Osnabrück  Warum junge Regisseure sich für diese Osnabrückerin interessieren

Daniel Benedict
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Von Daniel Benedict
| 19.02.2023 15:58 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Jenni Zylka, Chefin der Perspektive, also der Berlinale-2023-Sektion für den jungen deutschen Film. Foto: Ali Ghandtschi/Berlinale
Jenni Zylka, Chefin der Perspektive, also der Berlinale-2023-Sektion für den jungen deutschen Film. Foto: Ali Ghandtschi/Berlinale
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Jenni Zylka verantwortet bei der Berlinale 2023 die Sektion für das junge deutsche Kino. Im Interview erzählt sie, warum das heimische Kino besser als sein Ruf ist, wie viele Oscars der Netflix-Film „Im Westen nichts Neues“ kriegt – und welche Anziehungskraft ihr Amt auf den Regienachwuchs hat.

Seit Jahrzehnten sichtet Jenni Zylka Filme für die Berlinale: rund 1000 pro Jahr! Bei der aktuellen Ausgabe von Deutschlands größtem Festival ist sie selbst Sektionsleiterin bei der Perspektive; in diesem Programm stellt sich der deutsche Filmnachwuchs vor. Ein Gespräch über die Berlinale 2023 und die Qualität des deutschen Kinos.

Frage: Frau Zylka, was bietet die Berlinale-Perspektive in diesem Jahr?

Antwort: Vor allem tolle Filme! Wir sind die kleinste Sektion – sieben Langfilme, davon drei großartige Dokumentarfilme, drei mittellange. Zur Auswahl standen gut 200. Dazu haben wir noch das Programm Perspektive Match: Wir haben ein paar besonders beeindruckende Talente rausgesucht, eine Schauspielerin, eine Tonmeisterin, eine Editorin, einen Musiker. Diese Nachwuchskräfte bringen wir für ein Publikumsgespräch mit Meistern ihres Gewerks zusammen. Begleitend zeigen wir dann immer einen Film der alten Hasen. Zusätzlich zeigen wir einen DEFA-Film, und als Gast der Perspektive den Preisträger des First-Steps-Awards. Insgesamt verantworte ich also 16 Filme.

Frage: Was für Filme zeigen Sie?

Antwort: Wie eröffnen die Sektion mit „Sieben Winter in Teheran“. Die Doku erzählt von einer Studentin, die sieben Jahren in Teheran im Gefängnis saß – weil sie in Notwehr einen Mann erstochen hat, der sie vergewaltigen wollte. Im Iran gilt das Blutrache-Prinzip; die Familie des Toten konnte sie deshalb vor die Wahl stellen: Entweder nimmt sie den Vergewaltigungsvorwurf zurück oder sie wird hingerichtet. Sie hat sich für die Wahrheit entschieden und damit für ihren Tod. Die Regisseurin erzählt das alles mit viel Originalmaterial.

Frage: Wie kommt es, dass so ein Stoff von einer deutschen Regisseurin realisiert wird?

Antwort: Erst wurde natürlich jemand aus dem Iran dafür gesucht, aber dort ginge das momentan ja gar nicht, und auch für einen Exil-Iraner wäre es gefährlich. Selbst das Filmmaterial musste heimlich außer Landes geschmuggelt werden. Die Regisseurin hat alles in enger Zusammenarbeit mit der Familie der Getöteten realisiert.

Frage: Um ein Selbstopfer geht es auch in einem anderen Perspektive-Film: „Vergiss Meyn nicht“ erzählt von einem Filmemacher, der bei der Besetzung des Hambacher Forsts aus einem Baumhaus in den Tod gestürzt ist. Ist das Programm mit einem roten Faden kuratiert?

Antwort: Es geht um Aktivismus und um gesellschaftspolitische Fragen – vor allem bei den Dokumentarfilmen. Aber der rote Faden ergibt sich erst, wenn man die Filme ausgewählt hat. Für die Spielfilme gilt das auch: „Elaha“ erzählt von einer Deutsch-Kurdin, die vor ihrer Ehe ihr Hymen rekonstruieren lassen soll. In „Ararat“ geht es um eine junge Frau, die aus Berlin zu ihrer Familie nach Ostanatolien kommt, das sind beeindruckende Bilder von Sprachlosigkeit und Gewalt. In „Geranien“ kehrt eine Frau wegen einer Beerdigung in die Kleinstadt ihrer Kindheit zurück, und muss lernen, dass auch ihre schwierige Mutter das Kind von jemandem ist... Da konnte ich auch persönlich gut andocken, ich habe ja ein paar Jahre in Hasbergen gelebt!

