Osnabrück Kunstexperte Markus Müller: Schon mit 15 Jahren in Pablo Picasso vernarrt
Wie lebt man mit dem Genie der Genies? Markus Müller leitet Deutschlands einziges Picasso-Museum. Im Gespräch sagt er, warum Pablo Picasso wichtig ist – und ein Fall für die MeToo-Debatte.
Was klebt ein Junge von fünfzehn Jahren an die Wand seines Jugendzimmers? Ein Poster seiner Fußballmannschaft? Bilder seiner Popstars? Der 15 Jahre alte Markus macht es anders. Er platziert einen selbst fabrizierten Scherenschnitt. Das Motiv: Ein Gemälde von Pablo Picasso.
Verrückt? Vielleicht, aber wenn Markus Müller heute gefragt wird, wann und womit seine Leidenschaft für Pablo Picasso anfing, antwortet er wie aus der Pistole geschossen: „Mit Madame Z. Mit 15“. Und fügt mit schelmischem Lachen sofort an: „Picasso hätte mich umgebracht für dieses Werk“. Kein Wunder: Der Junge gestaltet das Porträt seiner Gefährtin Jacqueline Roque von 1954 im Stil von Picassos Konkurrenten Henri Matisse. Ganz schön kess, dieser 15-Jährige.
Heute kann Markus Müller über solche Jugendsünden gut lachen. Seit der Gründung im Jahr 2000 leitet er das Kunstmuseum Pablo Picasso in Münster, Deutschlands einziges Sammlungshaus, das ganz dem spanischen Genie gewidmet ist. Hinter der Fassade des Druffelschen Palais in der Münsteraner Innenstadt hütet er einen Schatz von tausenden Kunstwerken, begeistert sein Publikum mit ausgefeilten Ausstellungsideen, wirkt als Professor für Kunstgeschichte an der Universität. Und jetzt blickt er auf das große Datum voraus, Picassos 50. Todestag am 8. April 2023.
Markus Müller ist vieles, Impresario, Kunstexperte, Kontaktgenie, vor allem aber eines: ein Mann, der seine Worte zu setzen weiß und mit charmantem Lächeln jedes Gespräch mit ihm zu einem Vergnügen macht, ein Mann der leisen Töne und einer geschliffenen Umgänglichkeit, die eine beste soziale Schule verrät – die der französischen Kultur.
Dabei mag er ein Wort nicht, das auf ihn bestens zu passen scheint: Netzwerker. „Ich finde es schöner, wenn ich mit Pariser Kollegen beim Croissant sitze“, beschreibt Markus Müller jene Augenblicke, in denen Leihgaben für die nächsten Ausstellungen eingeworben werden. Der Frankophile Müller unterhält intensive Beziehungen zum Nachbarland, in dessen Museums- und Sammlerszene er bestens zu Hause ist.
„Die Franzosen merken, dass ich ihr Land liebe. Das ist nicht gespielt“, beschreibt Müller, welcher Schlüssel am besten die Türen der Nachbarn öffnet und empfiehlt ansonsten für die Kontaktpflege bodenständige Tugenden: „Seriosität und Verlässlichkeit“. Klingt das nicht ganz westfälisch? Kein Wunder bei Müller, der in Herford zur Welt kam.
Dabei untertreibt er mächtig, wenn er sich als „Handlungsreisenden in Sachen Kultur“ bezeichnet. Markus Müller ist viel mehr. Wie weit seine gut gehüteten Kontakte reichen müssen, blitzte etwa 2015 auf, als er in den erlesenen Beraterstab des Milliardärs und Kunstmäzens Francois Pinault berufen wurde. Müller kennt sich aus, nicht nur in den Familien der Nachfahren von Kunstgrößen wie Pablo Picasso oder Joan Miró, sondern auch in der diskreten Szene betuchter Sammler und Sponsoren.
Wer so leise und effizient agiert, weiß, wie man Nähe und Distanz in Beziehungen gestaltet. Das gilt vor allem für seine wichtigste berufliche Beziehung – jene zu Pablo Picasso. „Picasso birgt große Gefahren. Man darf nicht sein Biograf und Apologet zur gleichen Zeit sein“, warnt er davor, in den Sog eines Genies zu geraten, dessen Faszinationskraft ungebrochen ist.
Markus Müller bewundert Picasso und behält kühlen Kopf. „Er ist heute definitiv ein Problem von MeToo und Cancel Culture. In den amerikanischen Medien wird sein Name in einem Atemzug mit jenen Woody Allens und Harvey Weinsteins genannt“, sagt Müller und verweist etwa auf Picassos Beziehung zu der damals erst 17 Jahre alten Marie-Thérèse Walter. Sie nahm sich später ebenso das Leben wie Picassos zweite Ehefrau Jacqueline Roque.
„Ich will Picasso nicht mystifizieren. Man kann ein Genie und ein Schuft zugleich sein“, gibt sich Markus Müller abgeklärt. Zugleich weiß er um Picassos immense künstlerische Ausstrahlung. Picasso, der Kontinent, Picasso, der Planet? Müller ist sich sicher: „Pablo Picasso wird niemals gecancelt werden. Dafür ist sein Werk einfach zu komplex“.
Wie lebt man gut, also sich selbst schützend mit Picasso? „Indem man ab und zu Urlaub von ihm nimmt“, verrät Markus Müller sein Rezept und lächelt fein dazu. Er gibt anderen Künstlern nicht nur in Ausstellungen Raum, er kopiert gerade auch ihre Bilder. Ob Matisse oder Beckmann: „Meisterwerke begreift man erst, wenn man sie malen muss“, sagt Müller, der im Wohnzimmer vor der Staffelei sitzt. Dann trägt er Hoodie statt Krawatte und Einstecktuch. Ob seine Bilder gelingen? „Für einen Beltracchi reicht es bei mir nicht“, gesteht Müller und lacht dazu wie ein Lausbube.