Gehölz an der Kolklandstraße  Streit um letztes innenstadtnahes Naturgrundstück in Norden

| | 20.03.2023 07:59 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Schon von weitem ist der Protest der Anwohner gegen die Bebauung des Grundstücks zu sehen. Foto: Rebecca Kresse
Schon von weitem ist der Protest der Anwohner gegen die Bebauung des Grundstücks zu sehen. Foto: Rebecca Kresse
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Die einen – darunter Anwohner und Verwaltung – wollen das Gebiet „Kolkland“ unter Schutz stellen und erhalten. Ein Bauunternehmer, der auch im Rat sitzt, will dort Wohnblocks bauen.

Norden - Natur oder Wohnungen – das ist die Frage, die sich zurzeit bei einem Grundstück an der Kolklandstraße in Norden stellt. Für die Verwaltung ist die Antwort eindeutig: Das 13.083 Quadratmeter große Areal mit einem großflächigen Gehölzbestand soll dauerhaft zum geschützten Landschaftsbestandteil werden. Für die Norder Politik ist das nicht ganz so klar. Denn einer aus ihren Reihen, der im September für die FDP in den Rat nachgerückte Jens Haan, will dort fünf dreigeschossige Mehrfamilienhäuser mit insgesamt 60 Wohnungen bauen. Das bestätigte er auf Nachfrage unserer Zeitung. Die Pläne für die Wohnanlage liegen unserer Zeitung vor. Das Geschmäckle: Der Bauunternehmer ist beratendes Mitglied im städtischen Umweltausschuss. Ausgerechnet dem Ausschuss, der über die Unter-Schutz-Stellung des Areals entscheiden muss.

Hinter der Geschichte

Bauunternehmer Jens Haan hat schon mehrfach in Norden Wohnungen gebaut, auch zu sozialverträglichen Preisen. Zuletzt in der Westerstraße 74. Jetzt ist ihm nach eigenen Aussagen das Grundstück an der Kolklandstraße angeboten worden – zu einem so günstigen Preis, dass sich auch hier der Bau von Sozialwohnungen rentieren würde, wie er sagte. Noch gehört das Grundstück der Norder Fehngesellschaft. Verkäufer ist Tido Heeren als Geschäftsführer. Zunächst seien die Pläne nur eine Idee. Diese wolle er aber in Kürze als Bauvoranfrage an die Stadt Norden schicken. Laut der Idee sollen auf dem Grundstück fünf Mehrfamilienhäuser mit jeweils zwölf Wohnungen in dreigeschossiger Blockbauweise entstehen. Insgesamt also 60 Wohnungen. Zusätzlich soll ein großer Gemeinschaftsraum geschaffen werden für Geburtstage oder andere Feiern. In seinem Konzept wirbt Haan mit Fassadenbegrünung, Gründächern und Photovoltaikanlagen. Auf Carports sollen ebenfalls Photovoltaikanlagen entstehen. Zudem soll es Möglichkeiten geben, E-Bikes und E-Autos aufzuladen. Jens Haan betonte im Gespräch mit unserer Zeitung: Er halte sich im Rat bei der Diskussion um das Kolkland komplett heraus.

Das Thema erhitzt die Gemüter – nicht nur im Rat und der Verwaltung. Auch die Anteilnahme der Menschen rund um die Kolklandstraße ist groß. Im jüngsten städtischen Umweltausschuss, als das Thema Kolklandstraße auf der Tagesordnung stand, kamen rund 40 Anwohner in die Mensa der KGS Hage-Außenstelle Norden – teilweise mit Plakaten. Die Bewohner rund um die Kolklandstraße setzen sich seit Jahren für den Erhalt der Natur hinter ihren Gärten ein. Dafür haben sie sogar ein Stück des Gehölzes gepachtet und kümmern sich darum, wie Heiko Wallerstein und Klaus Lüchow im Gespräch mit unserer Zeitung sagten. Wallerstein lebt sein 43 Jahren an dem kleinen Stück Natur. Sein Garten grenzt direkt an das Areal. Lüchow gehört die Ölmühle, ebenfalls in unmittelbarer Nachbarschaft zum Naturgrundstück. Seine Familie wohnt seit 65 Jahren dort.

Heiko Wallerstein in seinem Garten. Das Gehölz grenzt an sein Grundstück. Gemeinsam mit Nachbarn hat er einen Teil des Gehölz gepachtet und pflegt es seit Jahren. Foto: Rebecca Kresse
Heiko Wallerstein in seinem Garten. Das Gehölz grenzt an sein Grundstück. Gemeinsam mit Nachbarn hat er einen Teil des Gehölz gepachtet und pflegt es seit Jahren. Foto: Rebecca Kresse

Politik nahm Thema von der Tagesordnung

Doch noch bevor es im Ausschuss richtig losging, passierte das: Die Politik stellte den Antrag, sämtliche Tagesordnungspunkte zum Thema Kolkandstraße von der Tagesordnung zu nehmen. Das Thema solle in die übernächste Sitzung verschoben werden. Da sollen der Bauausschuss und der Umweltausschuss gemeinsam tagen – unter Ausschluss der Öffentlichkeit, sagte Wolfgang Hinrichs (SPD). Alle Mitglieder des Umweltausschusses stimmten dem zu. Zum Entsetzen und Unverständnis der Zuschauer und der Verwaltung.

