Bremerhaven Ex-Schlagersängerin polarisiert mit rechten Parolen auf TikTok
Vergangenes Jahr sang Melissa Timke noch Ballermannhits auf Partys – heute verbreitet die Frau des Lokalpolitikers Jan Timke aus Bremerhaven lieber erzkonservative politische Aussagen auf Tiktok. Warum kommt „rechts“ so gut auf der App an?
Melissa Timke aus Bremerhaven ist auf TikTok mit einem unpopulären Thema erfolgreich: Die Frau eines rechtskonservativen Politikers spricht über Politik. Viele Menschen sind davon begeistert, andere halten ihre emotionalen Aussagen für gefährlich.
Eine Frau blickt mit ernster Miene in die Kamera. Blonde Haare, glänzende Lippen, Lidstrich, rote Nägel. Auf den ersten Blick könnte sie eine von unzähligen Beauty-TikTokerinnen sein. Doch dann sagt sie Folgendes:
„Ich bin jetzt mal ein bisschen in mich gegangen und da bin ich auf etwas gestoßen, was mich tatsächlich sprachlos macht. Wenn ich nämlich darüber nachdenke, dass wir im Begriff sind, eine komplette Generation durch Gender-Irrsinn, Frühsexualisierung, Kriegsängste, Klimahysterie oder den Viruswahn die Kindheit unwiederbringlich zu zerstören.“ Ihre Worte werden von schwermütigen Klavierklängen untermalt.
Die Frau in dem TikTok-Video heißt Melissa Timke (37). Ihr Nachname könnte einige Menschen aufhorchen lassen, denn ihr Ehemann Jan Timke ist in Bremerhaven einer der bekanntesten Politiker: Timke (52) ist Vorsitzender der rechtskonservativen Wählervereinigung Bürger in Wut (BIW) und Mitglied der Bremischen Bürgerschaft. Das ist vergleichbar mit dem Landtag in anderen Bundesländern.
Und auch sie selbst stand bereits abseits von TikTok in der Öffentlichkeit. Als Schlagersängerin Klara Korn war sie bis 2022 auf YouTube und auf Party-Bühnen zu sehen. Mit langen roten Haaren und knappen Outfits präsentierte sie Songs wie „Drei Promille“ oder „Der Korn Song“.
Darin sang sie zu Ballermann-Techno Textzeilen wie diese: „Kein Promille, du bist noch ganz traurig. Ein Promille, du bist wieder froh. Zwei Promille, im Wohnzimmer ist Party. Drei Promille und die Hände gehen hoch.“
Heute hat sie die knallroten Haare und die Auftritte als Klara Korn hinter sich gelassen. Die gelernte Bankkauffrau arbeitet halbtags als Assistentin der Geschäftsleitung in einem mittelständischen Betrieb. „Darüber hinaus bin ich als Hausfrau und Mutter von zwei Kindern eine Familienmanagerin“, sagt sie. Auf TikTok präsentiert sie sich seriöser und vor allem deutlich politischer als früher.
„Konservativ und frei“ lautet der Name ihres Accounts, den sie in dieser Form seit Oktober 2022 führt. Vorher hat sie dort persönliche Videos von sich, ihrem Pferd und anderen Freizeitaktivitäten gepostet. Heute redet sie Klartext – so nennt Melissa Timke ihre Kommentare zu politischen Themen und Tendenzen der Gegenwart.
Besonders häufig spricht sie darüber, dass Gendern unnötig und gegen den Wunsch der meisten Bürger sei, dass die öffentlich-rechtlichen Medien zu einseitig berichteten und dass viele Menschen sich in Deutschland nicht mehr sicher fühlten. Dabei greift sie gerne zu emotionalen Formulierungen wie „Ich bin fassungslos“ oder griffigen Verallgemeinerungen wie „In Deutschland ist es wichtiger, Verständnis zu haben als Verstand.“.
Melissa Timke hat verstanden, wie Social Media funktioniert: Eindeutige Aussagen, die polarisieren und dazu eine kräftige Prise Emotionen. Das Konzept funktioniert: Ihr Account wuchs in den vergangenen Monaten stetig. Mehr als 36.000 Menschen folgen ihr auf der Videoplattform. Einige ihrer Videos wurden über 200.000-mal angesehen. Und dabei beschäftigt sie sich nicht mit leichter Unterhaltung, sondern mit Politik.