Frage: Welche Filme haben die anderen Sektionen Ihnen weggeschnappt?

Antwort: Das möchte ich nicht sagen! Aber es gab welche. Was überhaupt nicht heißen soll, dass mir nur die Brosamen bleiben. Meine Filme sind toll, ich liebe sie alle. Und ich hätte gerne noch Platz für drei bis fünf mehr gehabt.

Frage: Wie gut nimmt die internationale Kritik die Perspektive an?

Antwort: Bislang kommen mehr deutsche als internationale Kritiker, aber das ändere ich gerade. Ich habe alle angeschrieben, jeden einzelnen. Denn deutsche Filme sind gut. Und ich muss es wissen – weil ich seit Jahren so ziemlich alle anschaue. Es kommen ja nur so um die 200 pro Jahr raus, und die sichte ich recht konsequent.

Frage: Woran leidet das Image des deutschen Kinos?

Antwort: Ich glaube, schon die Zuschauer haben Vorurteile: die gehen oft lieber in einen internationalen Film. Natürlich haben wir auch einen anderen Blick auf deutsche Filme, weil wir jede Nuance verstehen. Bei internationalen Produktionen sind wir toleranter. Wenn ich einen chinesischen Film gucke, fällt mir alles Mögliche auf – aber nicht, ob der Dialekt stimmt. Bei heimischen Produktionen ist man kritischer.

Frage: Wie viele Oscars kriegt „Im Westen nichts Neues“?

Antwort: Schwer zu sagen; vielleicht einen in den Top-Kategorien und dann viel Technik. Er wird es gegen die anderen Nominierten nicht leicht haben. Der Tonmann sollte auf jeden Fall einen Oscar kriegen - den haben wir in der Perspektive als Gast. Ich mag auch die alten Remarque-Verfilmungen sehr gerne; bei dem von Lewis Milestone weine ich immer noch – sogar mehr als im Netflix-Film. Das geht mir bei alten Filmen oft so; weil den Schauspielern der echte Schrecken noch anzusehen ist. Die haben den Weltkrieg erlebt. Der neue Film ist auch gut; es ist halt ein Kriegsfilm mit großen Bildern.

Frage: Bei 800 bis 1000 Filmen im Jahr können Sie manches nur sporadisch sichten. Wie gründlich haben Sie jetzt Ihr eigenes Programm angesehen?

Antwort: Unsere Filme habe ich in der Regel dreimal gesehen, einmal allein, einmal in der Kommission und dann noch mal für die Programmankündigungen. Das ist eine sehr intensive Auseinandersetzung, wir reden den ganzen Tag über Filme und über die Menschen dahinter. In der Auswahlphase habe ich ständig von den Filmen geträumt. Eine Zeitlang war das vorbei, aber als ich in die Feinplanung ging, kamen auch die Berlinale-Träume wieder.

Frage: Wie lange bleibt man Sektionsleiterin?

Antwort: Das Amt wird jahresweise vergeben. Ich würde es sehr gern noch einmal machen – und dann vergleichen.

Frage: Schmeißen junge Regisseure sich jetzt an Sie ran?

Antwort: Klar, was sollen sie auch sonst machen. Ich wünsche mir das sogar – ich will sie ja kennenlernen. Nicht, weil ich die Auswahl von der Person abhängig mache. Aber es ist immer gut zu wissen, wer hinter einem Film steckt.

Frage: Ist eine Premiere bei der Berlinale ein Gamechanger für junge Regisseure?

Antwort: Das hoffe ich doch. Es ist schon etwas Anderes, bei einem A-Festival zu laufen. In diesem Jahr ist Kristen Stewart Jury-Präsidentin – eine echt spannende Schauspielerin! Bei der Berlinale trifft man eben tolle Filmleute. Das ist doch super.

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