Osnabrück/Köln Im Flieger nach Adana: Warum ein Team des Arbeiter-Samariter-Bunds jetzt in die Türkei fliegt
Mehr als 40.000 Menschen sind durch das schwere Erdbeben in der Türkei und Syrien bereits ums Leben gekommen. Ein FAST-Team des Arbeiter-Samariter-Bunds (ASB) ist auf dem Weg ins Katastrophengebiet nach Samandag in der Provinz Hatay, um zwei Trinkwasseraufbereitungsanlagen aufzubauen und medizinische Hilfe zu leisten. Wir haben sie ein Stück des Weges begleitet.
Wer die Millionenstadt Adana im Süden der Türkei anfliegt, für den scheint die Welt in Ordnung zu sein. Landwirtschaftlich genutzte Flächen ziehen unter dem Flugzeugrumpf vorbei, hier und da stehen einzelne Höfe, Gewächshäuser oder Häusersiedlungen.
In der Ferne liegen auf der einen Seite das Meer und auf der anderen schneebedeckte Berggipfel. Die Hochhäuser der fünftgrößten Stadt der Türkei ragen unbeschadet in den Himmel. Von Zerstörung – zumindest auf den ersten Blick – keine Spur.
Im rund 200 Kilometer entfernten Samandag, dem Ziel des Kölners Florian Hauke und seines Teams, ist das anders. Die Kleinstadt, die auch über ein eigenes Krankenhaus verfügt, liegt in der Provinz Hatay und ist schwer vom Erdbeben getroffen. Manche Straßenzüge sind von der Wasserversorgung abgeschnitten, erzählt der 41-Jährige. So zumindest die aktuelle Information des Teams. Um die Situation vor Ort zu verbessern, sollen zwei Wasseraufbereitungsanlagen aufgebaut werden. Alleine dafür werden sechs Tonnen Material von Deutschland aus mit dem Lkw in die Türkei gefahren.
Hauke ist der einzige Hauptamtliche im „First Assistance Samaritan Team“ – kurz FAST – des Arbeiter-Samariter-Bunds (ASB), das an diesem Morgen vom Flughafen Köln/Bonn in Richtung Katastrophengebiet aufbricht. Gut drei Stunden Flug liegen vor den 16 Helfern aus dem ganzen Bundesgebiet – die Lkw mit einem Großteil des Equipments haben sich schon vor Tagen auf den mehr als 3000 Kilometer langen Weg quer durch Osteuropa gemacht.
Von Anspannung ist den Frauen und Männern zwischen Mitte 20 und gut 50 nichts anzumerken. In kleinen Gruppen sitzen und stehen sie im Eingangsbereich des Business Aviation Centers einen Steinwurf von den regulären Abflugterminals entfernt. Viele der Helfer kennen sich von Übungen, Einsätzen oder aus Trainingskursen. Manch einer raucht noch schnell eine Zigarette vor der Tür. Auch Florian Hauke gehört dazu. Eine German-Airways-Maschine wird sie an diesem Tag ins Katastrophengebiet fliegen.
Die Bilder aus den zerstörten Regionen und die Berichte über das Leid und die Verluste vor Ort kennen sie alle. Das FAST-Team gehört nicht zu denjenigen, die schon wenige Tage nach einer Katastrophe anreist. „Wenn man so will, gehören wir zur zweiten Welle, wenn ,Search and Rescue‘ abgeschlossen ist, und es um den Wiederaufbau geht. Dann ist unsere Expertise gefragt”, erklärt Daniel Peter. Für den 43-jährigen Arzt aus Bonn ist es bereits der neunte oder zehnte Einsatz, so genau kann er das gar nicht sagen.
Dennoch: „Es ist schwierig einzuschätzen, was uns vor Ort erwartet, was wir machen können und was nicht”, sagt Paul Hensel, als es an Bord der E190 in Richtung Adana geht. Obwohl der Dortmunder schon seit zwölf Jahren dem FAST-Team angehört, ist es für den Notfallsanitäter der erste Auslandseinsatz. Seine Doktorarbeit, an der er derzeit schreibt, muss nun erstmal warten. „Die Bilder sind sicherlich auch eine Motivation, warum man hinfliegt”, sagt der 33-Jährige. „Wobei man versucht, sich nicht davon beeinflussen zu lassen”, ergänzt Christoph Kmiecik, der in der Reihe neben Hensel sitzt. Auch für den 34-Jährigen, der bereits Arzt im praktischen Jahr ist, ist es der erste Einsatz. Er ist seit 2020 mit dabei. Warum er gerade jetzt mitfliegt? „Man findet immer Gründe, warum man keinen Einsatz machen kann. Das muss man einfach mal machen”, sagt er.
Geleitet wird das medizinische Team von Tabea Dross. Sie ist ausgebildete Gesundheits- und Krankenpflegerin, hat anschließend Sonderpädagogik studiert und arbeitet heute in Teilzeit in der Erwachsenenbildung. Auch in Osnabrück hat sie schon Kurse gegeben. „Auf der einen Seite ist man betroffen von der Situation vor Ort, auf der anderen aber auch tatkräftig, unterstützen zu können”, beschreibt die 37-Jährige das Gefühl, mit dem sie im Flieger sitzt. Nervosität und Anspannung nennen Paul Hensel und Christoph Kmiecik.
