Berlin Thomas Heinze – der neue „Alte“ im ZDF ist ein Kickboxer
1977 trat „Der Alte“ im ZDF seinen Dienst an, längst ist daraus ein Krimi-Klassiker geworden. Heute Abend um 20.15 Uhr gibt Thomas Heinze seinen Einstand – er ist der neue „Alte“. Warum es mehr Action als bisher geben wird, verrät er im Interview.
Als Sohn eines US-Soldaten in Berlin geboren, lebt Schauspieler Thomas Heinze (58) heute wieder in der Hauptstadt. Daran hat sich jetzt zumindest zeitweise etwas geändert, denn als der neue „Alte“ im ZDF verbringt er die Hälfte des Jahres bei Dreharbeiten in München. In einem Berliner Restaurant unterhalten wir uns über Sonnen- und Schattenseiten der Spreemetropole, Action beim „Alten“ und eine Verkehrswende, die keine ist:
Frage: Herr Heinze, Sie sind in Berlin geboren und leben hier …
Antwort: … lebe wieder hier. Mein Vater war amerikanischer Soldat und ist in Deutschland und den USA häufig versetzt worden. Deswegen bin ich in sogenannten Housing Areas, amerikanischen Wohnsiedlungen, groß geworden, die an die Kasernen angeschlossen waren. Wir waren in Fulda, Ludwigsburg, Friedberg, Mainz und anderen Städten, wo es amerikanische Garnisonen gab. Als ich geboren wurde, war er gerade hier in Berlin stationiert, aber ein Jahr später waren wir schon wieder woanders.
Frage: Hat Ihr Vater so auf Sie abgefärbt, dass Sie einige typisch amerikanische Wesenszüge haben?
Antwort: Sicher, sowohl durch meinen Vater als auch durch die ersten zehn Lebensjahre, die ich ja zum großen Teil unter Amerikanern verbracht habe. Das merkt man auch in der Schauspielerei, da habe ich wohl mehr einen amerikanischen Zugang als einen deutschen.
Frage: Inwiefern?
Antwort: Ich habe ein anderes Timing, mehr Geschwindigkeit und ein bisschen mehr Leichtigkeit. Weniger das Suchen nach den inneren Abgründen als nach der Unterhaltung und dem Spiel mit dem Gegenüber. Ich glaube auch, dass mein Humor eher amerikanisch geprägt ist.
Frage: Sind Sie regelmäßig in den USA?
Antwort: Viel zu selten, weil ich da ja auch Familie habe. Seit dem Ausbruch von Corona war ich nicht mehr da, aber ich habe mir vorgenommen, in diesem Jahr mit meinem Sohn mal wieder rüberzufliegen und ein paar Wochen dort zu verbringen.
Frage: Wie nehmen Sie die USA denn mittlerweile wahr?
Antwort: Die Kluft zwischen Demokraten und Republikanern scheint ja spätestens seit Trump schier unüberwindbar zu sein. Das Land ist extrem gespalten. Wenigstens haben zurzeit die Demokraten die Oberhand. Am erschreckendsten finde ich diese republikanische Engstirnigkeit, es wird immer schwerer, mit ihnen zu kommunizieren. Kurz vor der Wahl war ich auf einer Hochzeit und habe gesagt, dass ich mir einen Sieg von Joe Biden wünsche. Das hat dazu geführt, dass sich mein amerikanischer Nachbar weggesetzt hat, weil er so wütend über diese Aussage war. Es ist doch eine Katastrophe, dass man überhaupt nicht mehr bereit ist, über verschiedene Standpunkte zu diskutieren und sich auseinanderzusetzen, und mit welcher Aggression sich die Lager gegenüberstehen. In Deutschland ist es mittlerweile auch immer mehr so.
Frage: Zurück nach Berlin: Trifft es Sie als Berliner eigentlich, dass der Rest der Republik mittlerweile über Berlin lacht?
Antwort: Ich kann das leider nachvollziehen. Der Vorteil daran, ein halber Amerikaner zu sein, ist, dass man es sich immer aussuchen kann, was man gerade lieber ist. Und wenn’s um Berlin geht, bin ich ganz schnell der Amerikaner, der mitlacht (lacht). Anfangs war es ja ganz lustig und irgendwie auch charmant, aber jetzt finde ich es eigentlich nur noch traurig, mit welcher Chuzpe hier einfach über alles hinweggegangen, willkürlich entschieden wird und nichts, wirklich nichts mehr funktioniert.
Frage: Worüber ärgern Sie sich am meisten?
