Osnabrück Was Habermas, Heinz Rudolf Kunze und Harald Schmidt gemeinsam haben
Kritik an der Ukraine-Politik: Die warnende Stimme des Künstlers hat einen Wert - auch wenn einem der Inhalt nicht immer passt, meint unser Autor.
Ein Buch des Intellektuellenfürsten Jürgen Habermas habe ich nie gelesen. Bei Heinz Rudolf Kunze fand ich es immer lustig, dass er von seiner Geburt in Espelkamp sang, denn ich kenne den Ort. Der Schauspielerin Heike Makatsch bin ich in jungen Jahren einmal auf einer Party begegnet, und von Nena stammte meine erste Musikkassette.
Unter den Comedians finde ich Harald Schmidt ungebrochen großartig, Dieter Nuhr weniger und Dieter Hallervorden ist gar nicht nach meinem Geschmack, weder der alte noch der neue, auch wenn es vielen anders geht. Helge Schneider ist mir zu albern, von Max Goldt habe ich neulich eine Lesung besucht, die war so lala, und über Jürgen von der Lippe habe ich einen meiner ersten Texte geschrieben; lange her, ähnlich wie das letzte Mal, als ich ein Lied von Reinhard Mey hörte.
Die Theatergröße Claus Peymann kenne ich wenig, ebenso den Müllkünstler HA Schult.
Marius Müller-Westernhagen hat eine spannende Biografie. Ich wusste, das lange nicht. Aber seine moschuslastige Musik blieb mir fremd, was für Konstantin Wecker aus anderen Gründen ebenfalls gilt. Auch beim Schauspieler Jan-Josef Liefers interessiert mich seine Persönlichkeit mehr als die „Börne”-Rolle. Die “Allesdichtmachen”-Aktion fand ich stark, und dass er standhaft geblieben ist.
Den Philosophenschriftsteller Richard David Precht sehe ich etwas zu Unrecht in der Kritik, aber ebenso wie von Juli Zeh wäre keines seiner Werke auf einer einsamen Insel dabei. Und Alice Schwarzer: Das lassen wir besser.
Also: Es muss sich niemand von diesen Leuten gut unterhalten fühlen. Ich würde sie aber umgekehrt niemals geringschätzen. Sie sind lebenserfahren, kreativ und erfolgreich. Viele haben sich mehrmals neu erfunden. Offenkundig trifft jeder von ihnen in seinem Beruf den Nerv vieler Menschen. Das heißt, er sieht Dinge, die andere nicht sehen, er weiß, was Leute bewegt, er spricht aus, was sie berührt, und all das mehr als andere. Sogar, wer kein Fan ist, hat eine Beziehung zu ihnen - siehe oben.
Genau deshalb gibt es mir sehr zu denken, dass ich in den vergangenen Wochen auf jeden einzelnen dieser Namen in einem immer gleichen Kontext gestoßen bin. Mal hier, mal dort, mal lauter, mal leiser, aber immer deutlich übte dieser Querschnitt von Künstlern und Kreativen Kritik an der deutschen Gesellschaft und ihrer Entwicklung. Mal ging es um die deutsche Corona-Rigidität, mal um die “Cancel-Culture”, mal um die richtige Antwort auf den russischen Angriff auf die Ukraine. Stets aber behandelten sie als das gemeinsame Thema, dass die Breite des Denkens und insofern die individuelle Freiheit in Deutschland gefährlich unter Druck gerate.
Es waren alles einzelne Stimmen. Weitere kommen hinzu. In der Summe ergibt sich ein Bild. Ich glaube, dass man ungeachtet eigener Neigungen und Meinungen diese Mahnungen aus dem Rest der Republik nicht übergehen sollte. Die warnende Stimme des Künstlers hat einen Wert. National wie weltweit wird sie gefördert. Ganze Projekte sind dem zivilgesellschaftlichen Engagement gewidmet, so nennt es sich dann. Ich hielte es für durchaus logisch, ein solches Engagement ernst zu nehmen und nicht mit einmal dann zu diskreditieren, wenn es sich ganz von selbst zeigt, aber einem der Inhalt nicht passt.
Es wäre auch nicht das erste Mal, wenn Künstler früher und sensibler als andere spüren, in welche Richtung eine Gesellschaft driftet und welche Gefahren dies birgt.