Berlin Geraldine Chaplin: Meine Tochter will meine Kleider nicht erben
In Geraldine Chaplins Film „Seneca“ versucht ein Philosoph würdig zu sterben. Im Interview spricht sie über die beste Sterbeszene ihres Lebens, vererbte Kleider und den Tod ihres Vaters Charlie Chaplin.
Geraldine Chaplins Leben ist Kinogeschichte. Für ihr neues Werk reist sie jetzt bis an die Anfänge der abendländischen Kultur: In der Satire „Seneca“ gehört sie zur Entourage des von John Malkovich gespielten Philosophen, den der Despot Nero zum Selbstmord zwingt. Bei der Berlinale hat die 78-Jährige ihren Film vorgestellt – und sich zum Interview mit uns getroffen.
Frage: Frau Chaplin, welche Filme haben Sie als Kind gesehen?
Antwort: Als Kind habe ich ausschließlich die Filme meines Vaters angesehen. Das waren die einzigen, die wir gucken durften.
Frage: War Ihr Vater immer mit dabei?
Antwort: Das war er – und wir haben peinlich darauf geachtet, auch ja zu lachen! Eines Tages haben mein Bruder und ich uns davongeschlichen und „Quo Vadis?“ gesehen. Es war überwältigend! Das war ein Film! Viel besser als das, was unser Vater machte! Daddy, haben wir gerufen, wir haben einen Film gesehen – und da kamen Löwen drin vor! Und es war in Farbe! Mein Vater hatte nichts dazu zu sagen; aber wir haben danach immerzu „Quo Vadis?“ nachgespielt.
Frage: Hat Chaplin seine eigenen Filme kommentiert? Konnten Sie schon als Kind etwas über das Filmemachen lernen?
Antwort: Er machte Bemerkungen wie diese: Oh, er ist sehr gut! Er ist wirklich lustig! Er sprach beim Filme-Gucken immer in der dritten Person von sich selbst. Und auch für mich waren das zwei verschiedene Personen: Es gab Daddy, das war dieser weißhaarige Mann. Und es gab Charlie Chaplin, den kleinen Tramp, der mein Held war und es immer noch ist.
Frage: Chaplins Filme lassen einen lachen und weinen. Haben Sie Ihren Vater jemals weinen sehen?
Antwort: Ihn selbst habe ich nie weinen sehen. Ich erinnere mich aber, wie wir „Goldrausch“ gesehen haben; da hat mein Bruder Michael von der ersten bis zur letzten Minute geheult. Das hat meinen Vater eher verärgert. Hey, hat er zu meiner Mutter gesagt, der Junge sollte lachen.
Frage: Durften Ihre eigenen Kinder dann später auch nur Chaplin sehen?
Antwort: Das nicht, aber angefangen haben sie auch mit Chaplin. Wenn Sie einem vierjährigen Kind zum ersten Mal einen Film zeigen wollen, beginnen Sie mit Charlie Chaplins „The Kid“. Besser geht es nicht. Der Film ist brillant. Jedes Kind wird sich sofort mit dem kleinen Jackie Coogan in der Rolle des ausgesetzten Jungen identifizieren.
Frage: Ist Chaplins Kunst etwas, dem Sie folgen konnten? Oder hatten Sie als Schauspielerin das Bedürfnis, sich abzugrenzen?
Antwort: Mein Vater war kein Prediger, der einem Ratschläge fürs Leben mit auf den Weg gab. Was er uns mit seinem eigenen Beispiel vermittelte, war Disziplin. Er war ein sehr strenger Erzieher. Wen wundert‘s? Er wurde 1889 geboren und war durch und durch viktorianischer Gentleman. Seine Disziplin hat mir später geholfen, als ich eine Ballett-Laufbahn eingeschlagen habe. Der Leiter meiner Ballettschule begrüßte mich damals mit den Worten: Als Tänzerin muss man halb Nonne und halb Boxer sein; bist du dafür bereit? Dank meines Vaters war ich es. Das half mir auch später beim Film.