Ihre Follower sind begeistert: „Frau Konservativ, die beste Tagesschau Lady.“ „Meinen Respekt und Hochachtung für deine Recherchen und deine Mühe, die du dir machst.“ „Wir bräuchten noch mehr Leute wie dich!“
Diese und ähnliche Kommentare finden sich oft unter den Videos. „Ich habe den Eindruck, dass mein TikTok-Kanal den Zahn der Zeit trifft“, sagt Melissa Timke. Doch während einige in der Bremerhavenerin eine Verbündete und ein Vorbild sehen, beurteilen andere ihre politischen Botschaften ganz anders.
Immer wieder reagieren mitunter bekannte TikToker per Video auf ihre Aussagen: „So langsam habe ich das Gefühl, du spielst einfach rechts-extremes Buzzword-Bingo“, witzelt die TikTokerin Leonie Löwenherz (72.000 Follower) zu Timkes Video über „Gender-Irrsinn, Frühsexualisierung, Kriegsängste und Klimahysterie“.
Eine andere TikTokerin namens Josi (146.800 Follower) kritisiert ein Video, indem die Bremerhavenerin sagt: „Mir gehen die ganzen Feminismus-Debatten so auf den Senkel.“ Josi erwidert: „All diese Privilegien, die du heute hast als Frau, hast du, weil es in der Vergangenheit feministische Debatten gab.“
Und Schwessi (2.778 Follower auf TikTok und 34.500 Follower auf Instagram) - Hamburger Sängerin und Freundin von Udo Lindenberg – hat ein ironisches Lied geschrieben. Damit antwortet sie darauf, dass Melissa Timke die italienischen EU-Politiker lobt, die sich gegen das geplante Aus für neue Benzin- und Dieselfahrzeuge ab 2035 stellen.
Die Bremerhavener TikTokerin ist nicht die Erste und Einzige, die ihren Account für politische Botschaften nutzt. Während TikTok anfangs vor allem als Plattform für Tanz- und Lipsinc-Videos bekannt wurde, politisiert sich die App seit gut zwei Jahren zunehmend.
Der Hamburger Politikberater Martin Fuchs beobachtet, dass inzwischen viele Politiker, Parteien, Medien und politisch interessierte Personen die chinesische Video-App für sich entdeckt haben. Nach seiner Analyse nutzen aktuell 500 deutsche Politiker TikTok. Die Grünen sind am seltensten vertreten, Politiker der AFD und FDP sind besonders aktiv auf der Plattform, so Fuchs.
Das kommt bei den Nutzern an: Aus der UseTheNews-Studie des Leibniz-Instituts für Medienforschung geht hervor, dass Social Media die am häufigsten genutzte Informationsquelle bei Jugendlichen ist.
Der Erfolg von TikTok bei politischen Themen liegt laut Datenwissenschaftler Juan Carlos Medina Serranodaran daran, dass die App anders funktioniert als andere soziale Medien. Gegenüber dem Deutschlandfunk sagt er: „Die User teilen selten Artikel oder Videos aus anderen Quellen, sondern sie sind die Stars ihrer Videos.“ Deshalb haben die Nutzer einen persönlichen Bezug zu den Informationen und bekommen von einer vertrauten Person eine persönliche Wertung der Information präsentiert.
Doch genau deshalb sollte man Aussagen auf TikTok mit Vorsicht genießen, erklärt der Experte. Einerseits spielt einem der TikTok-Algorithmus gezielt Videos zu, die das eigene Weltbild bestätigen, andererseits vermischen die Influencer oft Meinung und Fakten miteinander. Darüber hinaus gibt es keinen Faktencheck – höchstens in Form von anderen TikTokern. Das kann Schritt für Schritt zu einer Radikalisierung der politischen Meinung führen.
Auch Melissa Timke setzt bewusst auf starke Meinungen und Emotionalisierung. Ein Problem sieht sie darin nicht. „In Abhängigkeit vom Thema kann die Emotionalisierung ein verstärkendes Mittel sein, um das Anliegen zu verdeutlichen“, sagt sie.
Die Bremerhavenerin betont, mit ihren Videos zu mehr Demokratie und Meinungsvielfalt beitragen und Diskussionen anstoßen zu wollen: „Ich nehme zusehends wahr, dass der Meinungskorridor in Deutschland immer mehr verengt wird. Mein TikTok-Kanal liefert eine zusätzliche Perspektive.“
Doch unter ihren Videos kommt es selten zu einem echten Austausch. Meist werden lediglich überhebliche und bissige Kommentare ausgetauscht, wie man es von Diskussionen auf Facebook und Twitter kennt. Und dann geht jeder wieder seiner Wege – mit den Menschen, die ohnehin die gleiche Meinung haben wie man selbst.
Dieser Artikel erschien zuerst in der „Nordsee-Zeitung“ in Bremerhaven.