Die Anspannung vor dem Ungewissen ist bei Daniel Peter nach so vielen Jahren dem Respekt vor dem Einsatz und der Vorfreude auf die Arbeit im Team und der Unterstützung vor Ort gewichen. „Auch wenn man nie weiß, was einen genau erwartet. Auf das Unvorhergesehene ist man aber gut vorbereitet”, ist er überzeugt. „Die Routine ist eigentlich, dass es jedes Mal anders ist”, versucht es der Kölner Florian Hauke nach elf Jahren Soforthilfe zu beschreiben. Trotz aller Infos und Briefings im Voraus geht er nicht davon aus, dass das Team am kommenden Tag wie vorgesehen arbeitet. „Wir planen mit dem, was wir jetzt wissen. In 48 Stunden kann das schon ganz anders aussehen”, sagt er.
Beispielsweise, wenn die Lkw nicht pünktlich ankommen. Neben den sechs Tonnen Material für die Trinkwasseraufbereitung werden auch Generatoren, Zelte und medizinisches Material ins Katastrophengebiet gebracht. Aktuell geht man davon aus, dass die Lkw einen halben Tag länger brauchen als geplant, sagt Christian Düsing. „Es gibt aber genug anderes zu tun”, sagt der 38-Jährige, der hauptberuflich als internationaler Projektmanager arbeitet.
Camp-Modus – so beschreiben Anneli Droste und Daniel Peter die Atmosphäre, wenn man erst einmal angekommen ist. Wie Zahnräder, die ineinandergreifen, würde jeder wissen, was er zu tun hätte. Für die 39-jährige Psychotherapeutin, die dieses Mal das Team der Wasseraufbereitung unterstützt, ist es der vierte Auslandseinsatz. Im Irak und auf den Philippinen waren Droste und Peter sogar schon gemeinsam im Einsatz.
Aus dieser Erfahrung heraus sagt Daniel Peter auch: „Die Bilder, die man im Fernsehen sieht, sind sehr fokussiert. Meistens ist man überrascht, wie viel vor Ort schon wieder aufgebaut ist, wenn wir ankommen. In einer Woche kann da viel passieren.”
Doch erst einmal müssen sie ankommen. Manch einer nutzt die Zeit, um noch etwas zu schlafen, andere unterhalten sich oder lesen noch einmal das Einsatz-Briefing.
Der Flug von Köln nach Adana war nur der erste Abschnitt der Reise. Den Abend verbringt das Team in der Stadt, unter anderem müssen sie sich registrieren. Am nächsten Tag geht es weiter in Richtung Einsatzort, zu Gesprächen mit dem Vorausteam und lokalen Behörden. Der Aufbau der Trinkwasseranlage und der Einsatz des medizinischen Teams erfolgt dann in enger Abstimmung mit dem Katastrophenschutz vor Ort.
Um ihre eigene Sicherheit vor Ort sorgen sich die mitfliegenden Helfer – trotz Berichten über Tumulte im Katastrophengebiet – nicht. Auch wenn man Wünsche wie „Pass auf dich auf” oder „Melde dich” häufig hört, wenn die Helfer über die Reaktion ihrer Familien auf den Einsatz berichten. Die Unterstützung von zu Hause ist für alle wichtig. „Was man nicht vergessen darf: Hinter jedem von uns, der vor Ort Hilfe leistet, steht eine Familie, stehen Freunde und Kollegen, die unterstützen, damit das überhaupt möglich ist”, sagt beispielsweise Daniel Peter. Seine Frau ist Ärztin und hat Schichtdienst. Auf die drei Töchter zwischen elf und dreieinhalb Jahren passt seine Mutter in den kommenden Tagen auf. „Sonst könnte ich nicht fliegen. Und auch wenn sie wissen, was ich mache, fließen schon ein paar Tränen, wenn ich von jetzt auf gleich weg muss.“
Robert Wunderlich, Chefarzt am Uni Klinikum in Tübing, der seit 17 Jahren für unterschiedliche Organisation in der Entwicklungshilfe und Katastrophenschutz tätig ist, ergänzt: „Wer zum Einsatz in ein Katastrophengebiet fährt, braucht ein gefestigtes Umfeld. Mit Problemen in den Einsatz zu fahren funktioniert nicht.“
Zwei Wochen wird der Großteil des Teams im Katastrophengebiet bleiben. „Die Zeit ist extrem anstrengend, 14- bis 15-Stunden-Tage erwarten uns“, sagt Florian Hauke. „Da ist man froh, wenn man nach zwei Wochen wieder zu Hause ist.“ Nur vier Ehrenamtliche werden bereits nach einer Woche den Rückflug antreten.
Im Team könne man viel leisten, sind sich die Mediziner sicher. Nachdem in einer ersten Welle die Trauma-Fälle versorgt wurden, gehe es jetzt darum, eine Art „hausärztliche Grundversorgung” wieder sicherzustellen, versuchen sie zu beschreiben, womit sie in den kommenden Wochen konfrontiert werden könnten. Blutdruck-Medikamente, die in den Trümmern verloren gegangen sind, chronische Krankheiten, Infektionskrankheiten – das und vieles mehr könnte auf sie zukommen.
„Es wird krass werden und die Eindrücke, die man sammelt, sind mit Sicherheit anstrengend“, sagt Robert Wunderlich. Psychologische Hilfe stehe dem Team immer zur Verfügung, betont Florian Hauke. Und auch während des Einsatzes gehe es darum, gegenseitig auf sich zu achten. „Die Gesundheit hat oberste Priorität.”
Ein zweites und drittes Team des ASB steht bereits in den Startlöchern. Ob sie ebenfalls zum Einsatz kommen, steht noch nicht fest. „Das kommt auf die Lage vor Ort an“, sagt Florian Hauke. „Eine Option wäre auch, die Anlage beispielsweise an den Katastrophenschutz vor Ort zu übergeben.“ Aber erst einmal müssen sie das Material nach Samandag bringen.