Osnabrück Militär-Experten: Ukraine-Krieg endet im Herbst 2023
Trotz Sondervermögen und Zeitenwende gibt es viele Probleme bei der Bundeswehr. Es mangelt an Ausrüstung und Personal. Der Präsident vom Reservistenverband Deutschland will deswegen die Wehrpflicht wieder einführen.
Annähernd ein Jahr ist es her, dass Bundeskanzler Olaf Scholz die Zeitenwende attestiert hat. Um Ausrüstungsmängel bei der Bundeswehr zu beheben, wurde ein 100 Milliarden Euro starkes Sondervermögen ausgelobt. Doch viele Zeiten haben sich bei der deutschen Armee noch nicht gewendet. Nach wie vor mangelt es an Ausrüstung und Personal.
Der Frage, ob so die Landesverteidigung noch gesichert ist, widmete sich der Livetalk unserer Redaktion unter dem Titel „Ein Jahr Ukraine-Krieg: Brauchen wir mehr Panzer und die Wehrpflicht zurück?“. Zu Gast waren:
SPD-Politikerin Siemtje Möller fehlte hingegen kurzfristig. Die Staatssekretärin des Verteidigungsministeriums hatte kurz vor der Sendung wegen eines Sportunfalls mit anschließendem Krankenhausaufenthalt abgesagen müssen.
Die Experten wurden dafür von Beginn an deutlich: Um eine neue Art der Wehrpflicht dürfte Deutschland wohl kaum herumkommen. Anders werde die Besinnung auf Bündnis- und Landesverteidigung, die Sicherung der staatlichen Integrität nicht funktionieren. Doch die Hürden sind hoch.
„Es ist viel leichter, eine große Armee zu einer kleinen Armee zu schrumpfen, als eine kleine Armee wieder zu einer großen aufzubauen”, betonte der Militärökonom Marcus Keupp. Doch genau das müsse nun nach 30 Jahren des Schrumpfens geschehen. Geht es nach Sensburg sogar ganz gewaltig: Etwa 350.000 Soldaten und 1,2 Millionen Reservisten sollten es schon sein, bekräftigte der Präsident des Reservistenverbands. Es wäre ansatzweise die Größe, die Westdeutschland vor der Wiedervereinigung hatte.
Und eine verhältnismäßig kleine Armee mit vielen Reservisten ist dem Chef des Reservistenverbandes lieber als eine große teure Armee. Denn letzteres würde einen Militärstaat bedeuten, den er selbst nicht wolle. „Deshalb glaube ich, man wird um die Wehrpflicht künftig nicht drum herum kommen, um wieder genügend Reservisten zu bekommen”, argumentierte Sensburg.
Karolina Meyer-Schilf begegnen als Reporterin mit Schwerpunkt Bundeswehr regelmäßig Fälle, bei denen es knirscht. Gerade, was die Ausstattung der Truppe betrifft. „Die Wehrbeauftragte der Bundesregierung hat uns bestätigt, dass viele Kasernen teils in einem erbärmlichen Zustand sind“. Das sei bei der Rekrutierung ein massives Hindernis, berichtete Meyer-Schilf.
Im Livestream unserer Redaktion beteuern die Experten, vom Krieg nicht total überrascht worden zu sein: „Es war allen klar, da kommt was“, sagt etwa Sensburg, der kurz vor Kriegsbeginn noch in der Ukraine gewesen war. Auch Militärökonom Keupp war klar, dass „irgendetwas kommen würde“.
Der Kalte Krieg habe nie geendet, sondern „nur 33 Jahre Pause gemacht“. Das sei eine unangenehme Realisierung für viele Deutsche: „Das ist ein schmerzlicher Abschied von vielen Illusionen. Das beginnt mit dem Spruch ‚Nie wieder Krieg‘“, so Keupp. Nun gebe es an den Grenzen ein „aggressives Imperium, das sich an diesen Spruch nicht halten will“.
Die Chancen Russlands, den Krieg zu gewinnen, schätzten beide Experten als schlecht ein: „Russland kann diesen Krieg nicht gewinnen. Wenn man sieht, wie groß dieses Land ist und welche Ressourcen nötig sind, um diese Räume zu halten, dann weiß ich nicht, wie Russland das militärisch noch gewinnen will“, analysiert Sensburg. Es sei „offensichtlich, dass Russland diesen Krieg nicht zu Ende gedacht hat“.
Das könnte sich schon bald rächen, glauben die beiden Experten. „Ich glaube, dass wir nach der Schlechtwetterzeit die politische Entscheidung im Sommer und Herbst erleben werden“, meint Sensburg. Sprich: ein Ende des Krieges. Auch Keupp rechnet mit einem Ende des Krieges im Herbst.
Auch für Wladimir Putin könnte ein schlimmes Ende drohen. „Ich glaube, dass Putin dieses Jahr politisch, vielleicht aber auch physisch nicht erleben wird. Ihm geht es gesundheitlich nicht gut und er wird sich politisch nicht halten können“, glaubt auch Sensburg. Wer ihm nachfolgt, ist unklar, doch mit einer Entspannung sei nicht zu rechnen: „Es wird auf Dauer einen Konflikt an den Grenzen geben, gegebenenfalls unter den Vorzeichen anderer Machthaber“.
Die Ukraine müsse so weit es geht unterstützt werden, glaubt Keupp: „Die Alternative ist nämlich, wenn die Ukraine verliert, hätten wir eine russisch besetzte Ukraine und bald Russland an der polnischen Grenze“, befürchtet er. Ohnehin würden die Waffen in der Ukraine mehr bringen, als im deutschen Arsenal „ Man muss mal klar festhalten, dass Leopard-Panzer in Europa nicht gerade knapp sind. Wir verfügen über rund 2200 Stück“, erklärt Keupp.
Der Militär-Ökonom Keupp redete sich ob des ängstlichen Kurses in Deutschland immer mehr in Rage, musste dann aber als Schweizer einen Seitenhieb der Kollegin Meyer-Schilf abwehren. „Die Schweiz könne ja auch Gepard-Munition freigeben“, sagte sie. Immerhin, versuchte Keupp zu kontern, werde genau das in dem neutralen Staat derzeit ja stark diskutiert.