Osnabrück  Tochter hat angeblich Kind totgefahren: So kam eine Mutter Telefonbetrügern auf die Schliche

Anke Schneider
|
Von Anke Schneider
| 13.02.2023 11:04 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Marie-José Wollitz aus Osnabrück wurde Opfer eines Schockanrufes. Sie beschreibt, was sie durchmachen musste. Foto: Unsplash/Clay Banks
Marie-José Wollitz aus Osnabrück wurde Opfer eines Schockanrufes. Sie beschreibt, was sie durchmachen musste. Foto: Unsplash/Clay Banks
Artikel teilen:

Marie-José Wollitz hat einen Anruf bekommen, der ihr den Boden unter den Füßen wegriss. Am anderen Ende schrie eine junge Frau, die sich als ihre Tochter ausgab – und erklärte, ein Mädchen totgefahren zu haben.

Der Schreck sitzt Marie-José Wollitz auch einen Tag nach dem Vorfall noch tief in den Knochen. „Mama, Hilfe, die ist einfach tot“, habe die Frauenstimme aus der Ferne geschrien, erzählt die dreifache Mutter und kann ihre Tränen kaum zurückhalten. „Da bricht plötzlich die ganze Welt zusammen. Das reißt einem den Boden unter den Füßen weg“, so Wollnitz.

Die Osnabrückerin rief fragend den Namen ihrer Tochter ins Telefon. Sie ahnte nicht, dass sie den Betrügern damit selbst eine Information gab, die sie brauchten.

Plötzlich sei eine Männerstimme am Telefon gewesen. Der Anrufer habe sich in perfektem Deutsch als Polizist vorgestellt und auch die Wache genannt, der er angehöre, erzählt Wollnitz. „Er wiederholte den Namen meiner Tochter und fragte nach dem Geburtsdatum, um die Daten abzugleichen.“

Der Mann bestätigte, dass die Tochter die Vorfahrt missachtet und ein junges Mädchen getötet habe. „Ich habe ihn dann gefragt, ob meine Enkelkinder auch im Auto gesessen haben“, so Marie-José Wollitz weiter.

Der angebliche Polizist habe behauptet, dass der Ehemann die Kinder bereits abgeholt habe. „Das kam mir komisch vor, denn meine Tochter ist nicht verheiratet“, sagt Marie-José Wollitz. Der Anrufer habe dann berichtet, dass die Tochter nun dem Haftrichter vorgeführt würde.

Um einen Gefängnisaufenthalt zu verhindern, sollte die Osnabrückerin eine Kaution zahlen. Wollitz erklärte sich bereit, das Geld zu überweisen. Daraufhin sagte der Betrüger, dass sie das Geld bar bringen müsse. Als Wollitz sagte, dass sie nicht genügend Bargeld zu Hause habe, fragte der Betrüger nach Schmuck und Wertsachen.

„Das war der Moment, in dem ich misstrauisch wurde“, sagt Marie-José Wollitz. Sie habe dann bei ihrer Tochter angerufen, die gesund und munter auf dem heimischen Sofa saß und mit ihren Kindern spielte.

„Wie skrupellos muss man sein, um so mit den Gefühlen der Menschen umzugehen?“, ist Wollitz noch immer fassungslos über das Geschehene. „Man glaubt wirklich, dass es das eigene Kind ist, das da anruft.“

Für die örtliche Polizei ist das, was Wollitz erlebt hat, Alltag. „Am 6. und 7. Februar wurden allein 20 Strafanzeigen wegen sogenannter Schockanrufe bei der Polizeiinspektion Osnabrück registriert“, teilt die Polizei mit.

Die Dunkelziffer dürfte höher sein, denn nicht alle Schockanrufe werden angezeigt. Zum Glück seien die Opfer bei keiner der angezeigten Taten auf die Betrüger hereingefallen.

Die Forderungen bei Schockanrufen gingen stets in den hohen fünfstelligen Bereich. „In den vergangenen Tagen lagen die Forderungen zwischen 38.000 und 240.000 Euro“, teilt die Polizei mit. Zudem wurden einige Geschädigte nach Gold, Schmuck und sonstigen Wertsachen befragt, was ebenfalls nicht untypisch sei. Wenn die Angerufenen nur kleine Summen aufbringen können, beenden die Betrüger in vielen Fällen das Gespräch.

„Die kriminellen Callcenter haben ihren Sitz mit hoher Wahrscheinlichkeit im Ausland“, so die Polizei weiter. Die Geldabholer werden an den jeweiligen Tattagen in die Anrufgebiete entsandt. Meist seien es deshalb auch Festnetznummern, die angerufen würden. Anrufe auf Handynummern, wie es bei Marie-José Wollitz der Fall war, seien eher untypisch.

„Die Nummer könnte beispielsweise von einer illegalen Rufnummernliste stammen“, vermutet die Polizei. Die Täter müssen allein aus logistischen Gründen wissen, wo ihr Opfer wohnt.

Es sei nicht davon auszugehen, dass die Täter wissen, wen sie kontaktieren, sagt der Polizeisprecher. Oft wird wahllos von Sohn oder Tochter gesprochen. Häufig fällt der Betrugsversuch schon durch das falsche Geschlecht auf. Die Täter hören allerdings gut zu, falls die Opfer zufällig den Namen der Tochter oder des Sohnes aussprechen.

Bei anderen Betrugsmaschen, beispielsweise dem Enkeltrick und bei falschen Polizeibeamten, werden gezielt Personen angerufen, die mit einem altmodischen deutschen Vornamen verzeichnet sind. „Es gibt Anrufwellen, bei denen die Angerufenen beispielsweise alle Hermann oder Waltraud heißen“, so der Polizeisprecher weiter.

„Durch verschiedene Ermittlungsschritte können nicht nur die Rufnummern der Täter ermittelt, sondern auch Bewegungsprofile erstellt und andere Ermittlungsansätze erzielt werden“, teilt die Polizei mit.

Die ersten Ermittlungen hätten sich zunächst gegen die Abholer vor Ort und somit gegen die rangniedrigeren Betrüger gerichtet. „Jedoch konnten sowohl in der Polizeiinspektion Osnabrück, als auch von Kollegen im ganzen Bundesgebiet große Erfolge auch gegen die Hinterleute im Ausland erreicht werden.“

Man sollte grundsätzlich wachsam sein, wenn man von unbekannten oder unterdrückten Nummern angerufen wird. „Wer den Betrug erkennt, sollte das Gespräch möglichst kommentarlos beenden und eine Strafanzeige bei der Polizei erstatten“, rät die Polizei.

Ähnliche Artikel