Hamburg PK nach Amoktat in Hamburg: Darum wurde Waffenerlaubnis Philipp F. nicht entzogen
Bei der Amoktat starben acht Menschen. Noch sind viele Fragen offen. Die Polizei, Staatsanwaltschaft und der Hamburger Innensenator informierten am Dienstag in einer fast zweistündigen Pressekonferenz über den Stand der Ermittlungen.
Nach der Amoktat in Hamburg äußerten sich die Behörden am Dienstag zum aktuellen Ermittlungsstand. Bei der Tat am Donnerstagabend erschoss der 35-jährige Philipp F. während einer Versammlung der Zeugen Jehovas sieben Menschen, darunter ein ungeborenes Kind, dann sich selbst. Durch die Schüsse verletzte er neun weitere Menschen.
Der Hamburger Innensenator Andy Grote sprach seit Freitag mit vielen Einsatzkräften, mit vielen Zeugen Jehovas und auch mit seinen Innenministerkollegen aus anderen Bundesländern. Grote bedankte sich am Dienstag auch bei Bundesinnenministerin Nancy Faeser.
„Es gelingt sehr selten bei so einer Amoktat 20 Menschen das Leben zu retten“, so Andy Grote und dankte der Hamburger Polizei-Spezialeinheit USE. Die USE-Einsatzkräfte hatten laut Grote das Gebäude am Donnerstagabend der Zeugen Jehovas ohne vollen Schutz und Helme gestürmt und retteten so wohl vielen Menschen das Leben.
Der Innensenator dankte auch der Feuerwehr, die den größten Teil der rettungsdienstlichen Versorgung vor Ort geleistet hatte. Auch für die Einsatzzentralen in Hamburg sei das eine absolute Ausnahmesituation gewesen, so Grote. Es gingen zahlreiche Notrufe aus dem Gebäude ein, die teilweise durch Schüsse unterbrochen wurden.
Vier schwerverletzten Personen haben Ärzte wohl das Leben retten können, so der Innensenator. Eine schwerverletzte Person schwebe laut Grote noch in Lebensgefahr. Sechs Menschen seien aktuell noch im Krankenhaus. Von den neun Verletzten wohnen sieben Personen in Hamburg und zwei Bürger leben in Schleswig-Holstein. Insgesamt wurden sieben der neun Verletzen im Krankenhaus mit Schussverletzungen behandelt.
Innensenator Andy Grote hofft auf eine schnelle Einigung zu den Verschärfungen im deutschen Waffengesetz. Eine Entziehung der Waffenerlaubnis sei an rechtliche Tatsachen gebunden, so der Innensenator.
Für Oberstaatsanwalt Arnold Keller sei die Aufgabe der Ermittler nun eine vollständige Aufklärung der Tat. Auch was vor der Tat geschah. Der Internetauftritt von Philipp F. und auch das von ihm Jahr 2022 verfasste Buch von ihm werden jetzt von der Staatsanwaltschaft ausgewertet.
Philipp F. hatte keine Vorstrafen. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass er aus Hass gegen die Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas gehandelt habe, so der Arnold Keller.
Es liegen Informationen zu mehreren Wohnsitzen des Täters vor und Reisebewegungen in ganz Europa. Die Magazine der Waffen wurden vom Täter im Internet gekauft. Der Staatsschutz wolle vor allem die Frage nach dem Warum klären. Philipp F. sei ein Einzeltäter gewesen, der psychische Auffälligkeiten aufweise. Es gebe keine Anhaltspunkte für seine Einbindung in Täterstrukturen oder rechtsextremistische Netzwerke, sagte der stellvertretende Leiter des Hamburger Staatsschutzes, Uwe Stockmann.
Am 7. Februar kontrollierte die Polizei die Waffenaufbewahrung von Philipp F. und sprach mit dem Täter. Die Beamten fanden dort laut der Hamburger Polizei keine gravierenden Verstöße. Die gesamte Kontrolle dauerte rund 30 Minuten. Die Beamten hätten im Gespräch keine psychischen Auffälligkeiten beim Täter festgestellt, die den Entzug einer Schusswaffe rechtfertigen würden, so die Hamburger Polizei.
Obwohl Recherchen der Beamten zu einem Buch des Täters, in dem dieser wirre religiöse Thesen unter anderem zum Judenmord durch die Nationalsozialisten vertritt, zu keinem Ergebnis geführt hätten, könne er den Mitarbeitern „keine Vorwürfe machen“, sagte Hamburgs Polizeipräsident Ralf Martin Meyer. In dem anonymen Hinweisschreiben war seinen Angaben zufolge auf das Buch hingewiesen worden. Die Beamten hätten bei einer Google-Recherche aber lediglich den Namen des Täters und den Suchbegriff „Buch“ eingegeben und dabei kein Ergebnis erhalten.
Der anonyme Hinweis, der in einem Schreiben vor der Waffenerlaubnis für Philipp F. warnte, habe für ein Entzug der Waffenerlaubnis nicht ausgereicht. Es sei ein Indiz gewesen, keine Tatsache. „Ich hätte mir gewünscht, dass der anonyme Hinweisgeber andere Wege beschritten hätte“, sagt Polizeipräsident Ralf Martin Meyer am Dienstag.
Wer der anonyme Hinweisgeber war, konnten die Ermittler zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen. Es würde helfen, wenn sich der anonyme Hinweisgeber jetzt bei der Polizei melden würde, so die Ermittler auf der PK.
Eine Gedenk- und Trauerveranstaltung wird laut eines Senatssprechers am Sonntagabend im Rahmen eines ökumenischen Gottesdienstes in Hamburg stattfinden. Nähere Informationen würden in Kürze folgen.
(mit dpa-Material)