Frage: Sie sind jung zum Star geworden. Wann stand für Sie fest, dass Sie zum Film gehen?
Antwort: Das habe ich aus purer Faulheit beschlossen, als es mit dem Ballett nicht geklappt hat. In meiner Fantasie habe ich unglaublich gut getanzt. Leider hielt mein Körper mit meiner Vorstellung nicht Schritt. Also dachte ich mir: Chaplin – das hat Klang. Ich habe einen guten Namen. Warum mache ich den nicht einfach zu Geld und drehe Filme? Augenblicklich hatte ich einen Agenten und der sagte mir: Deinen ersten Film musst du mit dem größten Star der Stunde drehen. Das war damals Jean-Paul Belmondo, und meinen ersten Film habe ich dann wirklich mit ihm gemacht. Mein Vater hätte uns lieber in anständigen Berufen gesehen. Er wollte, dass wir gute Noten schreiben und Architekten, Ingenieure, Ärzte und Anwälte werden. Bedauerlicherweise sind wir alle in der Kunst gelandet.
Geraldine Chaplins neuester Film ist die Sandalen-Satire „Seneca“. Hier der Trailer:
Frage: Sie blicken auf sechs Jahrzehnte Kinogeschichte zurück, wenn man Ihren Auftritt als Kind in „Rampenlicht“ mitzählt, sind es sogar schon sieben. Haben Sie besonders schöne oder schlechte Erinnerungen, die sich heute nicht wiederholen könnten, weil die Zeiten sich geändert haben?
Antwort: Schlechte Erinnerungen hängen am ehesten mit lausigen Regisseuren zusammen. Der Regisseur ist für mich alles. Viele der guten sind längst tot. Mein allerliebster war Robert Altman. Der war ein guter Regisseur, weil er ein guter Zuschauer war: Er liebte Schauspieler, er sah uns zu und hat dabei niemals „Schnitt!“ gerufen. Die Kamera lief einfach immer weiter.
Frage: In Ihrem aktuellen Film „Seneca“ geht es um einen Philosophen, der dem Diktator Nero seine Verbrechen ausreden will – und blutig scheitert. Die Satire reagiert auch auf aktuelle autoritäre Bewegungen. Kann die Kunst der Macht etwas entgegensetzen?
Antwort: Ich hoffe es. Und ich hoffe, dass „Seneca“ etwas bewirkt. Wir haben das doch immer gehofft. Deshalb hat mein Vater „Der große Diktator“ gedreht – auch wenn alle ihn vor einer Hitler-Satire gewarnt hatten. Am Ende hat er den Film dann mit seinem eigenen Geld finanziert. In London lief er während der Luftschlacht – und mitten im Krieg haben die Leute auf einmal gelacht. Über das Monster zu lachen, ist unsere stärkste Waffe. Genauso hoffe ich jetzt, dass „Seneca“ uns alle ein bisschen aufrüttelt.
Frage: Wer ist das Monster, über das „Seneca“ uns lachen lässt? Wir alle vielleicht, der privilegierte Westen?
Antwort: Natürlich sind wir das Monster. Die Reichen werden reicher, die Armen ärmer. Wir leben in einer schrecklichen Zeit.
Frage: Hat es Spaß gemacht, in antiken Kostümen zu spielen? Oder hatten Sie Angst vor ihrer raumgreifenden Perücke?
Antwort: Diese verrückten Haare waren ständig im Weg. Beweg deinen Kopf da weg, hat der Regisseur immerzu gerufen. Aber ich habe meinen Look geliebt.
Frage: Im wirklichen Leben mögen Sie es offensichtlich auch schön bunt und auffällig.
Antwort: In Miami habe ich mir mal die alten Leute angesehen. Und ich glaube: Je älter man wird, desto bunter zieht man sich an. In jungen Jahren habe ich auf das kleine Schwarze geschworen. Inzwischen bin ich aber ziemlich alt – und deshalb bin ich auch bunt. Ich trage sogar Berlinale-Socken, sehen Sie mal hier. (Geraldine Chaplin präsentiert Socken mit den Motiven des Festivalplakats.) Meine Anziehsachen sind natürlich auch alt und sie stammen aus der halben Welt. Ich gehe immer in den Keller und stelle mir die verrücktesten Farben zusammen.
