Melle  Christine Westermann kommt nach Melle: Ich bin eine ziemliche Plaudertasche

Michael Hengehold
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Von Michael Hengehold
| 13.03.2023 13:49 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Christine Westermann liest am 15. März im Theater Melle aus ihrem Buch „Die Familie der anderen - Mein Leben in Büchern.“ Foto: Ben Knabel
Christine Westermann liest am 15. März im Theater Melle aus ihrem Buch „Die Familie der anderen - Mein Leben in Büchern.“ Foto: Ben Knabel
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Die Journalistin und Moderatorin Christine Westermann („Zimmer frei“) ist auch Bestsellerautorin. Mit ihrem neuen Buch „Die Familien der anderen - Mein Leben in Büchern“ kommt sie für eine Lesung am 15. März in das Theater Melle. Im Interview mit unserer Redaktion spricht sie über die deutsche Sprache: über Wörter fürs Katasteramt und einen „angeranzten Schatz“.

Frage: Frau Westermann, was werden Sie nicht gerne gefragt?

Antwort: Aller Anfang ist auch bei einem Interview schwer. Deshalb antworte ich erstmal bereitwillig auf jede Frage. Als Journalistin weiß ich, wie wichtig ein guter Einstieg ins Interview ist. Wenn jemand mit einer ungewöhnlichen Frage beginnt, so wie Sie das jetzt getan haben, freue ich mich.

Frage: Sie sind oder waren Mitglied der Jury „Unwort des Jahres“. Ist gerade Hochkonjunktur in diesen Zeiten der Sprachkorrekturen?

Antwort: Das liegt schon gefühlte hundert Jahre zurück. 

Frage: Das ging aus Ihrer Biografie nicht hervor, ob Sie noch dabei sind.

Antwort: Man hat nur einmal die Chance, Gastjuror zu sein. Ich habe es damals sehr genossen, mit Menschen zu diskutieren, die die Sprache aus wissenschaftlicher Sicht beurteilen. Für mich als Journalistin spannend, es mal aus ihrem Blickwinkel zu erleben. Auch wenn ich, ganz ehrlich, schon vergessen habe, was damals Unwort des Jahres wurde [2015, “Gutmensch”].

Frage: Wie stehen Sie denn zum Thema „Reinerhaltung der Sprache“? Es gibt Initiativen, die sich bemühen, die deutsche Sprache deutsch zu halten.

Antwort: Ich mag die deutsche Sprache sehr und finde es schön, wenn man sie mit Bedacht nutzt. Wir rutschen halt im Alltag schnell in Anglizismen, weil die offenbar auf den Punkt verständlich machen, was gemeint ist. „Gendern“ zum Beispiel. Mir fällt echt keine gescheite deutsche Formulierung ein, die so griffig wäre. Auf der anderen Seite kennt das Deutsche viele großartige Begriffe. Es wäre schade, würden die langsam verschwinden.

Frage: Sagen Sie mal welche.

Antwort: Das Wort liebenswürdig mag ich sehr. Drückt genau aus, was man fühlt. Jemand ist meiner Zuneigung würdig. Die deutsche Sprache ist einfühlsam und ausdrucksstark. Vor ein paar Monaten hat ein Sprachwissenschaftler eine Liebeserklärung an die deutsche Sprache verfasst und genau so hat er auch sein Buch genannt. Ich kann es nur sehr empfehlen. Und wenn wir schon bei Liebeserklärungen sind: „Mein Schatz“ ist eigentlich ein fabelhaftes Kosewort. Etwas, das man ganz für sich alleine hat, das man hegt und pflegt. Leider ist der Schatz mittlerweile ein bisschen angeranzt.

Frage: Schatz ist allemal schöner als Honey oder Baby.

Antwort: Honey klingt für mich – ehrlich gesagt – fast so altmodisch und abgenutzt wie Schatz. Richtig erfrischend finde ich „Meine Süße“, so werde ich gern genannt. Es klingt liebevoll und still, begeistert. Liebevoll ist übrigens auch ein schönes Wort.

Frage: Das zeigt ja auch etwas von Ihrer Persönlichkeit auf, welche Worte Sie ausgewählt haben. Alle haben mit Zuwendung zu tun.

Antwort: Wenn Sie es so psychologisch sehen wollen. Ich weiß nicht, warum mir das jetzt eingefallen ist. Vielleicht hat es mit meiner Liebe zur Sprache zu tun.

Frage: Ihr Weg zu Büchern, zum Lesen, war ein Hindernislauf, kann man den Informationen zu Ihrem neuen Buch entnehmen. Bei Hindernisläufen fällt man auch mal hin. Welcher Autor hat Sie stürzen lassen?

Antwort: Ich erzähle in meinem Buch auch von meinem Ringen mit dem Zauberberg vom Thomas Mann. Die fast 1000 Seiten habe ich parallel zum Schreiben gelesen, weil ich dachte, ein Klassiker der Weltliteratur muss rein ins Buch. Warum? Weil ich es irgendwie als merkwürdigen Makel empfinde, dass ich so wenig Klassisches gelesen habe, ich mich vor allem für die aktuelle Literatur interessiere. Wie mühsam es war, den Zauberberg zu bezwingen, auch davon erzählt dieses Buch. Ich habe ihn bis zum bitteren Ende gelesen, aber er hat mir nicht wirklich einen Erkenntnisgewinn gebracht. Ich merke gerade, Erkenntnisgewinn ist ein ziemlich sperriges Wort. Ich finde, es gehört eher ins Katasteramt als in die Sprache von Christine Westermann.

