Berlin  Beim „Aufstand für Frieden“: Mancher wähnt sich bereits in der Diktatur

Rena Lehmann
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Von Rena Lehmann
| 25.02.2023 18:47 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Der Beginn einer neuen Bewegung: Sahra Wagenknecht hat mit ihrer Friedenskundgebung gemeinsam mit Alice Schwarzer jedenfalls einige Tausend Menschen mobilisiert. Foto: IMAGO/Jean MW
Der Beginn einer neuen Bewegung: Sahra Wagenknecht hat mit ihrer Friedenskundgebung gemeinsam mit Alice Schwarzer jedenfalls einige Tausend Menschen mobilisiert. Foto: IMAGO/Jean MW
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Sahra Wagenknecht und Alice Schwarzer sehen sich an der Spitze einer neuen Friedensbewegung in Deutschland. Wer folgt ihnen? Wir haben mit Teilnehmern bei der Kundgebung in Berlin gesprochen.

Kurz vor 14 Uhr geht ein eisiger Schneeregen nieder. Vor der Bühne am Brandenburger Tor werden gleich Sahra Wagenknecht und Alice Schwarzer sprechen, die zum „Aufstand für Frieden” aufgerufen haben, einen Tag nach dem Jahrestag des russischen Überfalls auf die Ukraine.

Die beiden Frauen wollen die „Eskalation durch Waffenlieferungen” stoppen. Die Bundesregierung müsse sich stattdessen für Verhandlungen einsetzen. Es sind Tausende gekommen. 50.000 wird Wagenknecht später behaupten, die Polizei wird von 13.000 sprechen. 

Eine Familie hat eigens eine kleine Reise auf sich genommen, um dabei zu sein. Die Eltern aus Leipzig, die erwachsene Tochter aus Halle, ihre Namen möchten sie nicht nennen. Ihre Meinung schon. „Die einseitige Sicht auf den Konflikt stört mich. Und die Waffenlieferungen finde ich nicht in Ordnung”, erklärt die Mutter. Wenn man diese Meinung vertrete, werde man ausgegrenzt und diffamiert, deshalb sei sie hier. Die Frau ist etwa Mitte 60. Sie wirkt im Gegensatz zu vielen anderen hier nicht, als würde sie oft zu Demonstrationen gehen. 

Viele Ältere tragen die Transparente der Friedensbewegung und stimmen immer wieder den Sprechchor an: „Frieden schaffen, ohne Waffen.”  

Die Frau aus Leipzig meint, man könne in Deutschland nicht mehr sagen, was man denkt. Es sei inzwischen eine Diktatur, nur etwas subtiler als die anderen zuvor. Wer eine andere Meinung vertrete, riskiere es, seinen Job zu verlieren. Sie nennt das Beispiel der Bonner Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot, der nach mehreren umstrittenen Äußerungen in Talk-Shows – sie behauptet unter anderem, dass Waffenlieferungen Deutschland juristisch zur Kriegspartei machen – inzwischen wegen Plagiatsvorwürfen von der Universität gekündigt wurde. 

Damit es ihr nicht genauso geht, möchte vor allem die Tochter ihren Namen nicht in der Zeitung lesen. Sie möchte eigentlich überhaupt nicht, dass ihre Eltern mit „der Presse” reden. Es würden ohnehin nur „Klischeefragen” gestellt. Ein paar Meter weiter vorn hält ein Mann ein Plakat hoch. Darauf steht: „Ich weiß schon heute, was die Medien morgen berichten.” 

Die Mutter aber spricht weiter. Sie hat ihre Überzeugung, dass Deutschland inzwischen eine „subtile Diktatur” sei während der Corona-Pandemie gewonnen. Es wäre unglaublich und falsch gewesen, die Menschen zur Impfung zu drängen. „Es war unverantwortlich – und die Menschen wurden belogen, wie wir heute wissen.” 

Und nun, in diesem Krieg, werde es noch schlimmer damit, dass andere Meinungen nicht mehr geäußert werden dürften – oder jedenfalls nicht ohne Konsequenzen. Die Bundesregierung, das seien „alles Totengräber”. Ein Mann ruft im Vorbeilaufen: „Unsere Regierung ist ein einziger Sauhaufen.”  

Die Tochter findet, dass ihre Eltern jetzt schon wirklich viel zu lange mit einer Journalistin geredet haben. Die Mutter aber will noch sagen, dass Ostdeutsche wie sie und ihre Familie fortwährend unterschätzt würden. Ein junger Mann mit osteuropäischem Akzent mischt sich ins Gespräch. Er meint, dass Russland in der Ukraine sehr berechtigte Interessen habe. Deren Präsident Selenskyj könne nicht die Krim zurückverlangen. So verunmögliche er den Frieden. 

Man trifft hier Vertreter der Friedensbewegung der 80er-Jahre, viele Ältere sind gekommen. „Raus, raus, raus aus der Nato!” schwellen immer wieder Sprechchöre an. Viele tragen Flaggen mit Friedenstauben, Regenbohnenfahnen oder „Schwerter zu Pflugscharen”, aber es gibt auch andere klare Botschaften: „Waffen für US-Kriege ist wie Impfen gegen Corona”, ist zu lesen. Ein Plakat zeigt das Bundeskabinett als grimmige Kriegstreiber. Einen Friedensappell an den russischen Präsidenten sieht man nirgends.  

Wenn Außenministerin Annalena Baerbock erwähnt wird, schwellen laute Buh-Rufe an. Von den Grünen fühlt man sich verraten. Eine Frauengruppe stimmt ein Yoga-Friedensgebet an, wenige Meter weiter befragt der rechtsextreme Videoblogger Nikolai Nehrling Demo-Teilnehmer: Ob man hier nicht gut zusammen demonstrieren könnte? Ein Bündnis zwischen links und rechts? Man verstrickt sich in eine lange Diskussion.  

Wagenknecht und Schwarzer erscheinen auf der Bühne. Die Mutter aus Leipzig strahlt und klatscht. Wagenknecht wird gefeiert wie ein Star. Sie sagt: „Auf unserer Kundgebung ist jeder willkommen, der ehrlichen Herzens für Frieden und Verhandlungen demonstrieren möchte.” Die Mehrheit der Bevölkerung wolle Verhandlungen. „Nicht das Volk ist falsch, sondern seine Vertreter.” Alice Schwarzer sieht den Tag als Beginn einer „neuen Bürgerbewegung”. Sie sagt, man müsse Menschen an Taten messen, nicht an Etiketten. Was bedeute heute noch rechts und links?

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