Ukrainerin in Aurich  Zwischen Sehnsucht nach der Heimat und dem Leben in Sicherheit

Franziska Otto
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Von Franziska Otto
| 05.03.2023 16:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Miroslava Kasianova (Mitte) lebt seit knapp einem Jahr in Aurich. Inzwischen in einer eigenen Wohnung, zuvor wohnte sie bei Hilde Ubben und Hinrikus Harms. Foto: Franziska Otto
Miroslava Kasianova (Mitte) lebt seit knapp einem Jahr in Aurich. Inzwischen in einer eigenen Wohnung, zuvor wohnte sie bei Hilde Ubben und Hinrikus Harms. Foto: Franziska Otto
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Seit einem Jahr lebt Miroslava Kasianova mit ihrem Sohn in Aurich. Sie floh vor dem russischen Angriff auf die Ukraine. Durch schwere Schicksalsschläge hindurch helfen ihr neu gewonnene Freunde.

Aurich - Angst und Unsicherheit spürte Miroslava Kasianova, als sie vor knapp einem Jahr vor einer Haustür in Aurich stand. Mit ihrem Sohn Mykita an der Hand, drei Taschen und einem Rucksack. Sie konnte bei ihrer Flucht aus der Ukraine nur das Nötigste mitnehmen. Die Tür öffnete dann Hilde Ubben – eine Frau, die sie nicht kannte und deren Sprache sie nicht verstand. Bei ihr sollte Miroslava Kasianova für die nächste Zeit leben.

Miroslava Kasianova und ihr Sohn Mykita vor knapp einem Jahr, kurz nach ihrer Ankunft in Aurich. Foto: Franziska Otto
Miroslava Kasianova und ihr Sohn Mykita vor knapp einem Jahr, kurz nach ihrer Ankunft in Aurich. Foto: Franziska Otto

Vor einem Jahr sprach die Ukrainerin kein Wort Deutsch oder Englisch. Die Verständigung mit Hilde Ubben und ihrem Lebenspartner Hinrikus Harms lief über Zeichensprache mit Händen und Füßen sowie einer Übersetzungsapp auf dem Handy. Inzwischen kann Miroslava Kasianova ihre Geschichte selbst erzählen.

Russland greift die Ukraine an – und alles ändert sich

Mit dem russischen Angriff auf die Ukraine änderte sich für die 33-Jährige alles. Zusammen mit ihrem Sohn lebte sie in einer Wohnung in der ukrainischen Hauptstadt Kiew. Die Chemielaborantin war sehr gut in der Lage, für sich und ihren Sohn zu sorgen. Das half jedoch nicht, als Bomben auf Kiew fielen. Zusammen mit ihrem Sohn versteckte sich Miroslava Kasianova in unterirdischen Parkhäusern und Kellern. „Ich verließ die Ukraine nicht, weil ich ein schlechtes Leben hatte, nicht wegen Armut. Ich ging weg, weil das Leben meines Kinds in Gefahr war.“ Sie nahm mit einem Bus den Weg zur polnischen Grenze auf sich. Von dort aus kam sie mit Helfern aus dem Landkreis Aurich in Kontakt. Sie brachten sie mit nach Aurich.

Der damals vierjährige Mykita liegt in einem Keller in Kiew. Seine Mutter Miroslava Kasianova versteckte sich dort mit ihm vor den Bomben. Foto: privat
Der damals vierjährige Mykita liegt in einem Keller in Kiew. Seine Mutter Miroslava Kasianova versteckte sich dort mit ihm vor den Bomben. Foto: privat

In der Ukraine geblieben war der Vater von Mykita. „Er verteidigt unser Land“, hatte Miroslava vor einem Jahr gesagt. Auch wenn sie von ihm bereits geschieden ist, war ihre Sorge um ihn und ihre Heimat groß. Immer wieder schrillte ihr Handy. Eine App warnte damit vor Luftangriffen. Zu Beginn rief Mykitas Vater jeden Abend seinen Sohn an. Aber dann – Stille. Zwei Wochen wartete der Junge auf ein Lebenszeichen seines Vaters. „Papa ist kaputt“, zitiert Hilde Ubben die Worte des Kindes. Der Vater ist im Krieg gegen Russland gefallen.

