BERLIN  Von spektakulär bis fast erschwinglich: Vier Beispiele für autarke Häuser

Tobias Schmidt, Leon Grupe
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Von Tobias Schmidt, Leon Grupe
| 14.03.2023 16:25 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Architekt Michael Reynolds vor seinem „Erdschiff“, gedämmt mit Autoreifen und Glasflaschen. Foto: imago stock&people
Architekt Michael Reynolds vor seinem „Erdschiff“, gedämmt mit Autoreifen und Glasflaschen. Foto: imago stock&people
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Das EU-Parlament verlangt die Zwangssanierung alter Häuser und eine Solardachpflicht. Robert Habeck will ein Verbot für Öl- und Gasheizungen. Wie schön wäre es, man hätte schon ein autarkes Haus! Wir zeigen vier Beispiele.

Wer ein Haus bewohnt, das ganz oder fast ohne fossile Quellen beheizbar ist, der schützt nicht nur das Klima und spart Energiekosten. Der ist auch vor wahnsinnig teuren Zwangssanierungen oder der Pflicht zum Solardach und dem Austausch von Gas- oder Ölheizungen durch Wärmepumpen gefeit, über die gerade in Berlin und Brüssel gestritten wird.

Wir haben uns umgeschaut, was es schon heute für Selbstversorger-Häuser und alternative Heizmethoden gibt. Die coolsten Beispiele im Überblick:

Abgewetzte Autoreifen landen üblicherweise auf dem Recyclinghof. Doch es gibt Menschen, die damit Dinge bauen. Häuser zum Beispiel. Diese Häuser heißen Earthships und bestehen aus recycelten Materialien wie eben Autoreifen und Glasflaschen. Was im ersten Moment eigenartig klingt, hat einen Vorteil: Earthships sind mehr oder weniger energieautark. Per Upcycling in die Autarkie. Auf ihrem Instagram-Account zeigen die Bauherren, wie ein „Earthship“ entsteht:

Michael Reynolds, ein US-amerikanischer Architekt, entwickelte die Idee vom unabhängigen Wohnen in den 1970er-Jahren. Weltweit soll es über 3.000 Erdschiffe geben, die meisten davon in den USA. In Deutschland wurde das bislang einzige Haus dieser Art 2016 fertiggestellt, in der Ökosiedlung Tempelhof in der schwäbischen Alb.

Eine klassische Heizung gibt es in dem Gebäude nicht. Doch frieren müssen die Bewohner der Siedlung, die das Earthship gemeinschaftlich nutzen, keineswegs. In den lehmverputzten Wänden sind alte Autoreifen verbaut. Bei tief stehender Sonne nehmen die mit Erde gefüllten Reifen die Solarwärme auf. Wenn es dunkel ist, strömt die Wärme zurück in den Raum. Wie praktisch.

Ebenfalls praktisch ist die Wasserversorgung: Die Bewohner waschen sich mit gefiltertem Regenwasser, welches anschließend die Pflanzen in dem zum Earthship gehörigen Gewächshaus bewässert. Von dort fließt es in die Spülkästen der Toiletten. Auf diese Weise wird ein Tropfen Wasser bis zu viermal genutzt. Strom produziert das Haus mit einer Solaranlage auf dem Dach selbst. 

Laut “Earthship Germany” müssen Interessenten mit Kosten zwischen 300.000 und 400.000 Euro rechnen. Besonders preiswert ist der Bau eines Earthships also nicht. Dafür fallen so gut wie keine Nebenkosten an. Und Sorgen um den Heizungsaustausch muss man sich auch keine machen.

Haben Sie schon mal von einem Wasserstoffhaus gehört? Nein? Ist nicht schlimm, von denen gibt es in Deutschland gerade einmal 13 Stück. Dank des Wasserstoffes lassen sich Strom und Wärme einfach zu Hause erzeugen. Das Prinzip dahinter ist schnell erklärt: Eine Solaranlage auf dem Dach liefert tagsüber Strom für den laufenden Bedarf. Überschüssiger Strom wird mittels Elektrolyseur in Wasserstoff umgewandelt und in Tanks oder Gasflaschen gespeichert.

