen der gestiegenen Inflation einfach schlechter geht und sie weniger im Geldbeutel haben. Das könnte ein Dauertrend für die nächsten Jahre werden.
Frage: Für Schlagzeilen sorgen ja auch Messerstechereien, die sich bundesweit im vergangenen Jahr verdoppelt haben. Hierzulande auch?
Antwort: Nein, sie sind im Gegenteil von 343 auf 304 Taten gesunken. Ich bin froh, dass das so ist.
Frage: Vor wenigen Wochen wurde in Melle-Gesmold ein Bankautomat gesprengt. Bei der spektakulären Verfolgung konnte die Polizei die Täter fassen. Müssen wir mit solchen Taten jetzt häufiger rechnen?
Antwort: Bundesweit gibt es inzwischen jeden Tag eine Bankautomaten-Sprengung. In unserer Direktion stagnieren die Zahlen aber seit Jahren bei acht bis zehn Taten jährlich. Aus meiner Sicht liegt das daran, dass wir schon sehr früh – vor drei Jahren – mit einer Ermittlungsgruppe eingestiegen sind. Wir hatten zwei internationale Erfolge, es konnten mehr als 40 Täter ermittelt werden.
Frage: Könnte die Polizei Bankautomaten nicht besser schützen?
Antwort: Nein. Es ist völlig utopisch, dass wir an jeden Geldautomaten einen Streifenpolizisten stellen können. So viele Polizisten gibt es in der ganzen Republik nicht. Deshalb ist es umso wichtiger, dass die Banken nachrüsten, sonst werden wir die Probleme nicht in den Griff bekommen. Die Niederländer machen es vor: Sie haben die Zahl der Automaten reduziert, die Öffnungszeiten eingeschränkt und Sicherheitsstandards erhöht. In Deutschland passiert das auch Stück für Stück, aber es muss schneller gehen. Wir sind in guten Gesprächen mit den Banken. Es geht nur gemeinsam.
Frage: Täter passen sich ja auch an die demografische Entwicklung an...
Antwort: Ja. Unsere Gesellschaft wird immer älter, das nutzen Kriminelle aus. Die Straftaten gegen Senioren haben sich im vergangenen Jahr mehr als verdoppelt auf über 3000 Fälle. Da werden mit perfiden Enkel-Tricks und immer neuen Maschen ältere Menschen um ihre kompletten Ersparnisse gebracht. Das halte ich für ethisch-moralisch höchst verwerflich.
Frage: Aber nicht nur Senioren, auch Kinder und Jugendliche werden häufiger Opfer.
Antwort: Ja. Besonders bei der Kinderpornografie haben wir seit mehreren Jahren einen negativen Trend. Die Fälle steigen auch, weil wir viel mehr Hinweise bekommen – auch aus dem Ausland. Meist sind Kinder und Jugendliche die Täter. Sie verschicken zum Beispiel unbedarft Nacktbilder von Freunden einfach weiter, ohne zu wissen, dass das eine Straftat ist. Das muss aufhören. Wir appellieren an Lehrer und Eltern, beim Nachwuchs genauer hinzuschauen.
Frage: Die Gewalt gegen Polizisten nimmt immer mehr zu – hier bei uns auch?
Antwort: Ja, da gab es 2022 einen traurigen Höchstwert. Jeder zweite Beamte bei uns wurde schon Opfer von Gewalt. Ich nenne zwei Beispiele: Ein psychisch kranker Mann hat in einer Zelle seinen Kot gegessen und Polizisten mit Kot beworfen. Ein anderer psychisch Kranker sollte in den Ameos-Kliniken auf eine andere Station gebracht werden. Er hat den begleitenden Polizisten so stark in den Oberschenkel gebissen, dass dieser mehrfach operiert werden musste und sogar der Verlust des Beines drohte.
Frage: Was kann denn da helfen neben der bereits erfolgten Verschärfung der Strafen?
Antwort: Wir brauchen einen breiten Schulterschluss von Politik und Gesellschaft. Alle Menschen müssen solche Taten ächten. Das ist der richtige Weg.