Lehrermangel  Scheinbar gut versorgte Auricher Schulen

Heino Hermanns
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Von Heino Hermanns
| 16.02.2023 07:55 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Das Auricher Gymnasium Ulricianum hat im Altkreis die beste Unterrichtsversorgung. Dennoch fallen häufig Stunden aus. Foto: Romuald Banik
Das Auricher Gymnasium Ulricianum hat im Altkreis die beste Unterrichtsversorgung. Dennoch fallen häufig Stunden aus. Foto: Romuald Banik
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Die Statistik zur Unterrichtsversorgung weist für Aurich relativ gute Zahlen aus. Doch der Schein trügt an den weiterführenden Schulen.

Aurich/Hannover - Einmal im Jahr wird in Niedersachsen geschaut, wie es um die Unterrichtsversorgung an den Schulen bestellt ist. Immer im September erheben die Regionalen Landesämter für Schule und Bildung (RLSB) die Daten bei den allgemeinbildenden Schulen. Diese werden dann ausgewertet und im Februar der Öffentlichkeit vorgestellt. Dabei handelt es sich allerdings nur um Zahlen für das gesamte Land. Für die weiterführenden Schulen haben die ON die konkreten Zahlen beim RLSB erfragt.

Demnach ist das Gymnasium Ulricianum in Aurich der Spitzenreiter mit einer Unterrichtsversorgung von 105,7 Prozent. Auch die beiden Integrierten Gesamtschulen in Aurich und Ihlow sind mit 103,7 Prozent beziehungsweise 104,1 Prozent noch gut versorgt. Danach rutschen die Zahlen unter die 100-Prozent-Marke. Den beiden Kooperativen Gesamtschulen in Wiesmoor (98,7 Prozent) und Großefehn (96,5 Prozent) fehlen augenscheinlich Lehrkräfte. Und auch in der Realschule Aurich ist bei einem Wert von 98,2 Prozent noch Luft nach oben.

GEW: Viele Stunden fallen wegen Lehrermangels aus

Im landesweiten Vergleich stehen diese Schulen noch gut da. Niedersachsenweit kommt keine Schulform auf Werte über 100 Prozent. Bei den niedersächsischen Gymnasien liegt der Wert nur bei 98,2 Prozent. Gesamtschulen (95,0) und Realschulen (94,7) sind auch deutlich schlechter als im Altkreis Aurich. Dann ist die Welt in Ostfriesland noch in Ordnung?

GEW-Landesvorsitzender Stefan Störmer. Foto: DPA
GEW-Landesvorsitzender Stefan Störmer. Foto: DPA

Nein, sagt Stefan Störmer, Landesvorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft und selbst Lehrer für Deutsch und Biologie, im ON-Gespräch. „Das können Eltern und Schüler am ehesten selbst beurteilen.“ Denn trotz einer Unterrichtsversorgung von über 100 Prozent würden an den Schulen viele Stunden wegen des Lehrermangels ausfallen. Das liege an der Art und Weise, wie diese Statistik von den RLSB erstellt wird. Bei der Erhebung der Unterrichtsversorgung werden nämlich laut Störmer auch ausgeschriebene, aber noch unbesetzte Stellen mitgezählt. Ebenso würden langfristig erkrankte Lehrer mit in die Statistik einfließen. Die tatsächlichen Werte der Unterrichtsversorgung in den einzelnen Schulformen sei also deutlich geringer als angegeben.

Pflichtaufgaben statt Extra-Angebote

Zugleich sei der Bedarf deutlich höher als 100 Prozent. Erst bei ungefähr 107 Prozent, so Störmer, habe eine Schule ausreichend Lehrer, um auch plötzliche Krankheitsfälle kompensieren zu können. Davon sind alle Schulen im Altkreis Aurich weit entfernt.

Und das hat Auswirkungen auf die Inhalte in den Schulen. Das beschreibt auch Mareike Wellmeier, Sprecherin des RLSB. Die Erteilung des Pflichtunterrichts beziehungsweise die Versorgung des Grundbedarfs habe an allen Schulformen und Schulen Vorrang vor allen anderen unterrichtlichen und außerunterrichtlichen Angeboten. Das bedeutet im Klartext, dass alle Extras wie Arbeitsgruppen, spezieller Förderunterricht und Projekte nicht mehr durchgeführt werden können.

Jahrelanger Teufelskreis

Genau das aber trägt laut Stefan Störmer zum Lehrermangel bei. „Die interessanten Dinge unseres Berufs werden zu Gunsten der Pflichtaufgaben gestrichen.“ Ein Teufelskreis sei im Gange, dessen Ursache bereits viele Jahre in der Vergangenheit liege. Zwei Entscheidungen, die pädagogisch völlig richtig seien, hätten zur heutigen Entwicklung mit zu wenigen Lehrern geführt. Störmer nennt zum einen die Inklusion, zum anderen die Einführung der Ganztagsschulen. Vergessen worden sei dabei von den Landesregierungen der vergangenen Jahre, dass für diese Entscheidungen auch die Sollstundenzahlen an den Schulen hätten hochgesetzt werden müssen. Man hätte mehr Lehrer einstellen müssen. „Daran waren vier Parteien beteiligt“, sagt der Leeraner. Er nimmt dabei auch die SPD nicht in Schutz, für die er selbst im Leeraner Stadtrat sitzt. Es hätten auch alle 16 Bundesländer vor dieser Entwicklung die Augen verschlossen.

Aber die Zahl der Studienplätze sei nicht erhöht worden. „Der Anspruch an die Schulen ist da, aber dafür zahlen möchte niemand.“ Dabei habe Niedersachsen in diesem Jahr so viele Lehrer neu eingestellt wie nie zuvor. 940 der ausgeschriebenen 1400 Stellen seien besetzt worden. Auf der anderen Seite seien nur 720 Lehrer ausgeschieden. „Es reicht aber trotzdem nicht.“ Die Folge: Die Arbeitsbedingungen an den Schulen würden schlechter. Das bekämen auch die Referendare mit, die sich in der Folge gegen den Lehrerberuf entschieden. Im vorigen Jahr hat es laut Störmer eine Abbruchquote von 25 Prozent gegeben, so viel wie nie zuvor.

Doppelt schwierige Lage in Ostfriesland

Eine schnelle Lösung ist nicht in Sicht. Damit das Kultusministerium neue Lehrer einstellen kann, müsste das Wissenschaftsministerium zunächst neue Studienplätze schaffen. Und selbst, wenn es diese sofort geben würde: „Es dauert sieben Jahre, bis ein Lehrer ausgebildet ist.“ Eine lange Durststrecke, die an den Schulen überwunden werden muss. Und für die Schulen in Ostfriesland kommt eine weitere Bürde hinzu, wie auch Mareike Wellmeier bewusst ist.

„Die Versorgung der Schulen mit Lehrkräftestunden und die Besetzung von Planstellen im Raum Ostfriesland ist aufgrund der Randlage und ländlichen Struktur insbesondere an Grund-, Haupt-, Real-, Ober- und Förderschulen vergleichsweise herausfordernder als in Ballungsräumen.“ Nur an Gymnasien seien die Planstellen nahezu vollständig besetzt. Auch die Stellen an den Gesamtschulen hätten „umfänglich besetzt“ werden können.

Ein Patentrezept hat auch Stefan Störmer nicht. Aber er empfiehlt, die Stundenzahl bei Vollzeit-Lehrern herabzusetzen. Damit könnte man erreichen, dass Kollegen nicht zu früh in Pension gingen. Und auch die Teilzeitwünsche würden wahrscheinlich reduziert.

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