Berlin  „Die Zukunft gehört Allah!“: Das islamistische Netzwerk „Muslim Interaktiv“ drängt in die Öffentlichkeit

Ferdinand Knapp, Oliver Maksan
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Von Ferdinand Knapp, Oliver Maksan
| 16.02.2023 15:32 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Demonstrationsteilnehmer halten den Koran in die Höhe. Bei einer Kundgebung gegen eine Koranverbrennung in Schweden sind in Hamburg mehrere tausend Menschen auf die Straße gegangen. Die Demonstration war von Islamisten organisiert worden. Foto: dpa/Jonas Walzberg
Demonstrationsteilnehmer halten den Koran in die Höhe. Bei einer Kundgebung gegen eine Koranverbrennung in Schweden sind in Hamburg mehrere tausend Menschen auf die Straße gegangen. Die Demonstration war von Islamisten organisiert worden. Foto: dpa/Jonas Walzberg
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Die Gruppierung richtet sich vor allem an junge Leute. Eloquent und mit professionellen Videos inszeniert sie sich als Verteidigerin der Muslime. Dem Verfassungsschutz bereitet das Sorgen.

„Die Zukunft gehört Allah. Die Zukunft gehört dem Islam. Und die Zukunft gehört dem Koran!“, schreit ein vollbärtiger Mann bei einer Veranstaltung Anfang Februar in Hamburg ins Mikrofon. Die Menge jubelt. Die etwa 3500 Teilnehmer skandieren immer wieder laut „Allahu akbar“. Es waren Szenen, die sonst eher mit London oder Rotterdam in Verbindung gebracht werden als mit der deutschen Hafenstadt.

Mit der aufsehenerregenden Kundgebung ist die Gruppe „Muslim Interaktiv“ endgültig auch weiteren Teilen der deutschen Öffentlichkeit ein Begriff geworden. Die Gruppe führte die gegen eine Koranverbrennung in Schweden gerichtete Demonstration an. Dort hatte ein islamfeindlicher Provokateur im Januar öffentlichkeitswirksam das heilige Buch der Muslime verbrannt.

Obwohl die Veranstaltung ordentlich angemeldet war, warnte der Hamburger Verfassungsschutz im Vorfeld vor der Teilnahme. Wer das tue, stehe Seite an Seite mit Verfassungsfeinden. Der sozialdemokratische Innensenator Andy Grote fand die Demonstration zwar „unerträglich“. Unerträglichkeit sei nach dem Grundgesetz aber kein Untersagungsgrund für eine Versammlung, erklärte er im Nachgang.

Dabei haben die Verfassungsschützer schon seit Jahren ein Auge auf das islamistische Netzwerk geworfen. Erstmals warnten sie Ende 2020 vor der neuen Gruppierung. Das erste Video von „Muslim Interaktiv“ erschien wenige Wochen nach dem fremdenfeindlichen Anschlag in Hanau im Februar 2020 und kann als Reaktion auf diesen interpretiert werden.

Sich selbst stellt die Gruppe in einem Youtube-Video vor als einen „Zusammenschluss von Muslimen, die sich zum Ziel gesetzt haben, die islamische Identität zu bewahren“. Der Verfassungsschutz hingegen glaubt, dass die Gruppe eine Gesellschaftsform durchsetzen wolle, die mit der freiheitlichen demokratischen Grundordnung unvereinbar sei. Ideologisch wird das Netzwerk dem Umfeld von Hizb ut-Tahrir zugeordnet.

Dabei handelt es sich um einen 1953 in Jerusalem gegründeten Ableger der Muslimbruderschaft, der sich der Wiedereinführung des Kalifats verschrieben hat und der Scharia umfassende Geltung verschaffen will. In Deutschland ist Hizb ut-Tahrir vor allem wegen judenfeindlicher Propaganda – Tötungsaufrufe inklusive – seit 2003 verboten. Doch seit einigen Jahren hat die Gruppe in Hamburg wieder verstärkten Zulauf. Heute werden ihr etwa 360 Personen zugeordnet.

