Vier-Tage-Woche an Schulen  Auricher Schulleiter wollen Schüler nicht nach Hause schicken

Heino Hermanns
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Von Heino Hermanns
| 14.02.2023 14:14 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Schulausfälle wegen des Lehrermangels sind auch in Ostfriesland nicht undenkbar. Foto: DPA
Schulausfälle wegen des Lehrermangels sind auch in Ostfriesland nicht undenkbar. Foto: DPA
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In Wiefelstede hat eine Grundschule die Vier-Tage-Woche eingeführt. Der Grund: Lehrermangel. Das ist auch in Ostfriesland nicht undenkbar.

Aurich - Für Schlagzeilen quer durch die Republik hat die Grundschule Wiefelstede im Ammerland in dieser Woche gesorgt. Wegen fehlender Lehrkräfte wurde dort für die Grundschüler die Vier-Tage-Woche eingeführt. Pro Tag bleibt einer der Jahrgänge zu Hause. Für die betreffenden Kinder gibt es dann nur eine Notbetreuung. Klein ist die Schule nach eigenen Angaben nicht. Sie hat 337 Schüler, die von 30 Lehrkräften betreut werden. Von denen fehlen derzeit drei längerfristig und haben so den Stundenplan gesprengt.

Wolfgang Albers hat sein Referendariat in Westerende absolviert – und ist dort geblieben. Foto: Heino Hermanns
Wolfgang Albers hat sein Referendariat in Westerende absolviert – und ist dort geblieben. Foto: Heino Hermanns

Droht ein solches Vorgehen auch an Schulen im Landkreis Aurich? Ausgeschlossen ist das nicht, wie Gespräche mit hiesigen Schulleitern ergeben. „Was sollen wir machen, wenn alle Stricke reißen“, sagt Wolfgang Albers, Leiter der Grundschule Westerende-Kirchloog, im ON-Gespräch. Natürlich würden die Kinder im Rahmen der verlässlichen Grundschule immer betreut werden. Wenn zu viele Lehrer fehlten, würde das dann aber zur Not eben ohne Unterricht geschehen. Momentan geschehe das im Fach Sport. Der Unterricht müsse ausfallen, denn „wir haben keinen Lehrer zu viel“, so Albers.

Ein kranker Lehrer bringt den Plan ins Wanken

Eine Aussage, die von der Pressestelle des Regionalen Landesamtes für Schule und Bildung (RLSB) gestützt wird. So beträgt laut Sprecherin Mareike Wellmeier die Unterrichtsversorgung bei den Grundschulen im Landkreis Aurich 97,5 Prozent. Der Wert bezieht sich auf die jährliche statistische Erhebung bei allen Schulen im Land. Diese wird immer im September vorgenommen. Detaillierte Auskünfte konnte das RLSB aber erst jetzt liefern. Erst bei 100 Prozent Unterrichtsversorgung ist sichergestellt, dass auch alle vorgesehenen Unterrichtsstunden gegeben werden können.

„Das schaffen wir auch noch mit vielen Überstunden“, sagt dazu Wolfgang Albers. Denn wie in allen Lebensbereichen bemerken auch die Schulen die Grippewellen des Winters. Bei relativ kleinen Kollegien reichen schon ein oder zwei Krankheitsfälle, um den Plan ins Wanken zu bringen. In Westerende-Kirchloog unterrichten zehn Lehrer. Und schwangere Kolleginnen sind laut Wolfgang Albers in die Statistik gar nicht reingerechnet. Diese hätten aber seit der Corona-Pandemie ganz schnell ein Berufsverbot und fielen dann langfristig aus.

Unterricht geht unwiederbringlich verloren

Eine Vier-Tage-Woche sei für die Kinder auf jeden Fall schlecht, so Albers. Denn dann müsste wie beim Corona-Homeschooling mit Aufgaben kompensiert werden. „Ohne Eltern, die zu Hause sind, gibt es aber keinen Lernerfolg.“ Also müssten es zusätzliche Angebote in der Schule wieder kompensieren. Diese gebe es aber nicht – wegen des Personalmangels.

Kai Münzel leitet die Lambertischule Aurich. Foto: Franziska Otto
Kai Münzel leitet die Lambertischule Aurich. Foto: Franziska Otto

Eine Vier-Tage-Woche könne nur eine Notlösung sein, sagt Kai Münzel, Leiter der Auricher Lambertischule, auf ON-Anfrage. Er halte davon gar nichts und hoffe, dass seine Schule darum herumkommen werde. Denn diese Maßnahme bedeute, dass Unterricht für die Kinder unwiederbringlich verloren gehen würde.

Homeschooling funktioniert nur bedingt

Insgesamt unterrichten an der Lambertischule, der größten Grundschule der Stadt Aurich, derzeit 17 Lehrer. Ein bisschen Spielraum könnte es also im Gegensatz zu kleinen Grundschulen geben. Das sei richtig, meint Kai Münzel. Allerdings sei die Schule bereits jetzt unterversorgt. „Sobald ein Kollege erkrankt, liegen wir deutlich unter 100 Prozent.“ Dann würden als erstes die Förderprogramme zusammengestrichen. Pädagogische Mitarbeiter würden dann zur Betreuung der Kinder eingesetzt. Fehlten mehr Kollegen gleichzeitig, könne es passieren, dass entweder eine Klasse eines Jahrgangs auf die anderen Klassen aufgeteilt werde. „Oder wir legen gleich zwei Klassen zusammen.“ Allerdings seien die Klassen bereits jetzt relativ groß, sodass dies die Ausnahme bleiben sollte.

Relativ gut aufgestellt ist derzeit eine der kleineren Grundschulen in Aurich. „Wir haben keinen Lehrermangel“, sagt Claus Garrelts, Leiter der Grundschule Wiesens, selbstbewusst. Vier Stammkräfte sowie eine Sozialpädagogin hat er an seiner Schule mit rund 70 Schülern. Eine Lehrerin fehle derzeit, dafür gebe es aber eine Abordnung von einer anderen Schule. „Grundsätzlich ist die Lage aber schon angespannt“, weiß auch Claus Garrelts. Man könne Kinder auch nicht einfach nach Hause schicken, denn oft genug seien beide Elternteile berufstätig. Und im Homeoffice auch noch die Schulaufgaben der Kinder kontrollieren funktioniere nicht. Das habe die Corona-Pandemie gezeigt. Auch der soziale Umgang der Kinder fehle bei einer Vier-Tage-Woche. „Ich bin kein Fan davon.“ Betreut werden müssen viele Schüler der Grundschule Wiesens nicht nur am Vormittag. Bis zu 30 von ihnen nehmen am Ganztagsbetrieb teil, erläutert Garrelts. Ein zusätzliches Problem, wollte man einen ganzen Schultag ausfallen lassen.

Aussicht auf eine Verbesserung der Unterrichtsversorgung an den Grundschulen gibt es nicht. Denn wegen der Randlage Ostfrieslands und der ländlichen Struktur sei es eine Herausforderung, Lehrer in den Landkreis Aurich zu locken, sagt Mareike Wellmeier. Das gelte vor allem bei Grund-, Haupt-, Real-, Ober- und Förderschulen. Deren Lehrkräfte würden die Ballungsräume bevorzugen. Vereinzelt gelinge es, Referendare des Studienseminars Aurich durch den „Klebeeffekt“ an die Region zu binden. Schulleiter Wolfgang Albers ist ein Beispiel dafür. Er hat in Westerende sein Referendariat absolviert und ist dort geblieben. Damit ist er aber sicherlich eine Ausnahme unter den Grundschullehrern im Landkreis Aurich.

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