Munster Leopard und Marder: Was ukrainische Soldaten in Niedersachsen lernen
Marder und Leoparden aus Deutschland an die Ukraine zu liefern, reicht nicht aus. Die Ukrainer müssen auch mit ihnen umgehen können. Das lernen sie gerade in Niedersachsen.
Über sich selbst wollen sie nicht viel sagen. Vermummt mit einem Schal und einer Sonnenbrille stehen Übersetzer Oleg, Offizier Anatolii und Soldat Vitalii im Flecktarn vor einer Traube von Pressevertretern aus aller Welt.
Anatolii sagt widerwillig, dass er aus der Zentralukraine stammt und 57 Jahre alt ist. Der 33-jährige Vitalii sagt, dass er kein Berufssoldat, sondern eigentlich Beamter ist, auch wenn er schon 2014 gegen Russland um die Krim gekämpft hat. Oleg übersetzt. In Munster in der Lüneburger Heide sollen Vitalii und Anatolii lernen, mit dem Schützenpanzer Marder und dem Kampfpanzer Leopard umzugehen.
Damit sind sie nicht allein: Im Auftrag der „European Union Military Assistance Mission Ukraine“ (EUMAM) sollen tausende Soldaten in Deutschland ausgebildet werden. Laut Generalleutnant Andreas Marlow dem Kommandanten des Special Training Command (ST-C), das die Umsetzung für die Bundeswehr übernimmt, wurden 2022 1000 Soldaten in Deutschland ausgebildet. Bis zum Ende des Quartals sollen 2000 hinzukommen. Bis Ende des Jahres sollen es 9000 werden.
Im Fokus der Ausbildung stehen nicht nur Panzer. Auch Artilleristen und Pioniere lernen in Deutschland. Das alles unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen, weswegen Oberstleutnant Rainer Wenning, der für das ST-C spricht, viele Fragen nicht beantworten kann.
Wie viele ukrainische Soldaten in Munster lernen, den Schützenpanzer Marder und den Kampfpanzer Leopard 2 zu steuern? „Darauf werden wir nicht antworten“, sagt Wenning. Wann sind sie gekommen und wie lange bleiben die Ukrainer? Wie werden sie in die Ukraine zurückgebracht?„Wichtig ist erstmal, dass sie hier sind“, sagt Wenning. Auch die vollen Namen der Soldaten und ihrer deutschen Ausbilder bleiben geheim.
„Wir müssen Ausbilder und Auszubildende schützen“, so Wenning. Insbesondere die ukrainischen Soldaten haben Angst identifiziert zu werden und ein Ziel für russische Spionage oder schlimmeres zu werden. Abgesehen davon bleibt beim intensiven Panzertraining nicht viel Zeit zum Interviews geben.
Nach einem kurzen Frühstück geht morgens um sieben das Training am Simulator los. Das sind olivgrün gestrichene Bauwagen, in denen sich eine Nachbildung des Innenraums befindet. Von dort kann man eine Art Videospiel steuern, das auf den echten Panzer vorbereitet. Im nächsten Schritt kann der Auszubildende sich am „Fahrschulmarder“ versuchen. Hier fährt ein Ausbilder im modifizierten Geschützturm mit und kann notfalls das Fahrzeug bremsen, wenn der Fahrschüler einen Fehler macht. Zum Schluss darf man im echten Panzer fahren und auf Zielscheiben schießen. Dabei ist man, via Übersetzer, ständig im Kontakt mit dem von Deutschen besetzten Kommandozentrum.
Die Ukrainer trainieren bis in die Abendstunden auch samstags. Auf Pausen wird verzichtet. Jedes Wochenende ist eine Gefechtssimulation vorgesehen. „Der Sonntag ist grundsätzlich ein Erholungstag“, erklärt Oberstleutnant Peter, Ausbildungsleiter für den Leopard 2. Es sei denn, die Auszubildenden brauchen Nachhilfe: „Wenn Ausbildungsdefizite da sind, nutzen wir auch den Sonntag voll, um diese aufzufangen“.