In Gestalt von „Muslim Interaktiv“ drängen Anhänger nun bewusst in den öffentlichen Raum. Davon ist die in Nordrhein-Westfalen ansässige Islamismus-Expertin Sigrid Herrmann überzeugt. „Israel- und judenfeindliche Aufmärsche gibt es auch in Deutschland leider immer wieder“, sagt sie. „Neu erscheint für Deutschland die Nutzung der Straße als Aktionsraum für antiwestliche und islamistische Haltungen.“

Auch werde mit einer Art Uniformierung versucht, einen einschüchternden, martialischen Eindruck zu erzeugen, glaubt Herrmann. Tatsächlich zeigt das Logo der Gruppe einen roten Blutstropfen, in dem das islamische Zentralheiligtum, die Kaaba in Mekka, dargestellt ist.

Zielgruppe von „Muslim Interaktiv“ sind nach Einschätzung der Expertin Jugendliche, die rekrutiert werden und sich gegen vermeintliche „Assimilationspolitik“ und „Islamfeindlichkeit“ stemmen sollen. Die Gruppe versuche jedoch auch Ältere zu erreichen. „Im Grunde spricht sie alle Muslime an, die sich unterdrückt fühlen oder die sich als im Grunde allen anderen überlegene Gruppe sehen.“

Doch ist „Muslim Interaktiv“ auch gewaltbereit? „Nein“, meint der Islamismus-Experte Ahmad Mansour. Der gebürtige israelische Araber bemüht sich seit Jahren darum, über die seiner Meinung nach immer noch noch unterschätzte islamistische Gefahr in Deutschland aufzuklären. „Aber ich halte sie für gefährlich, weil sie die Tür zu weiterer Radikalisierung öffnen“. Auch viele spätere IS-Kämpfer hätten sich schliesslich durch Videos radikalisiert, die selber nicht explizit zur Gewalt aufriefen.

Mansour hält die Aktivität der Gruppe in den Sozialen Medien für wesentlich zur Gewinnung von Reichweite. „Sie wollen eine neue Generation von Muslimen erreichen, die keinen zwei-stündigen arabischen Vortrag eines Imams mehr hören wollen. Die neue Generation kennt sich auf Tiktok und Co. aus und erwartet entsprechend hochprofessionelle Videos.“ Und die bekommen sie.

Teurer Mercedes-SUV, professionelle Drohnen-Bilder, aufwendige Illustrationen, dramatische musikalische Unterlegung – die Youtube-Videos von „Muslim Interaktiv“ haben die Eigenschaften eines Blockbusters. Die jungen Männer tragen ihre Thesen eloquent vor, sind modisch in schwarzen Hoodies mit dem Aufdruck „Muslim Interaktiv“ gekleidet. Frauen sind in ihren Videos fast nie zu sehen. Über 50.000 Menschen folgen ihnen auf Tiktok, auf Instagram sind es etwas mehr als 12.000.

Die Themen sind mal kulturell, mal politisch. Verurteilt wird zum Beispiel eine Halloween-Party in der saudischen Hauptstadt Riad. Saudi-Arabien habe „den Islam aufgegeben“, um „dem Westen zu gefallen“. Pubertätsblocker für transsexuelle Kinder werden kritisch gesehen, genauso wie China, das die uigurische Minderheit unterdrücke. Es wird etwa über Kopftuchverbote an Grundschulen gesprochen.

Immer wieder wird gegen Islamkritiker wie Hamed Abdel-Samad und Ahmad Mansour Stimmung gemacht. Sie seien „Islamhasser“ und würden „Muslime spalten“ und den Islam „schlechtreden“. Als Abdel-Samad kürzlich in Berlin sein neues Buch, „Islam: Eine kritische Geschichte“, vorstellte, stand ein junger Mann von „Muslim Interaktiv“ auf, um Abdel-Samad scharf zu kritisieren. Mit ihm verließ daraufhin eine Gruppe von etwa zwanzig jungen Männern den Saal. Auch diesen Vorfall hielt die Gruppe in einem Video fest.