Antwort: Innerhalb Deutschlands reise ich nur noch mit dem Zug, aber ab und zu muss ich eben auch fliegen und ärgere mich immer schon im Vorfeld, weil ich genau weiß, was am Flughafen auf mich zukommt. Die Wartezeiten sind wirklich exorbitant – selbst wenn Sie zwei, drei Stunden vor dem Abflug da sind, haben Sie keine Gewissheit, dass Sie es tatsächlich auf den Flieger schaffen. Ich find’s auch unsäglich, dass man offenbar nicht daran gedacht oder nicht für nötig gehalten hat, vielleicht mal das Verkehrsnetz auszubauen. Man muss ja schließlich auch irgendwie zum Flughafen hinkommen. An diesem Flughafen funktioniert einfach so gut wie nichts. Auch nicht diese ebenerdigen Laufbänder für Menschen, die nicht so gut zu Fuß sind. Entweder sind sie gerade Baustellen, oder sie laufen einfach nicht.
Frage: Dabei ist der Flughafen ja eigentlich völlig neu.
Antwort: Ja, und es ist erstaunlich, wie sich die Deutschen schon damit abgefunden haben. Ich bin letztes Jahr mal aus Griechenland mit Zwischenlandung in München hier angekommen, es war also quasi ein innerdeutscher Flug. Und wir haben trotzdem zwei Stunden am Gepäckband gestanden und gewartet. Dann bildete sich eine Riesenschlange vor diesem Gepäckermittlungsschalter, der natürlich nur mit einer Person besetzt war. Die ausländischen Passagiere haben sich alle wahnsinnig aufgeregt, und die Deutschen standen geduldig in der Schlange, weil sie es mittlerweile ja gar nicht mehr anders kennen. Ein Amerikaner verlangte ziemlich laut „I wanna speak to a supervisor“ – dem sagte nur jemand „Nen Supervisor hab ick nich“. Es ist einfach nur noch peinlich.
Frage: Aber es muss ja auch einen Grund geben, warum Sie hier leben. Erzählen Sie doch mal was Schönes von Berlin.
Antwort: Ich finde, dass Veränderung etwas Tolles ist. Und diese Stadt verwandelt sich ja permanent. Veränderung muss natürlich nicht zwangsläufig etwas Positives bedeuten, aber ich finde es großartig, dass Berlin immer in Bewegung ist. Ich liebe Berlin schon sehr, dummerweise verlasse ich die Stadt meistens, wenn sie am schönsten ist, nämlich im Sommer. Aber ich komme ja auch immer wieder zurück und denke dann: Wow, ist das schön hier. Und es ist natürlich sensationell, was für ein unfassbares kulturelles Angebot es hier gibt, auch wenn ich viel zu wenig davon wahrnehme.
Frage: Sie nehmen ja nicht nur kulturelle Angebote wahr, sondern auch sportliche. Andere Leute spielen Fußball, Tennis oder Golf – Sie sind Kickboxer. Wie sind Sie denn darauf gekommen?
Antwort: Das kam durch Jürgen Vogel. Wenn man mit ihm befreundet ist, landet man früher oder später beim Kampfsport. Jürgen macht das ja von klein auf an, ist wahnsinnig gut in mehreren Kampfsportarten und sehr begeisterungsfähig. Diese Begeisterung kann er super vermitteln, deshalb bin ich beim Kickboxen gelandet. Ich mache es wegen des Trainings und nicht wegen der Sparrings oder des Gefühls, ich müsse mich verteidigen können. Das Training ist toll, man trainiert Arme und Beine gleichermaßen. Boxtraining gilt ja eh als eines der besten, und Kickboxen bezieht dann die Beine noch ein bisschen mehr mit ein.
Frage: Sparring ist vermutlich für Sie als Schauspieler wohl nicht angeraten.
Antwort: Stimmt, vor allem, wenn ich drehe. Mein Sohn geht in dieselbe Sportschule wie ich und macht Jiu-Jitsu. Der kommt regelmäßig sichtbar lädiert vom Training zurück. Das gehört natürlich dazu, aber davon sind die Maskenbildner nicht so begeistert. Während ich drehe, ginge also sowieso kein Sparring.
Frage: Für Ihre Rolle als „Der Alte“ bringt Kickboxen wohl eher keine Vorteile.
Antwort: Doch, durchaus. Es gibt auch Folgen mit Action und Verfolgungsjagden.
Frage: Gleich in der ersten legen Sie einen Sprint hin, der jedem Alten zur Ehre gereichen würde.
Antwort: (lacht) Mit Sprung über einen Zaun.
Frage: Sind Sie so fit, oder ist das geschickt geschnitten?
Antwort: Nee, nee, das krieg ich alles noch hin. Der Regisseur meinte: Du bist ein guter Läufer. Fast jeder kann rennen, aber es sieht nicht bei jedem gut aus. Pierce Brosnan zum Beispiel sähe super aus, wenn er rennt – Daniel Craig nicht so gut. Es wird beim „Alten“ übrigens auch Folgen mit Kampfszenen geben – da ist der Stunt-Coordinator immer ganz froh, wenn man nicht mit zwei linken Händen oder Füßen da reingeht.
