Osnabrück Polizeiruf 110 „Ronny“: Besser als jeder Tatort in diesem Jahr
Der Polizeiruf 110 aus Magdeburg wird immer besser. Die Folge „Ronny“ heute Abend ist das beste Beispiel. Dafür gibt es Gründe.
Die ersten Sätze in diesem Magdeburger Polizeiruf 110 haben etwas Berührendes: „Hallo, Mama, geh doch bitte mal ran. Du wolltest mich doch eigentlich abholen. Ich hab doch heute Geburtstag. Hast Du’s vielleicht vergessen? Meld Dich mal.” Wenig später steht der traurige Junge in einem Konfettiregen.
Viele andere Kinder und ein paar Erzieher gratulieren ihm zum zehnten Geburtstag und machen ihm Geschenke. Das Schönste aber wäre für Ronny (Johann Barnstorf), wenn er zu seiner Mutter könnte. Für immer. Dabei war sie bis vor anderthalb Jahren drogensüchtig, hatte Ronny zwei Tage allein in der Wohnung zurückgelassen, als er gerade mal drei war. Dann kam das Jugendamt.
Später am Tag fährt Ronny auf seinem neuen Fahrrad doch noch vom Kinderheim zu seiner Mutter (Ceci Chuh), wenn auch nur für ein paar Stunden. Doch die Geburtstagsstimmung kippt schnell. René (Oskar Bökelmann), der neue Lebensgefährte der Mutter, findet, dass Ronny eine harte Hand braucht, schnauzt ihn an, jagt ihn aus dem Haus. Gewalt liegt in der Luft. Wenig später klingelt das Handy von Hauptkommissarin Doreen Brasch (Claudia Michelsen). Ronny ist verschwunden.
Aus dieser Ausgangslage haben Drehbuchautor Jan Braren („Homevideo”) und Regisseurin Barbara Ott („Blochin”) den bislang wohl stärksten Sonntagskrimi des Jahres gemacht. In dem es nicht nur um die dramatische Suche nach einem vermissten Kind geht, sondern auch um ein verhängnisvolles Geflecht rund um das Kinderheim. Mit dessen überforderter Leiterin Gaby Kleinschmidt (Maja Schöne), ihrem verstockten Sohn Gordon (Valentin Oppermann) und einem äußerst engagierten Erzieher (Thomas Schubert), der aber nicht allen geheuer ist.
„Das Ziel ist Naturalismus,” sagt Autor Braren im Senderinfo. „Nur in Filmen reden Menschen ohne Punkt und Komma, sprechen in grammatikalisch korrektem Schriftdeutsch, erklären sich Dinge, die sie eigentlich längst voneinander wissen müssten, klingen dabei alle gleich und unterbrechen sich niemals.” Ihm ist es gelungen, diesen Krimi mit wirklich realistischen Dialogen auszustatten, eindringlich inszeniert von Regisseurin Ott. Sie wiederum hat ihren Film mit einem von der Hauptdarstellerin Claudia Michelsen bis in die kleinste Nebenrolle brillanten Ensemble besetzt. Und so wird der Polizeiruf 110 aus Magdeburg mehr und mehr zu einer Perle unter den ARD-Sonntagskrimis.
Doch woran liegt das eigentlich? Offensichtlich ist, dass die großartige Claudia Michelsen als Hauptfigur Doreen Brasch an Konstanz und Profil auf hohem Niveau gewonnen hat, seit sie nicht mehr mit wechselnden Partnern ermittelt. Zwar sind Sylvester Groth (fünf Folgen als Jochen Drexler) und Matthias Matschke (sechs Folgen als Dirk Köhler) unbestritten gute Schauspieler – allerdings stellte sich nie das Gefühl ein, dass sie wirklich gut zu diesem Format passen und sich mit ihrer Rolle als Braschs Sidekick zufriedengeben. Die Folge war ein Auf und Ab von starken und eher mäßigen Episoden. Seit Brasch allein die Fäden in der Hand hat und von ihrem Chef Uwe Lemp (Felix Vörtler) unterstützt wird, hat es keine schlechte Folge aus Magdeburg mehr gegeben.
Außerdem braucht jeder gute Film ein gutes Drehbuch. Hier hat der MDR in den letzten drei Jahren ein deutlich glücklicheres Händchen bei der Auswahl gehabt, als zuvor. An erster Stelle zu nennen wäre da Jan Braren, der nicht nur das Drehbuch für „Ronny” schrieb, sondern auch die Vorlage zur im Dezember 2020 ausgestrahlten und extrem spannenden Folge „Der Verurteilte” lieferte. Wenn ein solches Drehbuch dann in die Hände von Regisseurinnen wie seinerzeit Brigitte Maria Bertele oder nun Barbara Ott gerät, kann kaum noch etwas schief gehen.
Das findet auch Hauptdarstellerin Claudia Michelsen: „Tatsächlich war es ein großer Wunsch von mir, mit Barbara Ott zusammen arbeiten zu können,” sagt sie im Senderinfo. „Dazu kam natürlich das Buch von dem mir so verehrten Jan Braren, mit dem wir ja schon bei dem Film „Der Verurteilte“ großartig zusammenkommen durften. Das sind Perlen zwischendurch. Ich finde „Ronny“ eine sehr besondere Arbeit, da wir hier als bestehendes Team wirklich sehr moderat den Rahmen geben dürfen für diese Geschichte.”
Davon würden wir gerne noch mehr sehen.
Polizeiruf 110: Ronny. Das Erste, Sonntag, 19. März, 20.15 Uhr.
Wertung: 6 von 6 Sternen