Die Familie ist noch im besetzten Gebiet

Nach wie vor in der Ukraine ist die Familie von Miroslava Kasianova. Das Haus ihrer Großmutter und das ihres Bruders wurden durch die Angriffe zerstört. Das Haus ihrer Eltern wurde beschädigt, ist aber inzwischen wieder aufgebaut, sagt sie. Sie wohnen in Lyssytschansk. Die Stadt im Osten der Ukraine grenzt an Sjewjerodonezk in der Oblast Luhansk. Sjewjerodonezk wurde im Zuge des Krieges schwer umkämpft. Lange galt es als eines der letzten Teile von Luhansk, die noch nicht von Russland erobert worden waren. Im Juni des vergangenen Jahres zogen sich die ukrainischen Truppen zurück. Miroslava Kasianovas Eltern leben unter russischer Besatzung. Einmal haben sie Zugriff aufs Internet – nur dann stehen sie mit ihrer Tochter im Kontakt.

Hilde Ubben und Hinrikus Harms unternehmen mit Miroslava Kasianova und ihrem Sohn Mykita gemeinsame Ausflüge. Foto: privat
Hilde Ubben und Hinrikus Harms unternehmen mit Miroslava Kasianova und ihrem Sohn Mykita gemeinsame Ausflüge. Foto: privat

Von Anfang an da für die Ukrainerin und ihren Sohn waren Hilde Ubben und ihr Lebensgefährte Hinrikus Harms. Sie schlossen Mutter und Sohn sofort in ihre Herzen. Auch bei Miroslava Kasianova war die anfängliche Skepsis schnell verflogen. „Ich habe gesehen, dass sie Hunde haben. Wer Tiere hat, ist auch freundlich zu Menschen“, sagt sie. Inzwischen ist ein unzertrennliches Band zwischen den Ukrainern und den Aurichern gesponnen. Dass Miroslava Kasianova für sie inzwischen wie eine Tochter ist, hatte Hilde Ubben nicht kommen sehen. „Ich wusste überhaupt nicht, was auf mich zukommt. Aber es hat einfach gepasst“, sagt sie.

Zurück in die Heimat

Inzwischen sind Mutter und Sohn in eine eigene Wohnung gezogen – natürlich mit Unterstützung der Auricher. Sie wohnt nun im Haus von Hilde Ubbens Mutter in einer eigenen Wohnung im Obergeschoss. Mykita geht nun in den Kindergarten. Vormittags besucht seine Mutter einen Sprachkurs, nachmittags hilft sie beim Pflegedienst von Hilde Ubben aus. Dort ist sie eine Art Mädchen für alles, kümmert sich um die Wäsche und den Garten. Vom Jobcenter habe sie auch schon die Möglichkeit in Aussicht gestellt bekommen, wieder als Chemielaborantin zu arbeiten, sagt Hilde Ubben. Dafür sei allerdings trotz ihrer Fortschritte beim Deutschlernen die Sprachbarriere für die Ukrainerin noch etwas zu groß.

Miroslava Kasianova und ihr Sohn Mykita (Mitte) wohnten vor einem Jahr noch bei Hilde Ubben und Hinrikus Harms. Foto: Franziska Otto
Miroslava Kasianova und ihr Sohn Mykita (Mitte) wohnten vor einem Jahr noch bei Hilde Ubben und Hinrikus Harms. Foto: Franziska Otto

So eng das Band zwischen den Aurichern und den Ukrainern ist – sobald der russische Angriff auf die Ukraine vorbei ist, will Miroslava Kasianova mit ihrem Sohn nach Kiew zurückkehren. Ihre Wohnung steht noch, sagt sie. Hilde Ubben und Hinrikus Harms sehen ihren möglichen Abschied mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Sie wollen nur das Beste für die beiden. Und schließlich wäre es kein Abschied für immer. Ein Besuch in der Ukraine steht für Hilde Ubben schon fest. „Du musst uns unbedingt deine Heimat zeigen.“

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