Frage: Mit Ihnen kommt also die Action zum „Alten“?
Antwort: Auch das passt natürlich nur bedingt, aber mir macht es Spaß. Und solange ich es noch kann, mache ich es auch gerne.
Frage: Sie sind ja noch keine 60 – wie fanden Sie es, als das ZDF fragte, ob Sie den „Alten“ spielen wollen?
Antwort: So war’s ja nicht, sondern ich bin aufs ZDF zugegangen. Jan-Gregor Kremp hatte mir erzählt, dass er aufhören wird, daraufhin habe ich ihn gefragt, ob es schon einen Nachfolger gibt. Er meinte, es gäbe schon Bewerber, aber es sei noch nichts entschieden. Ich habe dann meinen Hut in den Ring geworfen, und offenbar passte ich dazu, wo das ZDF mit dieser Figur und dem Format hinwill. Außerdem bezieht sich der Titel „Der Alte“ gar nicht so aufs Alter, sondern in dem Fall bedeutet es wohl eher „Der Chef“. In England, wo es auch ausgestrahlt wird, heißt es „The old Fox“, also der alte Fuchs. Es hat also auch mit einer gewissen Lebenserfahrung, Weisheit und einem guten Riecher zu tun.
Frage: Sehen Sie denn morgens im Spiegel jemand anderen, seit Sie wissen, dass Sie „Der Alte“ sind?
Antwort: Nein, aber es gibt natürlich viele Freunde, die es zum Anlass nehmen, sich ein bisschen lustig zu machen.
Frage: Wie viel Caspar Bergmann sehen Sie denn morgens im Spiegel? Gibt’s Übereinstimmungen zwischen Ihnen und Ihrer Figur?
Antwort: Viele sogar. Da kommt vielleicht auch wieder das Amerikanische rein – Caspar Bergmann hat einen sehr spielerischen Ansatz, wenn es um die Lösung eines Falls geht. Er sieht das eher wie ein Quiz oder ein Rätsel, das er lösen will. Die moralische Beurteilung spielt für ihn erst einmal keine Rolle, dafür sind die Gerichte da. Ich liebe Wettkämpfe, und so eine Ermittlung ist ja auch ein Wettkampf. Richard Voss, den Jan-Gregor [Kremp] gespielt hat, hatte einen eher väterlichen Umgang mit dem Team – das ist bei Caspar Bergmann anders. Für ihn sind das Mitarbeiter, deren Geschlecht oder Alter überhaupt keine Rolle spielen. Er geht mit ihnen auf Augenhöhe um. Heutzutage nennt man das wohl „flache Hierarchien“. Und er ist ihnen gegenüber auch etwas zurückhaltender. Was den Bergmann und mich unterscheidet, ist, dass ich sehr gerne in Gesellschaft bin – das ist er nicht. Dafür sind wir beide aber sehr familiäre Menschen.
Frage: Gehörten Ihre Kinder auch zu denjenigen, die Witzchen gemacht haben, als Sie hörten, dass Ihr Vater jetzt „Der Alte“ ist?
Antwort: Ja klar. Meine Kinder lassen nichts aus, wenn es darum geht, sich über mich lustig zu machen (lacht). Aber das ist auch gut so, ich erwarte das auch von ihnen.
Frage: Die Familie werden Sie in Zukunft ja wohl nicht mehr so häufig sehen. „Der Alte“ zu sein bedeutet ja auch, einen nicht geringen Teil des Jahres in München zu wohnen und zu arbeiten.
Antwort: Das sind wohl sechs Monate im Jahr, aber natürlich immer mit Unterbrechungen. Es sind immer fünf Wochen am Stück, dann hat man wieder fünf Wochen drehfrei. Meine Kinder sind ja – der liebe Gott wollte es so – alle 19, haben alle ihr Abitur gemacht und sind auf dem Weg, in die Welt zu gehen. Sam hat zum Beispiel jetzt schon ein halbes Jahr in England Film studiert. Jetzt wird es leer zu Hause, und das ist ein Zustand, den ich überhaupt nicht mag. Zurückzubleiben und an den leeren Zimmern vorbeizugehen ist nicht so mein Ding. Und so spür ich es nicht so sehr, dass die Kinder weg sind.
Frage: Dann wird’s für Ihre Frau ja jetzt erst richtig leer.
Antwort: Jackie hat noch ihre Mutter hier, und sie kommt mich natürlich auch in München besuchen. Außerdem ist sie es ja gewohnt, dass ich oft mal für längere Zeit nicht zu Hause bin, das war ja immer schon so.
