Kahramanmaras und Gaziantep  Die letzten Schreie unter den Trümmern werden bald verstummen

Carolina Drüten
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Von Carolina Drüten
| 15.02.2023 14:08 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Die Geschwister von Barbaros haben beim Erdbeben ihre Leben verloren – nur der Säugling konnten gerettet werden. Foto: Festim Beqiri
Die Geschwister von Barbaros haben beim Erdbeben ihre Leben verloren – nur der Säugling konnten gerettet werden. Foto: Festim Beqiri
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Die schweren Erdbeben in der Türkei fordern zehntausende Tote. Unermüdlich arbeiten die Helfer daran, die letzten Überlebenden aus den Trümmern zu bergen. Derweil wächst der Unmut auf die Regierung.

„Ruhe“, brüllt der Polizist. Die Menschen, die sich um die Trümmer versammelt haben, verstummen augenblicklich. Der Baggerfahrer stellt den Motor ab, Telefonate werden hastig beendet. Es ist gespenstisch still. Um die Überreste eines mehrstöckigen Wohnhauses ist rund ein Dutzend Helfer ausgeschwärmt. „Kann mich jemand hören“, ruft einer in die Lücke zwischen zwei Geröllteilen. Alle lauschen gespannt. Jedes leiseste Klopfen, jedes schwache Rufen bedeutet, dass in den Ruinen jemand überlebt hat.

Zwei verheerende Erdbeben haben den Süden der Türkei erschüttert. Mit jeder Stunde steigt die Zahl der Toten. Zehntausende Menschen dürften ihr Leben in zehn türkischen Provinzen und dem benachbarten Syrien verloren haben. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan spricht von „der Katastrophe des Jahrhunderts“. Die Ereignisse, das ist schon jetzt spürbar, werden ein nationales Trauma in der Türkei hinterlassen. Drei Monate vor den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen werden die Ereignisse nicht nur als Naturkatastrophe diskutiert – sie werden mehr und mehr zum Politikum.

78, 92, 101 Stunden nach den Beben ziehen Helfer noch immer Menschen aus den Trümmern, jeder Überlebende ein kleines Wunder. In Kahramanmaras, einer der am schlimmsten betroffenen Regionen, ist ein ungarisches Team mit Suchhunden eingetroffen. Ein Wohngebäude, einst Zuhause von 160 Menschen, ist nach dem ersten schweren Beben am frühen Montagmorgen in sich kollabiert. Einige Meter entfernt liegt ein blaues Kinderfahrrad mit verbogenem Lenker. Der Hund springt über Trümmerteile und verschwindet unter Geröll. Er ist auf den Geruch lebender Menschen trainiert. Wenn er anschlägt, gibt es Hoffnung.

Hatice, eine Mutter in ihren Dreißigern, hat diese Hoffnung aufgegeben. Sie weiß, dass zwei ihrer Kinder – Zeynep und Seyit, neun und zehn Jahre, das Unglück nicht überlebt haben. Ihr und ihrem Mann ist nur der kleine Barbaros geblieben, vier Monate alt, den die Mutter in eine bunte Decke gewickelt auf dem Arm trägt. Hatice und ihre Familie wohnten im zwölften Stock des Hochhauses. „Wir sind aus den Trümmern rausgekommen“, sagt sie und streicht dem kleinen Barbaros über den Kopf. Was sie jetzt machen wird, weiß sie nicht. „Wir haben keinen Ort, an den wir gehen könnten“, sagt sie.

So ergeht es nicht nur den Menschen, dessen Häuser eingestürzt sind, sondern auch jenen, die sich nicht in ihre Wohnungen zurücktrauen. Gefährlich neigen sich einige Gebäude zur Seite, an der Fassade sind Risse zu sehen. Sie zu betreten, ist lebensgefährlich. Noch immer drohen Nachbeben. Die Menschen stehen vor den Trümmern, tags und nachts, und verfolgen die Rettungsarbeiten. Wird jemand lebend aus dem Geröll gezogen, brechen sie in Jubeln und Beifall aus. Es ist kalt im Süden der Türkei, nachts fallen die Temperaturen weit unter den Gefrierpunkt. Die Leute wärmen sich an offenen Feuern. Rauchschwaden hängen in den Straßen. Freiwillige verteilen Tee und Suppe. Zelte sollen jene beherbergen, die nicht wissen, wohin. Doch es fehlt an allen Ecken und Enden, allein wegen der schieren Fläche. 110.000 Quadratkilometer sind von den Beben gezeichnet. Und die Ressourcen sind begrenzt.