Frage: Ich finde Erkenntnisgewinn als Inhalt toll. Entweder unterhält mich etwas oder es verschafft mir Erkenntnisgewinn, im besten Falle beides.

Antwort: Da haben Sie recht. Vermutlich ist die deutsche Sprache auch deshalb so besonders, weil sie so wunderbar präzise ist. Waldspaziergang ist zum Beispiel ein wunderschönes deutsches Wort. Man weiß sofort, was gemeint ist. Ich wüsste gar nicht, wie das im Englischen heißt. Das wäre wahrscheinlich viel weniger plakativ. Oder „Kindergarten“, der internationale deutsche Klassiker. Schadenfreude fällt mir noch ein. Ich schweife ab. Erkenntnisgewinn sagt eigentlich klar, was man meint. Ich weiß nicht, warum mir das erstmal nicht gefallen hat. Das ziehe ich hiermit zurück.

Frage: Ist angenommen. Was für ein Lesungstyp sind Sie? Eng am Text oder viel improvisieren und zwischendurch Saxofon spielen?

Antwort: Ich kann nicht Saxofon spielen. Ich erzähle lieber aus meinem Leben, ich bin eine ziemliche Plaudertasche. Ich möchte mein Publikum unterhalten und selbst Spaß haben. Wie gut das gelingt, hängt auch ein bisschen vom Publikum ab. Kleiner Saal ist gut, großer aber auch. Im Landestheater Bielefeld waren bei einer Lesung 600 Leute. Fühlt sich großartig an, wenn man durch den großen roten Vorhang wie Hamlet auf die Bühne kommt. In Duisburg waren es 200 Zuschauer, in Kamen 110. Ich bin stets beeindruckt, wie viele Menschen kommen, um der Westermann zuzuhören. Heimlich denke ich dann, Ihr könntet doch heute Abend auch Champions League gucken. Das würde ich jedenfalls machen.

Frage: Sie freuen sich also unabhängig von der Zuschauerzahl auf Ihre Auftritte?

Antwort: Ich freue mich immer, weil ich die Lesung wie eine Belohnung begreife. Ein Geschenk an mich selbst, wenn ich merke, dass das Publikum mitgeht. Ich habe jetzt sechs Bücher geschrieben und jede Menge Lesungen gemacht. Verfüge also über einen beachtlichen – Achtung: schönes deutsches Wort - Erfahrungsschatz. Es gibt ein Kapitel im neuen Buch, das sich speziell mit diesen Lesungen beschäftigt. Da findet sich das Publikum wieder, lacht sich schlapp. Fröhlich wird es auch immer, wenn ich hinterher Bücher signiere. Die meisten sind dann unschlüssig, wenn ich frage, welche Widmung ins Buch soll. Unschlüssig – auch schön, es fehlt der Schlüssel, der Zugang – und sagen: „Schreiben Sie doch rein, was Sie wollen, Ihnen fällt bestimmt etwas ein.“ Feines Kompliment, nur kann mir nicht wirklich etwas Persönliches einfallen, weil da ein gänzlich Unbekannter vor mir steht. Auch darüber schreibe ich und beim Vorlesen spüre ich geradezu, wie sich manche Leute das Hirn zermartern: „Oh Gott, was sage ich, wenn sie fragt, was sie reinschreiben soll?“ Manchmal kommen ziemlich absurde Vorschläge, aber beide Seiten, Zuschauer und Autorin, haben ihren Spaß,

Frage: Ein Beispiel, bitte. Welche Widmung ist Ihnen in Erinnerung geblieben?

Antwort: Oft soll ich schreiben: „Dies war ein wunderschöner Abend. Herzlichen Gruß, Christine Westermann.“ Ich kann ja über meine Veranstaltung nicht schreiben, dass es ein wunderschöner Abend war. Finde ich zumindest. Neulich kam ein Mann beim Signieren zu mir, überreichte mir ein kleines Buch von Thommie Bayer; ein Autor, den ich sehr schätze. In dieses Büchlein, bat mich der Mann, möge ich doch bitte meinen Namen hineinschreiben. Er wolle es Thommie Bayer schicken, er sei vor ein paar Wochen auf einer seiner Lesungen gewesen. Ungewöhnlicher Signierwunsch. Als ich das Buch öffnete, stand da schon eine Widmung, von Thommie Bayer an mich: „Liebe Christine Westermann, der Mann, der Ihnen dieses Mini-Buch überreicht, meinte, es sei ein schönes Geschenk. Hmm. Ganz herzlich – Thommie Bayer.“ Ich habe Thommie Bayer ein herzliches „Hmm“ zurückgeschickt. Keine Ahnung, ob es ihn je erreicht hat.

Für die Lesung am 15. März 2023 (19.30 Uhr) mit Christine Westermann im Theater Melle gibt es noch Tickets bei Eventim, in der Buchhandlung Sutmöller sowie an der Abendkasse. Sie kosten 20 Euro, bei Eventim zuzüglich Vorverkaufsgebühr.

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