Hamburg Premiere in Hamburg: In wen sich der Sohn von Harry Potter auf der Bühne verliebt
J.K. Rowling stand zuletzt in der Kritik. Ist die Erfolgsautorin trans- oder homophob? Die gekürzte Fassung von „Harry Potter und das verwunschene Kind“ im Hamburger „Mehr! Theater“ geht mit dieser Frage künstlerisch um – und bietet nebenbei fulminante Unterhaltung.
Einmal geschwind den Zauberstab schwingen, schwupps, ist der Schreibtisch aufgeräumt – das würde sich wohl mancher wünschen. Für den erwachsenen gewordenen Harry Potter (Markus Schöttl), der im Zauberministerium die Abteilung für magische Strafverfolgung leitet, ist das keinProblem.
Mit solchen Zaubertricks verblüfft die um gut zwei Stunden gekürzte „Harry Potter und das verwunschene Kind“-Fassung, für die im Mehr! Theater in Hamburg aus einer Doppelvorstellung eine dreieinhalbstündige, einteilige Inszenierung gemacht wurde, bei der Premiere immer wieder.
Mal schweben bedrohliche Dementoren durch die Luft, mal heben Stühle ab oder die Darsteller werden von einem Bücherregal verschlungen. Dann plötzlich verwandelt sich eine Figur unter einem Umhang blitzschnell in eine andere. So nimmt die Aufführung rasch Fahrt auf.
Eingangs geht es in rasant durch die ersten Hogwarts-Jahre. Wer mit der Geschichte noch nicht vertraut ist, fühlt sich da zunächst vielleicht ein bisschen überfordert. Alsbald wird aber klar: Harry Potter hat nicht gerade das beste Verhältnis zu seinem Sohn Albus (Vincent Lang). Die Fußstapfen seines Vaters sind eine Nummer zu groß für den Junior. Er kommt sich in der Zauberschule wie ein ewiger Verlierer vor.
Harry Potter wiederum missfällt, dass Albus ausgerechnet Scorpius Malfoy (Hardy Punzel) zu seinem engsten Vertrauten macht. Schließlich ist er der Sohn seines Erzfeindes Draco Malfoy (Alen Hodzovic). Noch mehr setzt Harry Potter allerdings zu, dass die beiden Jungen eine Zeitreise antreten – mit dem Ziel, die Vergangenheit hier und da zu korrigieren. Das bringt einige haarsträubende Turbulenzen mit sich...
Für das Publikum ist das zeitweilige Chaos mitreißend – teils spannungsgeladen, teils witzig. Besonders gelungen: die Szene auf der Mädchentoilette. Dort treffen Albus und Malfoy auf die Maulende Myrte. Ihr Auftritt ist kurz, aber von mitreißender Wirkung. Glenna Weber gibt sie als kesse Göre mit quäkender Stimme. Sie kokettiert, sie räkelt sich, man verfällt ihr sofort. Dagegen wurde Albus‘ Schwester Lily aus dem Stück eliminiert. Auch sein Bruder James hat nur noch einen Mini-Auftritt. Tragisch ist das für den Zuschauer jedoch nicht, die Story funktioniert auch ohne die Geschwister.
Es wurde aber nicht bloß gekürzt; eine ganz entscheidende Szene ist sogar neu: Gegen Ende lässt Albus seinen Vater wissen: Scorpius sei der wichtigste Mensch in seinem Leben. Das kommt einem Liebesbekenntnis gleich, Harry Potter akzeptiert das. Albus und Scorpius als homosexuelles Paar? Das Stück vermittelt diesen Eindruck, womöglich ganz bewusst als Gegengewicht zu den als transphob wahrgenommenen Twitter-Beiträgen der Harry-Potter-Autorin J.K. Rowling.
Auf jeden Fall hat Regisseur John Tiffany hat einmal mehr ganze Arbeit geleistet – egal, ob Hermine Granger (Zodwa Selele) schwungvoll durch den Kamin saust oder Koffer fliegen. Man fragt sich: Wie geht das? Viel Zeit zum Grübeln bleibt indes nicht, weil es temporeich von einer Szene zur nächsten geht. Nur wenige Handgriffe sind nötig, um die Kulisse zu ändern. Ein Zug, eine Bibliothek, der Verbotene Wald, eine fliegende Eule: Man kann gar nicht so schnell gucken, wie sich das Bühnenbild dauernd verwandelt.
So bleibt der Abend kurzweilig. Selbst wer die zweiteilige Fassung schon kennt, wird sich in der kompakteren Version nicht langweilen – versprochen!