Hamburg  Amoktat bei den Zeugen Jehovas: Was wir wissen – und was nicht

Sarah Sauerland
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Von Sarah Sauerland
| 10.03.2023 06:11 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Der Tag danach am Tatort: Die Ermittlungen laufen. Foto: Stephan Pflug
Der Tag danach am Tatort: Die Ermittlungen laufen. Foto: Stephan Pflug
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Vieles ist nach der Amoktat in Hamburg-Groß Borstel inzwischen klar. Aber nicht das Motiv. Am Montag setzen die Hamburger Behörden ihre Ermittlungen fort.

Am Donnerstagabend wurden in einem Gebäude der Zeugen Jehovas im Hamburger Stadtteil Groß Borstel laut Polizeiangaben acht Menschen, inklusive Täter getötet und mehrere weitere zum Teil lebensgefährlich verletzt. 47 Notrufe gingen bei der Polizei ein.

135 Mal soll der Angreifer geschossen haben, zehn Schüsse fielen dabei bereits vor den tödlichen Angriffen. Er schoss auf ein Auto, in dem sich eine Frau befand, die aber flüchten konnten. 953 Polizeibeamte waren im Dienst, davon 52 Auswärtige (Bundespolizei und Spezialeinsatzkräfte aus Schleswig-Holstein). Auch Tage danach sind noch viele Fragen offen. Was wir inzwischen wissen und was nicht.

Erste Notrufe bei der Polizei gingen gegen 21 Uhr ein: Im sogenannten Königreichssaal der Zeugen Jehovas, in dem sich etwa 36 Personen befanden, seien kurz vor 21 Uhr Schüsse gefallen. Einsatzkräfte der Polizei sind schnell am Tatort und hören in einem oberen Geschoss des Gebäudes noch einen Schuss. Dort finden sie auch eine tödlich verletzte Person.

Eine Nachbarin berichtete von ihren Beobachtungen am Abend so: „Es waren ungefähr vier Schussperioden. In diesen Perioden fielen immer mehrere Schüsse, etwa im Abstand von 20 Sekunden bis einer Minute“. Ob der Täter von draußen kam oder Teil der Veranstaltung war, ist unklar. Bei seiner Tat hatte der Mann laut „Abendblatt“ eine Pistole und mehrere Magazine dabei. 

Die Polizei hat ein Hinweisportal eingerichtet, um an weitere Informationen zum Tatablauf zu gelangen. Auf der Webseite https://hh.hinweisportal.de/ können „Fotos und Videos zur Tat oder relevanten Ereignissen in diesem Zusammenhang hochgeladen werden“. Das teilte die Polizei Hamburg auf Twitter mit. Die telefonische Anlaufstelle ist unter den Nummern 040 4286-24393, -24386 und -24323 erreichbar.

Laut Polizei wurden vier Männer und zwei Frauen Menschen im Alter von 33 bis 60 Jahren getötet. Sie alle waren deutsche Staatsbürger. Innensenator Andy Grote betätigte bei einer Pressekonferenz am Freitag, dass auch ein ungeborenes Kind im Alter von sieben Monaten zu den Opfern gehört. Die 33 Jahre alte Mutter des ungeborenen Kindes wurde schwer, aber nicht tödlich verletzt.

Acht Personen wurden darüber hinaus verletzt, vier davon lebensgefährlich.

Sechs der Verletzten stammen aus Deutschland, eine Frau ist Ukrainerin und eine ist Staatsbürgerin Ugandas.

Keines der Opfer war mit dem Täter verwandt.

Der 35-jähige Todesschütze Philipp F. stammt aus Bayern. In München hat er ein Masterstudium in Finance und Controlling abgeschlossen. Er ist ein ehemaliges Mitglied der Zeugen Jehovas und war seit 2015 in Hamburg ansässig. Er feuerte mehrere Magazine aus einer Pistole vom Typ Heckler und Koch P30 ab.

Er war Sportschütze und hütete zu Hause weitere Waffen. Am Samstag wurde zudem bekannt: F. war Medienberichten zufolge Mitglied im noblen Hanseatic Gun Club in der Hamburger Innenstadt. Der Schießstand in Alsternähe liegt nur drei Minuten Fußweg von der Adresse entfernt, die F. auf seiner Homepage als Büro-Sitz angab. Auf Anfrage unserer Redaktion teilte die Büroflächenvermietung „Satellite Office GmbH“ mit, dass zwar ein Vertragsverhältnis mit F. bestand, er sich aber nicht in den Räumlichkeiten aufgehalten hatte.

F. ist den Behörden nach Informationen aus Sicherheitskreisen nicht als Extremist bekannt gewesen. Dass sein Name dennoch in den Datenbanken der Sicherheitsbehörden auftauchte, hat dem Vernehmen nach keinen kriminellen Hintergrund, sondern liegt an seiner Beantragung einer waffenrechtlichen Erlaubnis.

Der Täter ist unter den Todesopfern. Er rannte nach den tödlichen Schüssen ins erste Stockwerk und beging dort laut Aussagen von Innensenator Andy Grote bei Eintreffen der Polizei Suizid. Vor anderthalb Jahren hatten sich der Täter und die religiöse Gemeinschaft – offenbar nicht im einvernehmlich – getrennt.

Im Internet gab Philipp F. auch einiges über sich und seine Gedankenwelt preis. Die Webseite des Täters zeigte etwa, dass er sich intensiv mit Gott und Jesus Christus auseinandersetzte und krude Thesen verbreitete. Streitpunkt soll auch ein Buch gewesen sein, dass F. im vergangenen Jahr veröffentlichte. F. könne darin erklären, wann das Reich Jesu Christi erscheinen wird und welche Folgen dies haben wird, heißt es in der Beschreibung. 

Die Waffenbehörde hat nach Angaben des Hamburger Polizeipräsidenten Ralf Martin Meyer im Januar einen anonymen Hinweis auf eine mögliche psychische Erkrankung des Mannes erhalten. Laut des unbekannten Schreibers sei das Ziel gewesen, das Verhalten und die waffenrechtlichen Vorschriften in Bezug überprüfen zu lassen, sagte Meyer.

Die unbekannte Person habe ferner geschrieben, dass die psychische Erkrankung von F. möglicherweise ärztlich nicht diagnostiziert sei, da sich F. nicht in ärztliche Behandlung begebe. F. habe laut dem Schreiben eine besondere Wut auf religiöse Anhänger, besonders gegen die Zeugen Jehovas und auf seinen ehemaligen Arbeitgeber gehegt, sagte Meyer.

Seit dem 12. Dezember 2022 hat sich F. laut Meyer im legalen Besitz einer halbautomatischen Waffe befunden. Es handelt sich auch um die Tatwaffe.

Auf der Internetseite der Zeugen Jehovas heißt es in einer Stellungnahme, die Tat habe sich im Königreichssaal der Hamburger Gemeinde nach einem dort stattfindenden Gottesdienst ereignet.

Am Freitagmittag gab es eine Pressekonferenz, bei der Details zu der Tat und zum Stand der Ermittlungen bekanntgegeben wurden.

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