Osnabrück Werden Wohnungen und Häuser an Flüssen und Meeren künftig mit Wasserwärme geheizt?
Wie werden künftig Häuser und Wohnungen geheizt? Um CO2-neutral zu werden, muss diese Frage beantwortet werden. Eine wesentliche Rolle spielen Wärmepumpen. Neu ist, dass dabei im größeren Stil Flüsse und Häfen eingesetzt werden, wie ein Beispiel aus Bremen zeigt.
Lichtdurchflutete Wohnungen direkt an der Weser, sauberer Strom, CO2-neutral heizen: In Bremen soll in einem ehemaligen Industriegebiet ein Stadtteil mit Vorbildfunktion für die Energiewende entstehen. Ein Teil des Konzepts: Mit Wärmeenergie aus der Weser sollen die Gebäude geheizt und im Sommer gekühlt werden - mittels einer sogenannten Flusswärmepumpe.
Werden künftig viele Bürger mit Energie aus Flüssen und Meeren ihre Häuser heizen? Welche Vor- und Nachteile hat die Technik? Und wie neu ist sie eigentlich?
Anne Schierenbeck ist Professorin für Energiemanagement an der Hochschule Osnabrück. Sie beschäftigt sich mit erneuerbaren Energien und dem Energiemix, der in Deutschland künftig für Strom und Wärme sorgen wird. „Eine Technologie steht da an erster Stelle”, sagte Schierenbeck im Gespräch mit unserer Redaktion, „und das ist die Wärmepumpe”. Die Technologie sei seit 200 Jahren bekannt, setze sich aber erst jetzt in Deutschland durch. „Die Idee gibt es schon lange, aber bislang hat es sich nicht gerechnet, weil Gas so günstig war”, sagte Schierenbeck.
Die meisten Wärmepumpen arbeiteten derzeit mit Energie aus der Luft oder Erde. Daneben gebe es Exoten wie Abwasserwärmepumpen. Gerade in dicht besiedelten Wohngebieten wie beim Bremer Projekt sei es sinnvoll, Wärmenetze mit Fernwärmeleitungen zu installieren. Dabei versorgt ein Werk auf kurzen Wegen eine große Zahl an Häusern.
Dirk Christoffers, Geschäftsführer des mittelständischen Unternehmens „Christoffers Anlagen- und Gebäudetechnik“ aus Delmenhorst, baut mit seiner Firma die Energiezentrale fürs Wärmen und Kühlen der Gebäude im neuen Bremer Stadtteil. Mit einer Leistung von 5,5 Megawatt könne sie rund 500 bis 600 Einfamilienhäuser versorgen, erklärte Christoffers im Gespräch mit unserer Redaktion.
Das Rad neu erfinden muss das Unternehmen dabei nicht: „Wir bauen sonst zum Beispiel Großkälteanlagen. Das Prinzip ist dort das gleiche wie bei diesem Projekt, nur umgedreht. Insofern ist es keine wirklich andere technische Herausforderung”, sagte Christoffers. „Die Wärmequelle Flusswasser ist aber natürlich etwas Besonderes und Neues für uns.”
Auch andere Städte haben solche Projekte bereits angestoßen. In Mannheim soll eine Flusswasserwärmepumpe ab diesem Jahr arbeiten. Sie entnimmt Wärme aus dem Rhein. In Berlin soll in diesem Frühjahr eine Flusswasserwärmepumpe in Betrieb genommen werden. Sie nutzt Spreewasser. In Neustadt in Holstein soll eine Meerwasserwärmepumpe gebaut werden. „Viele Energieversorger planen das. Von der Stange gibt es diese großen Wärmepumpen allerdings noch nicht”, sagte Forscherin Schierenbeck.
Immerhin gab es in der Vergangenheit trotz günstigen Gases bereits Versuche mit Wasserwärmepumpen: Bereits vor 20 Jahren, berichtete Schierenbeck, habe man beim Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven eine Wärmepumpe installiert, die Hafenwasser nutzte.
Eine Herausforderung dabei: Für die Wärmeübertragung brauche es große Oberflächen. Diese könnten verdrecken. In Bremerhaven hätten diese Oberflächen durch Kalkablagerungen und Seepocken ausgesehen wie ein Schiffsrumpf, so Schierenbeck. Es brauche also ein Konzept für die Reinigung, sonst arbeite das System weniger effizient.
In Bremen kommen laut Dirk Christoffers zwei Arten von Wärmetauschern zum Einsatz. Jeweils zwei der einen Art würden durch Bürsten gereinigt, die mit dem Flusswasser durch Rohrleitungen wandern - durch Strömungswechsel in beide Richtungen. Bei zwei weiteren würden Ablagerungen mittels Metallkugeln entfernt. „Außerdem arbeiten wir mit einem Backup: Wir installieren einen zusätzlichen Gaskessel. Wenn die Weser kälter als vier Grad wäre, könnte man mit dem Flusswasser nicht mehr heizen.”
Wie viele Häuser und Wohnung künftig mit Fernwärme aus Flüssen, Meeren und Seen geheizt würden, sei schwer vorherzusagen, so Schierenbeck. Unterschiedliche Studien gingen von unterschiedlichen Anteilen aus - teilweise von bis zu 80 Prozent. Das hänge auch von politischen Weichenstellungen ab. „Dänemark ist da zwanzig bis dreißig Jahre weiter. Da sehen wir sehr viel Fernwärme, weil es politisch so gewollt ist.”
Ein Nachteil der Technologie könne sein, dass Bewohner durch die Fernwärme nur noch einen Anbieter hätten - im Gegensatz zum jetzigen System, in dem Hausbesitzer wählen können. Hier müsse gegebenenfalls reguliert werden, dass der Anbieter seine Monopolstellung nicht ausnutze, sagte Schierenbeck.