Berlin  Kassenärzte: Karl Lauterbachs Neustart bei E-Patientenakte und E-Rezept wird scheitern

Tobias Schmidt, Mark Otten
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Von Tobias Schmidt, Mark Otten
| 09.03.2023 04:35 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Digitalisierung im Gesundheitswesen Foto: Stefan Sauer
Digitalisierung im Gesundheitswesen Foto: Stefan Sauer
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Gesundheitsminister Karl Lauterbach will der Digitalisierung im Gesundheitswesen endlich zum Durchbruch verhelfen. Die Kassenärzte halten die Pläne für die Einführung von Patientenakte und E-Rezept für unreif und befürchten ein neues Scheitern.

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach will die schleppende Verbreitung digitaler Anwendungen für Patientinnen und Patienten deutlich beschleunigen. „Deutschlands Gesundheitswesen hängt in der Digitalisierung um Jahrzehnte zurück. Das können wir nicht länger verantworten“, sagte der SPD-Politiker am Donnerstag in Berlin.

Deshalb solle „ein Neustart“ kommen, um elektronische Patientenakten für alle zu erschließen, E-Rezepte alltagstauglich zu machen und die Forschung auf Basis von Gesundheitsdaten zu erleichtern. Die Vorteile der Digitalisierung zu nutzen, mache die Behandlungen besser.

Vorgesehen ist ein Gesetzespaket. Unter anderem sollen bis Ende 2024 für alle gesetzlich Versicherten digitale Akten eingerichtet werden – es sei denn, man lehnt das aktiv ab. Gespeichert werden können darin etwa Befunde, Röntgenbilder und Medikamentenlisten. Als freiwilliges Angebot waren die E-Akten schon 2021 eingeführt worden, aber nur ein Bruchteil der 74 Millionen Versicherten nutzt sie. Erklärtes Ziel bis 2025 ist, dass 80 Prozent der gesetzlich Versicherten E-Akten haben.

Außerdem sollen E-Rezepte nach einer bisher stockenden Einführung einfacher nutzbar und Anfang 2024 zum verbindlichen Standard werden. Gesetzlich geregelt werden sollen auch mehr Datenauswertungen für die Forschung. Dafür soll unter anderem eine zentrale Stelle eingerichtet werden, die einen Zugang zu pseudonymisierten Daten aus verschiedenen Quellen wie Registern und Krankenkassendaten ermöglichen soll.

Kassenärztechef Andreas Gassen kritisierte Lauterbachs Pläne. Dessen Vorgehen erinnere „fatal“ an das Scheitern der vergangenen Jahre, als „völlig unrealistische Zeithorizonte“ genannt worden seien, sagte der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) im Gespräch mit unserer Redaktion.

„In der Realität der deutschen digitalen Infrastruktur arbeiten wir mit Lösungen aus der informationstechnologischen Steinzeit, wie zum Beispiel mit Konnektoren, die die Praxen gerade erneut für viel Geld austauschen mussten. Wir haben nicht miteinander kommunizierende Praxisverwaltungssysteme, ganz zu schweigen von der fehlenden Anbindung der Kliniken“, beklagte Gassen. Das bisherige Scheitern der Digitalisierung im Gesundheitswesen liege daran, dass es „schlicht keine vernünftigen, funktionierenden, skalierbaren softwarebasierten Lösungen gibt, die die Arbeit in den Praxen erleichtern statt sie zu behindern“. Zwar sicherte er Lauterbach zu, „konstruktiv“ an einer funktionierenden Lösung für die elektronische Patientenakte mitzuarbeiten. „Wir lehnen aber unreife und unabgestimmte Konzepte ab.“

Positive reagierte der Grünen-Gesundheitsexperte Janosch Dahmen. „Die digitale Patientenakte kann Leben retten, weil sie Ärzten sofort alle wichtigen Informationen über einen Patienten zur Verfügung stell“, sagte er der DPA. Sie müsse daher zum Standard werden. Dass bisher weniger als ein Prozent der Bevölkerung eine E-Patientenakte habe, sei völlig unzureichend. „Andere Länder sind uns meilenweit voraus.“

Grünen-Experte Dahmen sagte, es sei gut, dass der Minister jetzt Tempo mache. Die Widerspruchslösung sei angesichts des hohen Nutzens für die Versorgung „ein verhältnismäßiger Weg“. Dabei solle man Datenschutz und Gesundheitsschutz nicht gegeneinander ausspielen. „Patienten sollten flexibel über die Nutzung der Akte entscheiden können.“

So könnten sie beispielsweise nur einzelne Befunde für bestimmte Ärzte sichtbar machen. Zudem sollte die Digitalakte von vornherein so effizient und benutzerfreundlich wie möglich sein. „Dafür gibt es noch Luft nach oben“, erläuterte Dahmen.

„Für den Patienten oder Arzt muss die Patientenakte so einfach wie eine Suchmaschine zu bedienen sein“, sagte der Grünen-Politiker. Für den Praxisalltag wäre es sehr umständlich, wenn zunächst nur lange Dokumente hochgeladen werden könnten. Es brauche einen schnellen Überblick über die Patienteninformationen und ein einheitliches und strukturiertes Datenformat.

Die FDP-Fachpolitikerin Christine Aschenberg-Dugnus sagte, der Vorteil der E-Akte sei nicht nur, dass Patienten Einblick in sämtliche Befunde erhielten. Auch andere Akteure des Gesundheitswesens könnten sich mit wenigen Klicks ein Bild vom Gesundheitszustand eines Patienten verschaffen.

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