Rund 40 Einwohner kamen zur Sitzung des Umweltausschusses, um ihrem Protest gegen die Bebauung des Kolklandes Ausdruck zu verleihen. Foto: Rebecca Kresse
Rund 40 Einwohner kamen zur Sitzung des Umweltausschusses, um ihrem Protest gegen die Bebauung des Kolklandes Ausdruck zu verleihen. Foto: Rebecca Kresse

Denn die Verwaltung haben die Anwohner bei ihrem Vorhaben offenbar hinter sich. Bernd Kumstel, Fachdienstleiter Umwelt und Verkehr, hielt im Ausschuss eine emotional hoch aufgeladene Ansprache, warum er es für richtig hält, das Gelände dauerhaft unter Schutz zu stellen. Seine Abteilung hatte die entsprechende Verwaltungsvorlage vorbereitet. „Aus unserer Sicht ist es ein Unding, was wir dort machen. Es sind die letzten Ressourcen“, sagte Kumstel. Sie hätten einen gesetzlichen Auftrag. Er verwies auf die UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro im Jahr 1992. Dort habe es geheißen, global denken, lokal handeln. „Wir schaffen es aber nicht, weil immer noch monetäre Gesichtspunkte, wirtschaftliche Gesichtspunkte höher gestellt werden als die Belange von Bürgern, Gesundheit, Wohlbefinden und ein grünes Wohnumfeld“, so Kumstel. Er machte deutlich: Auf dem Gelände besteht kein Baurecht. Gerne würde er in aller Schärfe vorstellen, warum die Verwaltung es für geboten hält, das Gelände zu erhalten. Das wurde ihm zunächst durch die Politik verwehrt. Er werde das aber in der neuen Sitzung dezidiert vorstellen, sagte Kumstel. „Wir sind an einem Scheidepunkt. Wir müssen tatsächlich entscheiden, ein weiter so oder nicht“, so der Fachdienstleiter Umwelt und Verkehr. Es werde über günstiges Bauland und sozialen Wohnungsbau diskutiert. Man müsse aber überlegen, ob das an dieser Fläche hänge. „Wer sich intensiv mit dem Stadtentwicklungskonzept beschäftigt hat, der weiß, dass wir 21 Flächen im Stadtgebiet ausweisen, wo das geht“, sagte Kumstel. Seine Abteilung möchte die Idee von Rio runterbrechen und das Gelände unter Schutz stellen.

Planungen noch nicht bei der Stadt eingereicht

Von der Stadt heißt es: Die Planungen für den Bau der Wohnungen sind noch nicht offiziell an die Stadt herangetragen worden. Die Stadt selbst sehe das Grundstück als ein für die Natur wertvolles Grundstück an, sagte die leitende Baudirektorin der Stadt Norden, Ute Westrup. Die Stadt sei aktiv geworden, weil sie das Grundstück für besonders schützenswert halte.

Die Anwohner sehen das auch so. Nach Angaben von Heiko Wallerstein soll es dort unter anderem Eichhörnchen, Feldhamster und Schermäuse geben. Zusätzlich sämtliche Vogelarten wie Schwanzmeisen, Rotkehlchen, Dompfaff – „alles, was so fleucht und kreucht“, sagte Wallerstein. Es seien auch schon Rehe dort gewesen, die dann auf sein Grundstück gekommen waren. Neben dem Eingriff in die Umwelt stört sich Wallerstein auch an der Art der Bebauung. Dreigeschossige Blöcke würden sein kleines Häuschen komplett verschatten. Sein Garten wäre kein privater Raum mehr, sondern von den Nachbarwohnungen komplett einzusehen.

Heiko Wallerstein zeigt die Pläne für die Bebauung des Grundstücks. Foto: Rebecca Kresse
Heiko Wallerstein zeigt die Pläne für die Bebauung des Grundstücks. Foto: Rebecca Kresse

Unternehmer plant mit fremdem Grundstück

Klaus Lüchow war besonders entsetzt darüber, dass ein Teil seines eigenen Grundstücks mit in die Planungen aufgenommen wurden – als Plan B, wie es in dem Konzept zu lesen ist. Demnach will der Bauunternehmer „gerne die Ölmühle am Ölmühlenweg erwerben“. Geplant ist dort ein Sammelparkplatz, Carportanlagen und die gesamte Zufahrtsstraße für das Gebiet Kolkland. Davon ist Klaus Lüchow, gelinde gesagt, wenig begeistert. „Wenn der hier einen Fuß aufs Grundstück setzt, betrachte ich das als Hausfriedensbruch“, sagte Lüchow deutlich.

Klaus Lüchow gehört die Ölmühle in Norden. Sein Grundstück grenzt direkt an das Gehölz. Foto: Rebecca Kresse
Klaus Lüchow gehört die Ölmühle in Norden. Sein Grundstück grenzt direkt an das Gehölz. Foto: Rebecca Kresse

Die Fronten scheinen verhärtet. Im Umweltausschuss versuchte wenigstens Andreas Göhrlich (Zob) die Absetzung des Themas zu erklären. „Der Fachdienst Umwelt hat sehr ausführlich dargestellt, welche guten Gründe es gibt, eine Unterschutzstellung vorzunehmen. Wir sind aber der Rat der Stadt Norden und wir haben letztes Jahr ein Stadtentwicklungskonzept verabschiedet. Darin steht auch, dass wir Wanderungsverluste und massive Verluste an sozialen Wohnungsbauflächen haben. Das ist wirklich dramatisch“, so Göhrlich. Es sei Aufgabe des Rates, sich alle Seiten und Planungen zumindest anzuhören. Denn offiziell kennt die Politik die Planungen auch noch nicht, betonte er. Entschieden werden soll erst danach.

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