Abschaltung von Biogasanlagen  Timmeler Betreiber muss große Menge Gas abfackeln

Kim Hüsing
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Von Kim Hüsing
| 22.02.2023 08:04 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Landwirt Jens Soeken steht vor seiner Biogasanlage in Timmel. Über die Fackel muss er immer wieder Biogas verbrennen, wenn seine Anlage vom Netz genommen wurde. Foto: privat
Landwirt Jens Soeken steht vor seiner Biogasanlage in Timmel. Über die Fackel muss er immer wieder Biogas verbrennen, wenn seine Anlage vom Netz genommen wurde. Foto: privat
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Immer wieder kommt es zur Überlastung der Stromnetze. Biogasanlagen werden daher zeitweise abgeschaltet. Aus mehreren Gründen Irrsinn, findet Betreiber Jens Soeken.

Timmel - Wieder geht nachts sein Telefon. Landwirt Jens Soeken muss raus und nach seiner Biogasanlage in Timmel sehen. Denn nach jeder Trennung vom Stromnetz treten Fehler auf, beispielsweise reicht das Kühlwasser nicht mehr. Diese Abregelungen passieren spontan - immer dann, wenn das übergeordnete Stromnetz in bestimmten Bereichen überlastet ist. Früher geschah dies bei Windböen ab 70 Stundenkilometer. Heute reichen schon 40 Stundenkilometer aus, damit die zahlreichen Windparks an und auf der Nordsee große Strommengen auf einmal erzeugen. Damit sind die Stromnetze gen Süden jedoch überfordert. „Allein im Januar war meine Anlage 213 Stunden abgestellt“, sagt Jens Soeken.

In dieser Zeit wurde das produzierte Gas nicht in Strom oder Wärme umgewandelt. Sind die Speicher voll, muss das Biogas über die Fackel verbrannt werden. Im Januar konnten so bei Soeken 44.000 Kubikmeter Biogas nicht umgewandelt werden. Stattdessen brannte die Fackel. „Damit hätten pro Stunde 270 Vier-Personen-Haushalte geheizt werden können“, ärgert sich der Betreiber. Finanziell entsteht ihm zwar kein Schaden, da er Entschädigungsleistungen erhält. Doch widerstrebt ihm das Vorgehen zutiefst.

Allein im Januar hat Jens Soeken über die Fackel seiner Biogasanlage 44.000 Kubikmeter Biogas abgebrannt. Foto: privat
Allein im Januar hat Jens Soeken über die Fackel seiner Biogasanlage 44.000 Kubikmeter Biogas abgebrannt. Foto: privat

Abregelung kann Tage dauern

Über 100 Anlagen zur Verarbeitung von Biomasse und 700 Windenergieanlagen gibt es laut EWE Netz in Ostfriesland. Doch der Ausbau der Hochspannungsleitungen gen Süden geht nicht so schnell voran. Treten dann sogenannte Stromspitzen auf, fordert der übergeordnete Netzbetreiber TenneT die örtlichen Netzbetreiber wie EWE auf, an bestimmten Knotenpunkten durch Abschaltung von Anlagen für Entlastung zu sorgen, um das Netz stabil zu halten. Je nach Vorgabe könnten die Abregelungen, Redispatch genannt, Stunden oder wenige Tage dauern, erläutert EWE-Netz-Sprecher Volker Diebels. Dabei würde der Netzbetreiber diesen „Notausschalter“ nur ungern drücken.

Das Blockheizkraftwerk der Biogasanlage von Jens Soeken ist hiervon seit 2013 relativ oft betroffen. „Wir liegen an einer Stromtrasse, in die auch aus Emden-Borßum viele Offshore-Windparks eingespeist werden. Am Umspannwerk Neermoor kommt es daher häufiger zu Engpässen im Netz“, sagt der Landwirt. Die längste Zeit, die seine Anlage am Stück vom Netz war, betrug 113 Stunden. Oft seien es fünf bis zehn Stunden. Diese Abschaltung nimmt EWE via Fernsteuerung, zu deren Einbau Betreiber verpflichtet sind, vor. „Ich bekomme darüber keine Vorabinformation“, ärgert sich Soeken. Angeblich sei nicht abzuschätzen, wann es zu den Netzengpässen komme. Dieses Argument möchte der Landwirt jedoch nicht gelten lassen. Denn an den Windvorhersagen und dem Preisabfall an der Strombörse könne er sehr genau sehen, wann es wieder soweit ist.

Die Grafik der EWE zeigt die Hochspannungsleitungen der TenneT. Auffällig ist die Trasse von Emden nach Conneforde. Sie gehört zu denen, die bundesweit am häufigsten überlastet ist. Grafik: EWE
Die Grafik der EWE zeigt die Hochspannungsleitungen der TenneT. Auffällig ist die Trasse von Emden nach Conneforde. Sie gehört zu denen, die bundesweit am häufigsten überlastet ist. Grafik: EWE

Wasserstoffkraftwerke als Abnehmer

Für Soeken ist unverständlich, warum es vermehrt die Biogasanlagen treffe. Denn werde eine Windkraftanlage aus dem Wind gedreht, produziert sie nichts. Seine Anlage hingegen muss wegen der biologischen Prozesse weiterlaufen. „Es werden wertvolle Ressourcen verschwendet“, sagt Soeken. Hinzu komme, dass er eigentlich Nachbarn mit der Abwärme versorge. Wird seine Anlage jedoch vom Netz genommen, wird auch keine Wärme produziert. Die Nachbarn müssen dann wieder ihre Erdgasheizungen anschalten. „Dabei ist Erdgas momentan so knapp“, sagt Soeken. Noch schwieriger sei die Lage für einen seiner Kollegen aus Riepe. Dieser habe feste Wärmelieferverträge. Er muss demnach Wärme liefern. Kann er dies nicht aus seiner Biogasanlage, muss er Erdgas einspeisen und hat dafür extra einen Erdgasbrenner installiert.

Jens Soeken wirbt daher für eine andere Investition: Würden an den Knotenpunkten, an denen es immer wieder zu Überlastungen kommt, Wasserstoffkraftwerke gebaut, könnten die den Strom in grünen Wasserstoff umwandeln. Doch für eigene Investitionen wie größere Speicher fehle der Anreiz. Schließlich zahlt der Stromkunde durch das Netzentgelt die Entschädigungen für die Betreiber der Anlagen erneuerbarer Energien gleich mit.

Eine gute Nachricht gibt es jedoch: Laut Auskunft des Übertragungsnetzbetreibers TenneT steht eine Inbetriebnahme im Nordwesten in Kürze bevor. „Noch im Frühjahr wird die Teil-Inbetriebnahme der 380-kV-Leitung Ganderkesee-St. Hülfe die Transportkapazitäten für Windstrom aus der Region spürbar steigern. Wir sind zuversichtlich, dass die Abschaltungen von zum Beispiel Windkraftanlagen in der Region dann deutlich zurückgehen“, informiert Pressereferent Peter Hilffert. Mit der Gesamtinbetriebnahme, die im Sommer dieses Jahres geplant sei, sei ein weiterer Rückgang der Abschaltungen zu erwarten.

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