Im Winter, wenn die Tage kürzer und dunkler sind, kommt das System zum Tragen: Eine Brennstoffzelle verwandelt den Wasserstoff wieder in Strom. Bei dem Prozess entsteht zusätzlich Wärme, die der Besitzer zum Heizen nutzen kann.  Weil der Wasserstoff mit Solarstrom erzeugt wird, ist die Technik besonders umweltschonend.

Doch die hat ihren Preis: Eine Installation kostet bis zu 100.000 Euro. Ein Haus ist dann quasi energieautark, doch die Investition rechnet sich erst nach Jahren. Ein weiterer Nachteil: der immense Stromverbrauch bei der Wärmeerzeugung mit Wasserstoff. Dieser ist nämlich sechs bis zehnmal höher als mit einer Wärmerpumpe.

Es klingt verrückt: Mit Eis Wärme produzieren! Möglich macht das eine Eisspeicherheizung. Die nutzt ein ganz einfaches physikalisches Prinzip. Beim Übergang von fest zu flüssig wird viel Energie freigesetzt, und diese wird zum Heizen genutzt. Quasi wie ein Kühlschrank, nur in anderer Richtung.

Wer sein in die Jahre gekommenes Eigenheim bald teuer nachdämmen und umrüsten muss, kann angesichts der fast energieautarken Glasvilla samt Eisspeicherheizung, die gerade in Aumühle bei Hamburg fertig gebaut wurde, nur vor Neid erblassen. Herzstück der Eisspeicherheizung ist eine riesige Betonzisterne – versteckt unter einem Gehweg. Und so sieht das aus:

Durch ein ausgeklügeltes System wird dem Wasser in der Zisterne (der Eisspeicher) Energie entzogen, die zur Verdampfung eines Kältemittels genutzt wird, bei dessen Verdichtung die Wärme entsteht. Im Spätwinter und Frühling wird verhindert, dass der Zisterne Wärme zugeführt wird, und es entsteht ein dicker Eisblock, mit dem die Räume im Sommer gekühlt werden können - eine energieautarke Klimaanlage sorgt rund ums Jahr für stabile Temperaturen.

Der Clou der Eisspeicherheizung: Sie kombiniert die Nutzung von Solarenergie, Außenluft und Geothermie. Dafür kostet die Beschaffung der verschiedenen Komponenten viel Geld, schnell über 30.000 Euro, weil auch ein Solarmodul und eine Wärmepumpe benötigt werden. Und es gibt einen weiteren Haken der coolen Heizung: Sie funktioniert nur in Häusern, die schon extrem energieeffizient sind. In der Villa bei Hamburg wurde das durch unter anderem durch viel Beton, eine fast geschlossene Front nach Norden, ein auskragendes Flachdach als Sonnenschutz und vieles mehr erreicht. Gesamtkosten: astronomisch.

Huch, ein Raumschiff mit Windrad? Sieht zwar so aus, doch hier haben wir es mit einem Tiny House des slowakischen Herstellers Ecocapsule zu tun. Und das ist wirklich tiny. Die Größe misst überschaubare 8,2 Quadratmeter. Im Gegenzug kann man zum Teil autark darin leben. Der Strom kommt aus Solarzellen und der integrierten Windkraftanlage. Außerdem sammelt das Dach Regenwasser und leitet es gefiltert in die Wassertanks, die man aber auch mit Wasser aus Seen oder Flüssen auffüllen kann. Wärme wird durch ein spezielles Lüftungssystem passiv gewonnen.

In der Theorie lässt es sich in einem Tiny House recht losgelöst von Sanierungsvorgaben und neuen Heizungen leben. Nur um einen Kanalisationsanschluss kommt man in der Regel nicht herum. So sieht es der Gesetzgeber vor.

Kosten der autarken Kapsel? Mindestens 99.000 Euro. Wer sich das Wohn-Ei also zulegen will, braucht das nötige Kleingeld – und sollte es mit dem Minimalismus ernst meinen.

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