Hamburg  Dem Amoktäter verzeihen? Chef der Zeugen Jehovas will Hass mit Liebe besiegen

Markus Lorenz
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Von Markus Lorenz
| 11.03.2023 18:15 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Michael Tsifidaris am Freitag bei einem Treffen mit Bundesinnenministerin Nancy Faeser und Innensenator Andy Grote vor dem Gemeindehaus der Zeugen Jehovas in Groß Borstel. Foto: Christian Charisius/dpa
Michael Tsifidaris am Freitag bei einem Treffen mit Bundesinnenministerin Nancy Faeser und Innensenator Andy Grote vor dem Gemeindehaus der Zeugen Jehovas in Groß Borstel. Foto: Christian Charisius/dpa
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Gewaltfreiheit zähle zu den unverrückbaren Grundsätzen der Zeugen Jehovas, betonen deren Vertreter. Nach der Bluttat von Hamburg ist die Gemeinde tief bestürzt – und sucht nach einer angemessenen Antwort.

Der Amoklauf mit acht Toten in einem Versammlungshaus der Zeugen Jehovas in Hamburg hat blankes Entsetzen ausgelöst. Naturgemäß ist die Bestürzung unter den Anhängern der Glaubensgemeinschaft ganz besonders groß. Deren Regionalbeauftragter für Norddeutschland, Michael Tsifidaris, beschrieb die Empfindungen am Tag nach der Tat mit den Worten: „Wir sind schockiert und fassungslos.“

Am Tatort wurde unter anderem dieses Papierherz gemeinsam mit Blumen niedergelegt. Der Text darauf bezieht sich auf den Brief an die Philipper. In diesem heißt es unter anderem: „Eure Güte werde allen Menschen bekannt. Der Herr ist nahe. Sorgt euch um nichts, sondern bringt in jeder Lage betend und flehend eure Bitten mit Dank vor Gott! Und der Friede Gottes, der alles Verstehen übersteigt, wird eure Herzen und eure Gedanken in der Gemeinschaft mit Christus Jesus bewahren.“

Passend dazu sagte Tsifidaris – wenn auch nicht in direktem Zusammenhang – etwas, was manchen erstaunen dürfte: Der oberste Vertreter der Zeugen Jehovas in Hamburg, Bremen und Niedersachsen schließt nicht aus, dem Täter zu verzeihen. Auf die Frage, ob er dem mutmaßlichen Amokschützen Philipp F. vergeben könne, sagte er: „Solcher Hass kann nicht durch Hass besiegt werden. Solcher Hass kann nur durch Liebe besiegt werden.“ Die Glaubensgemeinschaft bete nun darum, „dass in diesem Heilungsprozess göttliche Liebe und die Liebe der Familien und der Gemeindemitglieder die Schlüsselrolle spielen“.

Laut Polizei hatte das ehemalige Gemeindemitglied Philipp F. (35) den Königreichssaal im Stadtteil Groß Borstel nach einem Gottesdienst überfallen und sieben Menschen erschossen. Dazu gehört ein ungeborener, 28 Wochen alter Fötus, dessen Mutter den Anschlag überlebte. Der mutmaßliche Amokläufer wurde im Gebäude ebenfalls tot aufgefunden, laut Polzei hat er sich selbst erschossen.

Wie Tsifidaris weiter berichtete, gehören zu den Opfern auch führende Personen der Ortsversammlung Winterhude/Groß Borstel. Bei den Zeugen Jehovas gebe es keine Priester im Ornat, die Gemeinden würden von sogenannten Ältesten oder Seelsorgern geführt. Tsifidaris: „Ja, unter den Toten sind auch solche Seelsorger.“

Er habe nach den Schüssen mit einigen der Überlebenden sprechen können. Diese hätten ihm von „dramatischen Szenen“ im Königreichssaal berichtet: „Die Menschen haben in dieser Schocksituation versucht, sich gegenseitig zu schützen, soweit es ihnen möglich gewesen ist.“

Bei der Versorgung der Verletzten in den Krankenhäusern sei es seines Wissens zu keinerlei Problemen im Zusammenhang mit den Grundsätzen der Zeugen Jehovas gekommen. Die christliche Religionsgemeinschaft lehnt Bluttransfusionen ab und begründet das mit ihrer besonderen Bibelauslegung.

Ob und in welchem Rahmen es eine Gedenk- oder Trauerfeier für die Toten seitens der Gemeinde geben wird, ist noch unklar. Der sonntägliche Gottesdienst soll trotz der Tragödie aber wie üblich abgehalten werden. Allerdings nicht in dem Gebäude, in dem sich der Amoklauf ereignete. Tsifidaris: „Das wird diesmal ausschließlich digital geschehen.“ Die Zeugen Jehovas kommen in ihren Gemeinden zweimal wöchentlich zum Beten und zur gemeinsamen Bibelauslegung zusammen: sonntags um 17 Uhr und donnerstags um 19 Uhr.

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