Hamburg  Amoktat in Hamburg: Diese neuen Details zum Täter gibt es

Yannick Kitzinger
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Von Yannick Kitzinger
| 11.03.2023 19:40 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die Straße Deelböge im Hamburger Norden: Hier erschoss Philipp F. mehrere Menschen. Foto: Stephan Pflug
Die Straße Deelböge im Hamburger Norden: Hier erschoss Philipp F. mehrere Menschen. Foto: Stephan Pflug
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Ein ehemaliges Mitglied der Zeugen Jehovas hat die Amoktat von Hamburg begangen. Die Ermittlungen laufen auf Hochtouren. Was veranlasste Philipp F. zu den Schüssen?

Hamburg, Donnerstagabend, kurz vor 21 Uhr: Der schwerbewaffnete Philipp F. eröffnet in einem Gebäude der Zeugen Jehovas das Feuer. Auch vier Tage nach der schrecklichen Nacht herrscht Fassungslosigkeit über die Amoktat, die acht Menschen das Leben kostete. Und es stellen sich Fragen zu den Hintergründen. Nach und nach kommen Details ans Licht. Am Montag gehen die Ermittlungen in Hamburg weiter.

Am Samstagmorgen äußerte sich die Polizei Hamburg zum Zustand der Verletzten – konnte aber kaum neue Informationen geben. Zuletzt waren acht Menschen verletzt, vier von ihnen schwebten in Lebensgefahr. Zu den Todesopfern ist Folgendes bekannt: Es handelt sich dabei um vier Männer und zwei Frauen sowie um ein ungeborenes 28 Wochen altes Mädchen. Auch der Täter selbst zählt zu den Opfern – er soll sich mittels eines Bauchschusses selbst getötet haben.

Alle Todesopfer waren deutsche Staatsangehörige und starben durch Schusseinwirkung. Die 33 Jahre alte Mutter des ungeborenen Kindes wurde schwer, aber nicht tödlich verletzt. Am Sonntagmorgen wurden keine neuen Informationen zum Zustand der acht verletzten Personen bekanntgegeben. Nach dem letzten Stand waren vier von ihnen lebensgefährlich verletzt.

Der Amoktäter hatte mehr als 100 Mal geschossen. Eine Besucherin sei bereits auf dem Nachhauseweg gewesen, als der Täter nach Angaben der Polizei zehn Schüsse auf ihr Auto auf dem Parkplatz am Gebäude abgab. Die Frau habe leicht verletzt mit dem Wagen und sich bei der Polizei melden können, sagte der Leiter der Schutzpolizei, Matthias Tresp. Die Einsatzkräfte waren schnell am Ort.

Als Extremist war der 35-jährige Schütze nach Angaben aus Sicherheitskreisen nicht bekannt. Seit dem 12. Dezember vergangenen Jahres sei er im legalen Besitz einer halbautomatischen Pistole gewesen, sagte Polizeipräsident Ralf Martin Meyer. Dabei habe es sich um die Tatwaffe gehandelt. Der Amoktäter stammt aus Memmingen in Bayern. Seit 2015 war er in Hamburg gemeldet.

Am Samstag wurde zudem bekannt: F. war Medienberichten zufolge Mitglied im noblen Hanseatic Gun Club in der Hamburger Innenstadt. Der Schießstand in Alsternähe liegt nur drei Minuten Fußweg von der Adresse entfernt, die F. auf seiner Homepage als Büro-Sitz angab. Auf Anfrage unserer Redaktion teilte die Büroflächenvermietung „Satellite Office GmbH“ mit, dass zwar ein Vertragsverhältnis mit F. bestand, er sich aber nicht in den Räumlichkeiten aufgehalten hatte.

Die Waffenbehörde erhielt nach Angaben von Meyer im Januar einen anonymen Hinweis auf eine mögliche psychische Erkrankung des Täters. Der Hinweisgeber habe die Waffenbehörde auf dessen „besondere Wut auf religiöse Anhänger, besonders gegenüber den Zeugen Jehovas“ aufmerksam gemacht, wie Meyer mitteilte.

Anfang Februar sei F. von zwei Beamten der Waffenbehörde unangekündigt aufgesucht worden. Es habe keine relevanten Beanstandungen gegeben. Die rechtlichen Möglichkeiten seien damit ausgeschöpft gewesen. Nach den Schüssen fand die Polizei laut Staatsanwaltschaft in der Wohnung des mutmaßlichen Täters nahe einer S-Bahnstation in Hamburg-Altona auch eine größere Menge Munition.

Mögliche Konflikte innerhalb der Glaubensgemeinschaft schließen die Ermittler nicht aus. Polizeipräsident Meyer sagte, es gebe Hinweise auf einen Streit „möglicherweise aus dem Bereich der Zeugen Jehovas“.

Im Internet gab Philipp F. einiges über sich und seine Gedankenwelt preis. Die Webseite des Täters zeigte etwa, dass er sich intensiv mit Gott und Jesus Christus auseinandersetzte und krude Thesen verbreitete.

Streitpunkt soll auch ein Buch gewesen sein, dass F. im vergangenen Jahr veröffentlichte. F. könne darin erklären, wann das Reich Jesu Christi erscheinen wird und welche Folgen dies haben wird, heißt es in der Beschreibung. Als „neue Standardlektüre neben der Bibel und dem Koran“ warb F. für das Buch.

Ein namentlich nicht genannter Verwandter des Täters sage gegenüber der „Augsburger Allgemeinen“, F. habe dabei auch gegen die Lehre der Zeugen Jehovas argumentiert und sich offenbar von der Gemeinde ausgestoßen gefühlt. Es sei aber „kaum noch ein klarer Gedanke“ zu erkennen gewesen. Nach Angaben des Leiters des Staatsschutzes der Polizei, Thomas Radszuweit, hatte der Amokschütze die Gemeinde vor anderthalb Jahren freiwillig verlassen, „aber offenbar nicht im Guten“.

Die Website des Amoktäters ist seit Samstagmittag nicht mehr erreichbar. Sein Profil beim sozialen Business-Netzwerk LinkedIn scheint gelöscht. Und auch bei Amazon steht sein Buch seit dem Wochenende offenbar nicht mehr zum Verkauf.

(mit Material der dpa)

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