Ein immer wieder auftretendes Feindbild des Netzwerks ist „der Westen“ So wird er bezichtigt, einen „ideologischen Kampf gegen den Islam“ zu führen und Muslime dazu zu bringen, ihre eigenen Werte aufzugeben, so dass sie sich „der vorherrschenden Kultur unterwerfen“ müssten. Das sei es, was der Westen mit Leitkultur und Integration bezwecken wolle. Auch die Medien werden kritisiert. Diese würden Islamhass verbreiten, um ihre Auflage zu erhöhen.

In einem weiteren Video vergleicht „Muslim Interaktiv“ die „Massnahmen gegen den politischen Islam“ des früheren österreichischen Bundeskanzlers Sebastian Kurz mit dem „totalitären Geist von 1933“. Es gehe nun nicht um die Marginalisierung von Juden, sondern jene der islamischen Glaubensgemeinschaft Österreichs. Nach „Gestapo-Manier“ sollten Gedanken und Weltanschauungen unter Strafe gestellt werden.

Auch Muslime, die ihren Glauben liberaler leben möchten, sind der Gruppe ein Dorn im Auge. Kritisiert werden zum Beispiel Muslime, die Weihnachten feiern. „Das Feiern von nicht-islamischen Festtagen ist uns Muslimen nicht gestattet“, predigt ein Mann der Gruppe in einem Tiktok-Video. Der ägyptische Fussballspieler und Muslim Mohamed Salah hatte zuvor an Weihnachten auf Instagram ein Bild mit sich und seiner Familie unter dem Christbaum gepostet.

Die LGBTQ-Bewegung lehnt das Netzwerk ebenso ab. In einem Video von „Muslim Interaktiv“ werden mehrere Muslime vor einer Moschee befragt, was sie von einer regenbogenfarbenen Kaaba halten – ein Projekt eines Künstlers als Antwort auf den Antisemitismus-Skandal der Documenta. Sie sehen die Kunstinstallation als eine „Provokation“.

Man resümiert: Der Islam und die Werte der LGBTQ-Bewegung seien nicht vereinbar. Muslime, so heißt es in dem Video, akzeptierten Schwule, solange diese ihre Homosexualität nicht auslebten. Es sei „haram“, verboten, „so etwas“ als Muslim auszuleben und zu glauben, dass es einen liberalen Islam gebe. Der Islam ordne sich nicht dem Liberalismus unter.

Angesichts solcher Aussagen kritisiert der Christlichdemokrat Christoph de Vries, dass der rot-grüne Senat keinerlei Anstrengungen unternommen habe, um die Demonstration, die er als Machtdemonstration von 3500 Islamisten auf Hamburgs Straßen ansieht, zu unterbinden. „Wenn ein politischer Wille besteht, hätte die Innenbehörde eine Verbotsverfügung erlassen können“, sagte der Hamburger Bundestagsabgeordnete der NZZ.

De Vries, der in der Bundestagsfraktion der Union Experte für den politischen Islam ist, glaubt, dass der Islamismus in Hamburg systematisch verharmlost und ignoriert werde. Tatsächlich hat sich der sozialdemokratisch geführte Senat des Stadtstaats erst im vergangenen Jahr vom „Islamischen Zentrum Hamburg“ (IZH) distanziert. Dabei gilt die Einrichtung schon seit Jahren als verlängerter Arm Irans und wird vom Hamburger Verfassungsschutz beobachtet. Zuvor war das IZH durch eine Mitgliedschaft in der Hamburger „Schura“ geadelt worden, einem durch Staatsvertrag ins Leben gerufenen Rat der islamischen Organisationen. „Dieser Kuschelkurs wird von den islamistischen Gruppierungen als politische Ermunterung begriffen“, ist sich de Vries sicher.

Aber auch auf Bundesebene steht die Auseinandersetzung mit dem politischen Islam derzeit nicht hoch im Kurs. So hat Innenministerin Nancy Faeser im vergangenen Jahr den Expertenkreis Politischer Islamismus nicht fortführen wollen. Dabei ist das islamistische Potenzial in Deutschland mit knapp 29 000 Personen gross und – wie „Muslim Interaktiv“ zeigt – sehr aktiv.

Dieser Artikel erschien zuerst in der Neuen Zürcher Zeitung.

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