Berlin Journalist plus Schnauzer ergibt Lokalpolitiker? Skandal um „Handelsblatt“-Redakteur wirft Fragen auf
Hauptstadtjournalisten waren schon mal angesehener als heute. Oft wird unterstellt, sie pflegten eine zu große Nähe zu den Mächtigen. Der Fall eines „Handelsblatt-Redakteurs“ wirft nun besondere Fragen auf.
Hofberichterstattung heißt es schnell, wenn die Regierung gelobt oder mal nicht kritisch genug recherchiert und nachgehakt wird. Das wichtigste Pfund des Journalisten ist schließlich das Vertrauen, das er bei seinem Publikum genießen darf, wenn er seinen Job macht. Deshalb reagieren Menschen zu Recht sehr sensibel, wenn es beschädigt wird.
Für manchen bricht ein Weltbild zusammen, wenn ein langjähriger Lieblingsautor plötzlich Sprecher im Ministerium wird. Hat er vorher je unabhängig berichtet, wenn er jetzt zum Sprachrohr wird? Mit dem Makel muss fortan leben, wer “die Seiten wechselt”, wie der Vorgang im Journalisten-Jargon genannt wird. Ein ARD-Journalist etwa hatte den neuen Verteidigungsminister Boris Pistorius etwas überschwänglich als „Vollblutpolitiker, der anpackt” beschrieben. Als selbiger Journalist kurz darauf Pistorius’ Pressechef wurde, galt der Text vielen nur noch als “Bewerbungsschreiben”, nicht mehr als ernsthafter Journalismus. Natürlich sind solche harten Urteile nicht immer gerechtfertigt.
Weil aber kein Journalist, der etwas auf sich hält, sich den Vorwurf der Parteilichkeit gefallen lassen möchte, sind offene Parteizugehörigkeiten unter den Berichterstattern im Regierungsviertel inzwischen ein Tabu. Vermutlich ist das seltsame Verhalten des “Handelsblatt”-Redakteurs Mathias Brüggmann nur so zu erklären. Der Journalist geriet diese Woche in die Schlagzeilen, weil er sozusagen ein heimliches Doppelleben führte, um in der Berliner Landespolitik aktiv zu sein: als SPD-Politiker Matthias Brückmann.
Die Schreibweise des Namens hatte er leicht verändert, und gelegentlich soll er als Politiker sogar mit falschem Bart unterwegs gewesen sein. War es die Verzweiflungstat eines Journalisten, der unbedingt beides wollte? Der Fall harrt noch der Aufklärung, aber eines kann man schon mit ziemlicher Gewissheit sagen: Wäre er mit seiner kommunalen Parteiarbeit offen umgegangen, hätte er vermutlich keine Probleme bekommen. Wenn auch in Politik-Redaktionen nicht gern gesehen: Verboten ist Parteiarbeit für Journalisten natürlich nicht. So aber wirft der Fall sehr viele Fragen auf - und der Mann wurde bis zu ihrer Klärung erstmal beurlaubt.