Das muss auch sein. Anders als deutsche Soldaten, die mehrere Monate Zeit haben, müssen die Ukrainer in fünf Wochen lernen, die Panzer zu beherrschen. Nicht, dass man nicht bereit wäre, mehr zu üben: „Nach zwölf Stunden ohne Pause ist die Aufnahmefähigkeit der Soldaten und die Kapazität der Ausbilder erschöpft“, so Peter.
Den Willen der Ukrainer könne das jedoch nicht brechen. „Schließlich hängt ihr Leben davon ab, dass sie das Gerät beherrschen“. Die einzelnen Lektionen bauen dabei aufeinander auf. Wer beim Schießtraining nicht hinterherkommt, wird etwa beim Üben fürs Gefecht Probleme bekommen.
Und es gibt einiges zu lernen: Wie Leopard-2-Ausbilder Peter schätzt, hatten vier von fünf Ukrainern vor ihrem Aufenthalt keine nennenswerte Erfahrung mit Panzern. Der Rest sei schon als Panzerprofi nach Deutschland gekommen. Selbst diese waren jedoch höchstens mit den deutlich simpleren Modellen aus russischer und sowjetischer Fertigung vertraut. „Die Marder sind den sowjetischen Panzern überlegen und sie werden uns dem Sieg näher bringen, damit wir zu einem normalen Leben zurückkommen können“, hofft Vitalii. „Das werden wir auf dem Schlachtfeld zeigen“, ergänzt Oleg.
Dafür wird es jedoch deutlich mehr westliche Panzer brauchen, sind die drei überzeugt: „Die schon gelieferten Panzer sind wie ein Tropfen im Meer“, sagt Oleg. Er hofft auf weitere Waffenlieferungen: „Unterstützung mit Ausbildung und Material wird uns dem Ende des Krieges näher bringen“, hofft er. „Wenn die Russen sehen, dass die Unterstützung für die Ukraine nicht aufhört, werden sie sehen, dass ihre Situation aussichtslos ist“.
Alles, um die Ukrainer auf den „Tag X“ vorzubereiten. So nennt Ausbilder Peter, den Tag, an dem es zurück in die Ukraine geht. „Ehrlich gesagt wissen wir noch nicht, ob wir dann nochmal unsere Familien sehen können oder sofort an die Front müssen“, erklärt Oleg.
Da die wenigsten ukrainischen Soldaten Deutsch und nicht alle Englisch sprechen, sind Dolmetscher wie Oleg unverzichtbar für die Kommunikation. Bei jeder Übung und jeder Dienstbesprechung kommt man um sie kaum herum. Und selten sind sie auch noch: In der Bundeswehr und im Reservistenverband ist man fieberhaft auf der Suche nach Soldaten, die Ukrainisch, oder wenigstens das eng verwandte Russisch können. Auch der ukrainische Botschafter Oleksij Makeiev will zusammen mit dem deutschen Verteidigungsministerium die ukrainische Community ansprechen.
Um die Dolmetscher zu entlasten, haben sich die Ausbilder schon Worte wie ліво oder право (sprich: livo und pravo, ukrainisch für links und rechts) angeeignet. „Tatsächlich läuft aber verdammt viel mit Händen und Füßen“, sagt Hauptmann Stefan, der am Marder ausbildet.
Das klappe alles sehr gut, beteuert er. Dennoch muss für die theoretische Ausbildung mehr Zeit eingeplant werden, als bei den Deutschen, weil man um eine korrekte Übersetzung nicht herumkommt.
Auch die Bundeswehr lernt einiges von den Ukrainern. So haben die Ukrainer mehr Erfahrung im Kampf gegen Drohnen, als die Bundeswehr, die bisher hauptsächlich in der Theorie mit unbemannten Flugzeugen zu tun hatte. Ihre Abwehr ist für die Soldaten aus der Ukraine hingegen tägliche Praxis: „Vieles kann man nur im Krieg so richtig lernen“, glaubt Hauptmann Stefan.
Unabhängig von einigen kleineren Schwierigkeiten: Oleg, Anatolii und Vitalii fühlen sich exzellent ausgebildet. „Die Ausbildung ist sehr gut geplant und ausgeführt. Sie gefällt uns besser, als die in der Ukraine“, sagt Vitalii. Auch wenn sie deutlich kürzer ist: „Die fünf Wochen reichen aus. Wir haben keine andere Wahl“.