Dutzende Länder haben ihre Unterstützung angeboten. Auch die Bundeswehr hilft. Von Wunstorf aus werden tonnenweise Hilfsgüter mit Transportflugzeugen der Luftwaffe in die Türkei geflogen. Am Donnerstag schlägt ein Team deutscher Helfer sein Zeltlager vor Kahramanmaras auf. Die Organisation @fire ist auf den Einsatz bei internationalen Naturkatastrophen spezialisiert. „Die Zahl der Toten wird steigen, das liegt in der Natur der Dinge“, sagt Johannes Gust aus Osnabrück. Er reist seit vielen Jahren in Katastrophengebiete, kennt die Situation nach schweren Erdbeben. „Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit, ob die eingeschlossenen Personen ersticken, erfrieren, von Trümmerteilen erschlagen werden oder verdursten“, sagt er. 

Oder ob sie am Ende gerettet werden können: „Man darf Hoffnung haben.“ Am Tag zuvor hat sein Team eine Frau und ihre sechsjährige Tochter lebend geborgen. Als die Helfer fast zu ihr vorgedrungen waren, versperrte ein Heizkörper den Weg. Am Ende gruben sie seitlich der Ruine einen Tunnel unter den Trümmern hindurch. 16 Stunden hat die Aktion gedauert. Gust sagt, am wichtigsten bei Hilfseinsätzen sei die eigene Logistik. Seine Helfer haben alles selbst mitgebracht: Zelte, Lebensmittel, mobile Toiletten. „Man darf dem Gastland nicht zur Last fallen“, sagt Gust.

Ein Imbiss in Gaziantep, mit zwei Millionen Einwohnern die größte Stadt der Provinz. Fast alle Restaurants sind geschlossen, Geschäfte ohnehin. Supermärkte und Tankstellen operieren, doch mancherorts ist der Sprit knapp. Im Imbiss gibt es noch Pommes und frittiertes Hähnchen, doch die Vorräte neigen sich dem Ende zu. Den Kindern, die mit ihren Eltern an den Tischen sitzen, steht der Schrecken in die bleichen Gesichter geschrieben. Dann bebt die Erde. Ganz leicht nur, aber alle Gäste springen in Panik auf und rennen ins Freie. Nur ein älterer Mann aus Diyarbakir bleibt am Tisch sitzen. „Bleiben Sie ruhig“, sagt er. Er hat in seinem Leben viele Erdbeben erlebt. Dieses schwache Nachbeben sei ungefährlich. Seine Worte können die Traumatisierten nicht beschwichtigen. Nur wenige kehren an die Tische zurück.

Derweil wächst der Unmut auf die Regierung. Immer wieder berichten Menschen, dass sie stunden- und tagelang auf Hilfe warten mussten, während sie um die Leben ihrer eingeschlossenen Angehörigen bangten. Faruk Gümüs lebt in der Schweiz. Kurz nach dem ersten Erdbeben setzte er sich in sein Auto und fuhr los. 36 Stunden später kam er in Kahramanmaras an. Hier hat sein Bruder mit seiner Familie gelebt. Gümüs‘ Schwägerin konnte lebend geborgen werden, die 22-jährige Nichte hat es nicht geschafft. Der leblose Körper seines Bruders liegt noch verschüttet. „Wir wollen ihn rausholen, damit wir ihn beerdigen können“, sagt Gümüs. Von der Regierung hätte er sich mehr Unterstützung erhofft. „Seit vier Tagen bekommen wir keinerlei Hilfe“, sagt er. Den Bagger, der den Schutt beiseite räumt, hätten die Familien privat organisiert und bezahlt. 

Präsident Erdogan verspricht, die zerstörten Gebäude innerhalb eines Jahres wiederaufbauen zu lassen. Wer die Schäden mit eigenen Augen sieht, für den muss der Plan mindestens ambitioniert klingen. Aber es ist Wahlkampf in der Türkei – und der Katastrophenschutz sowie die Rettungsmaßnahmen versprechen zum zentralen Thema im Wettstreit an den Urnen zu werden. Vertreter der Opposition reisten vor dem Präsidenten in die betroffenen Regionen. Sie werfen der Regierung schlechtes Krisenmanagement vor. Der Vorsitzende der größten Oppositionspartei CHP, Kemal Kilicdaroglu, macht Erdogan für den Verlauf verantwortlich.

Dieser Stunden geht es darum, die letzten Überlebenden aus den Trümmern zu retten. Mit jeder verstreichenden Stunde sinkt die Wahrscheinlichkeit. Massenhaft werden Gräber ausgehoben, um die geborgenen Toten rasch beerdigen zu können. Faruk Gümüs aus der Schweiz übernachtet seit vier Tagen in seinem Auto. Er sagt, er werde sich nicht vom Fleck bewegen, bis er seinem Bruder die letzte Ehre erweisen kann.

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