Frage: Wenn ich richtig gerechnet habe, waren Sie 13, als „Der Alte“ zum ersten Mal im ZDF lief. Durften Sie damals schon Krimis gucken?
Antwort: Ja, ich durfte und habe immer den „Kommissar“ mit Erik Ode und den „Alten“ mit Siegfried Lowitz geguckt, die beiden fand ich auch gut. Bei uns ging es ziemlich amerikanisch zu, da lief der Fernseher ständig.
Frage: Es gibt viele Schauspieler, die man zwar als Kommissar aus dem Fernsehen kennt, aber selbst kaum Krimis gucken. Das ist bei Ihnen ja komplett anders. Sie sind Fan, oder?
Antwort: Ich bin totaler Krimifan, egal ob es „Monk“, „Castle“ oder „Luther“ mit Idris Elba ist, was ich für eine echte Mega-Serie halte. Ich war aber auch ein großer Fan von „Columbo“ und habe „Kojak – Einsatz in Manhattan“ geliebt. Die alten „Miss-Marple“-Filme mit Margaret Rutherford fand ich auch toll – die gucke ich mir immer noch an, wenn sie heute mal laufen.
Frage: Gibt’s auch Tatort-Teams, die Sie nie verpassen?
Antwort: Ja, ich bin ein großer Fan von den Kölnern, und ich halte auch Axel Milberg für einen ganz spannenden Tatort-Kommissar. Ulrich Tukur ist auch ein Super-Kollege. Trotzdem gucke ich nicht jeden Tatort – manche wollen mir mittlerweile zu sehr Kunst machen, das ist mir dann oft zu wenig Krimi.
Frage: Lesen Sie auch Krimis?
Antwort: Nein. Ich bin tatsächlich ein Krimi-Gucker und kein Krimi-Leser. Ich lese ja berufsbedingt schon permanent Krimis. Wenn ich in meiner Freizeit lese, möchte ich gerne, dass mich das Buch irgendwohin entführt. Ich mag zum Beispiel Roald Dahl oder Daniel Kehlmann wahnsinnig gerne, und ich mag Bücher wie „Der Schatten des Windes“ von Carlos Ruiz Zafón oder „Casanovas Memoiren“.
Frage: Sie sind ja auch Hobby-Rennfahrer.
Antwort: Sagen wir mal so: Ich durfte ein paar Mal mitfahren, und das hat mir großen Spaß gemacht.
Frage: Womit fahren Sie denn hier durch Berlin?
Antwort: Ich bin auf zwei Rädern unterwegs. Wenn Sie gleich mal draußen gucken, steht da meine verbeulte silberne Vespa – die habe ich mir 1994 gekauft und fährt immer noch wie ’ne Eins.
Frage: Als ich kam, parkte gegenüber ein Maserati ein, und ich dachte schon: Da kommt er ja, der Thomas Heinze.
Antwort: (lacht) Das ist kein Auto, an dem man sich in Berlin lange erfreuen kann. Ich habe hier gar kein Auto. Ich hatte zwar einen Golf von meinem Bruder übernommen, habe den aber nach Spanien überführt, wo wir ein kleines Häuschen haben. In Berlin braucht man kein Auto. Mein Roller bringt mich überall hin, auch zu jeder Jahreszeit.
Frage: Dann finden Sie es vermutlich gar nicht so schlimm, dass in Berlin und anderen Städten der Verkehrsraum neu aufgeteilt wird – weniger Platz für Autos, mehr für Fahrräder, Fußgänger und Busse.
Antwort: Ich bin beruflich nicht auf ein Auto angewiesen, kenne aber ganz viele Menschen, die es sind. In einer Großstadt geht es vielleicht ohne Auto, aber außerhalb gibt es ja gar keine Infrastruktur dafür. Und die Menschen von außerhalb müssen teilweise in der Stadt arbeiten. Wir brauchen einfach sehr viel überzeugendere Konzepte. In Tallinn zum Beispiel ist die Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel für die Bewohner kostenlos – da kann man das Auto an der Stadtgrenze abstellen und den Rest mit Bus oder Bahn erledigen. Bei uns finde ich zum Beispiel die Preise der Bahn geradezu absurd, wenn man nicht Monate im Voraus weiß, wann man wohin fahren möchte, und sich so ein Supersparpreisticket kauft. Solange es sich für eine Familie immer noch besser rechnet, mit dem Auto statt mit der Bahn zu fahren, stimmt die Verkehrspolitik nicht. Wenn man es mit der Verkehrswende ernst meint, muss man da rangehen. Wir geben doch auch sonst Geld für jeden Schwachsinn aus.
Frage: Was tun Sie denn, wenn Sie zu einem wichtigen Termin unterwegs sind, und auf der Straße vor Ihnen hat sich ein Klimakleber festgeklebt?
Antwort: Mit meinem Roller komme ich da easy durch. (lacht).