Frage: Was schlummert denn noch so alles in Ihrem Keller? Klassiker womöglich? Haben Sie noch das Premierenkleid von „Doktor Schiwago?“
Antwort: Das „Doktor Schiwago“-Kleid habe ich meiner Tochter zu schenken versucht. Sie hat abgelehnt. Wahrscheinlich zu altmodisch. Was ich noch besitze, sind Massen von T-Shirts. „Leben und leben lassen“, steht auf einem, das wahrscheinlich noch aus den 60ern stammt – mein Lebensmotto.
Frage: Erinnern Sie sich an eine Rolle, für die Sie erfolglos vorgesprochen haben – und es heute noch bedauern?
Antwort: Oh, sicher: Mary Poppins zum Beispiel. Dabei wäre ich ganz sicher eine richtig gute Mary Poppins gewesen. Als ich jünger war, hätte ich auch gern „Gigi“ gespielt – was dann Leslie Caron übernommen hat.
Frage: Heute müssen Sie für Rollen vermutlich einfach nur zusagen?
Antwort: Nein, ich muss immer noch vorsprechen. Und es gibt auch immer noch genug Regisseure, die es wagen, mich abzulehnen.
Frage: Wird es mit dem Alter schwieriger, gute Rollen zu kriegen?
Antwort: Ja, natürlich – und die Rollen verändern sich. Erst spielt man die Mütter, dann die Großmütter, dann die sterbenden alten Damen. Meine Güte, was ich schon gestorben bin! Ich kann die Filme nicht mehr zählen, in denen ich gestorben bin. Mein nächstes Projekt ist eine Mini-Serie. Ich spiele eine Frau mit Alzheimer.
Frage: Welche ihrer Sterbeszenen ist denn die beste?
Antwort: Eine wirklich gute Sterbeszene habe ich in „Die Witwe des Montiel“, einem Film nach Gabriel García Marquez, der Ende der 70er rausgekommen ist. Da geht meine Figur ins Wasser und verschwindet. Ich habe sehr starke Lungen, und unter Wasser kann ich den Atem richtig lange anhalten. Am Set dachten alle, ich komme nicht mehr raus. Das ist meine liebste Szene!
Frage: In Ihrem aktuellen Film glaubt Seneca, dass zu einem guten Leben auch ein guter Tod gehört …
Antwort: … und dann kriegt er es nicht hin. Er kann nicht sterben! Die letzten 20 Minuten unseres Films konnte ich nicht aufhören zu lachen. Immer wieder denkt man, dass er endlich seine letzten Worte spricht, aber er kann einfach nicht aufhören zu reden.
Frage: Erinnern Sie sich an den Tod Ihres Vaters? Waren Sie dabei, als er gestorben ist?
Antwort: Ich wäre gern dabei gewesen, aber ich musste drehen. Ich weiß nicht mehr, was für ein Film das damals war. Jedenfalls habe ich um einen freien Tag gebeten und gesagt, dass mein Vater im Sterben liegt. Dass Charlie Chaplin im Sterben liegt. Aber – sie haben abgelehnt. Ich war mir allerdings auch sicher, dass er nicht ausgerechnet an Weihnachten sterben würde – weil er Weihnachten so hasste. Aber genauso kam es dann. Er starb und ich konnte nicht zu ihm kommen. Zur Beerdigung wollten sie mich dann gehen lassen; aber da habe ich abgelehnt. Es war mir ja darum gegangen, mich noch einmal von ihm zu verabschieden.
Frage: Hat er letzte Worte an die Familie gesprochen, die Ihnen später berichtet wurden?
Antwort: Nicht, dass ich wüsste. Aber meine Mutter hat mir berichtet, was sie ihre letzten Worte an ihn waren: „I love you.“