Teheran/Los Angeles Nach Todesurteil im Iran: Gazelle Sharmahd kämpft um das Leben ihres Vaters
Aus dem fernen Los Angeles kämpft Gazelle Sharmahd um das Leben ihres Vaters Djamshid in einer Todeszelle im Iran. Wie sie versucht, das Leben ihres Vaters zu retten und dabei das Regime in Teheran zu stürzen.
Die 41-jährige Deutsch-Iranerin verfasst Appelle an die Bundesregierung, organisiert Petitionen und fordert deutsche Politiker auf, sich nach dem Todesurteil gegen ihren Vater vom Dienstag nicht vom iranischen Regime erpressen zu lassen. „Zum ersten Mal habe ich das Gefühl, nicht mehr alleine zu sein“, sagt Gazelle Sharmahd am Telefon aus Los Angeles. Ihr Stimme ist fest und entschlossen, aus jedem Satz klingt ihre Wut auf die iranische Regierung. Sie hat ihren Vater, der sich in der iranischen Exilopposition engagierte, nicht mehr sprechen können, seit er im Juli 2020 auf einer Geschäftsreise in Dubai von iranischen Agenten entführt wurde. „Nur meine Mutter durfte zweimal im Jahr mit ihm telefonieren.“
In acht Verhandlungstagen wurde dem 67-jährigen Djamshid Sharmahd vor einem iranischen Revolutionsgericht der Prozess gemacht. Die letzte Sitzung fand am 10. Januar statt, ohne dass Sharmahd oder seine Familie jemals die Gerichtsakten mit der Anklage einsehen durften. Sharmahd engagierte sich in den USA in der Exil-Oppositionsgruppe „Tondar“ (Donner), die sich für eine Rückkehr der Monarchie einsetzt. Irans Justiz macht die Organisation für einen Anschlag im Jahr 2008 in einer Moschee der Stadt Shiras mit mehreren Toten verantwortlich. Drei Männer wurden deswegen bereits hingerichtet, nur folgte das Urteil gegen Djamshid Sharmahd, der in Teheran geboren wurde und im Alter von sieben Jahren mit seiner Familie nach Deutschland zog. Seit 1995 ist er deutscher Staatsbürger.
Das Todesurteil wegen angeblicher Beteiligung an Terroranschlägen fiel an diesem Dienstag, doch die Entscheidung habe schon lange festgestanden, ist sich Gazelle Sharmahd sicher. Ihr Vater bekam zwar einen Anwalt vom Staat zugeteilt, doch dieser habe die Verteidigung sabotiert: „Der Regimeanwalt ist nicht dazu da, meinen Vater zu verteidigen, sondern um meinen Vater umzubringen. Der Anwalt wollte von uns 250.000 Dollar, damit er uns die Akte zeigt. Wir haben das Geld nicht – er hätte uns die Akte sowieso nicht gezeigt. Er ist eine Marionette des Regimes.“
Es sei kein Zufall, dass die Gerichtsentscheidung nach viel beachteten Auftritten iranischer Oppositionsvertreter bei der Münchner Sicherheitskonferenz am vergangenen Wochenende und einer Demonstration der Exilopposition am EU-Sitz in Brüssel am Montag verkündet worden sei, meint Gazelle Sharmahd. „Die haben gewartet, bis es für sie passte“, sagt sie über die iranische Führung. Das Urteil sei ein „Racheakt“ für die Kundgebungen in München und Brüssel gewesen. Die Exilopposition solle eingeschüchtert werden.
Teheran macht keinen Hehl daraus, dass das Todesurteil gegen ihren Vater als „Druckmittel“ gegen Deutschland eingesetzt werden solle. „Der Regimeanwalt hat uns gesagt, es geht im Prozess gegen meinen Vater nicht um Geld, es geht um Politik. Deutschland solle mit dem Iran sprechen. Das ist die volle Erpressung.“
Drei Ziele vermutet Gazelle Sharmahd hinter dem Urteil: „Der Iran will die eigenen Terroristen zurückholen“ – Agenten Teherans, die im Westen in Haft sitzen, sollten freigepresst werden. Zweitens wolle Teheran die Rückkehr zum Atomvertrag mit dem Westen und dem darin vorgesehenen Sanktionsabbau erzwingen, was dem Regime wirtschaftliche Vorteile bringen würde. Und drittens wolle das iranische Regime bessere Wirtschaftsbeziehungen zu Deutschland, dem größten Handelspartner des Irans in Europa, herausschlagen.
Deshalb sei die schnelle und entschiedene Reaktion der Bundesregierung – die Ausweisung von zwei iranischen Diplomaten – ein „Schock“ für das Regime gewesen, sagt Gazelle Sharmahd. „Das Regime will, dass alles weitergeht wie bisher.“ Sie habe sich über die Berliner Reaktion gefreut. „Ich bin sehr froh, dass auf Worte sofort Taten gefolgt sind.“ Gleichzeitig frage sie sich: „Warum hat man das nicht schon vor zweieinhalb Jahren gemacht? Warum muss erst Blut fließen, bevor etwas passiert?“
Nun dürfe Deutschland nicht nachgeben. „Jetzt muss eskaliert werden. Wir brauchen die große Eskalation.“ Das iranische Regime sitzt nach Einschätzung von Gazelle Sharmahd am kürzeren Hebel. „Die brauchen Deutschland.“
Die Bundesregierung hatte nach dem Todesurteil eine „deutliche Reaktion“ angekündigt. CDU-Chef Friedrich Merz fordert den Rauswurf des iranischen Botschafters aus Deutschland. Gazelle Sharmahd schöpft neue Kraft für ihren Versuch, ihren Vater vor dem Galgen zu retten: „Die Hoffnung hält mich am Leben.“