Osnabrück/Flensburg  Tipps zu Balkonkraftwerken: Leser fragen – Experten antworten

Daniel Batel, Michelle Ritterbusch
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Von Daniel Batel, Michelle Ritterbusch
| 10.02.2023 18:51 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
Balkonkraftwerke erfreuen sich einer immer größeren Beliebtheit – zurecht? Foto: dpa/Stefan Sauer
Balkonkraftwerke erfreuen sich einer immer größeren Beliebtheit – zurecht? Foto: dpa/Stefan Sauer
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Hohe Energiepreise machen zahlreichen Menschen zu schaffen. Sind Solaranlagen für den Balkon die Lösung? Zwei Experten der Verbraucherzentrale geben Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Viele Menschen in Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern blicken besorgt auf die gestiegenen Energiepreise und fürchten hohe Beträge auf ihrer nächsten Stromrechnung. Deswegen stellen sich einige nun die Frage: Lohnt sich eine Solaranlage auf dem Dach?

Im 15. Livetalk der NOZ/mh:n-Mediengruppe zur Serie „Energiekrise Spezial: Wissen, das weiterhilft“ ging es um die Frage „Photovoltaik (PV): Rechnet sie sich auf dem eigenen Dach und Balkon?“ Mit dem Thema beschäftigen sich zurzeit viele Hausbesitzer und Mieter. Bereits vorab erreichten uns viele Leserfragen. Mit Architektin Birgit Wordtmann und Energieexperte Andreas Holtgrave haben sich zwei Experten von der Verbraucherschutzzentrale den Fragen angenommen. Den Livestream zum Nachgucken gibt es hier.

In hügeligen oder bergigen Gebieten sei das gegebenenfalls eine Option, sagt Andreas Holtgrave. Auf dem platten Land hingegen eher nicht. Hier sei bei einer Installation auf der Nordseite mit 30 bis 40 Prozent weniger Ertrag zu rechnen.

Andreas Holtgrave verweist auf eine Stellungnahme des Dachverbandes der Elektroversorger, den Verband der Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik (VDE). Der sogenannte Wieland-Stecker, der verhindert, dass man einen Stromschlag bekommt, werde in Zukunft nicht mehr Pflicht sein. Ein Schuko-Stecker – das ist der „normale“ Stecker mit den zwei Zinken – sei dann ausreichend. „Das ist im Moment noch nicht Gesetz. Das ist eine Stellungnahme des VDE“, betont der Experte. „Aber wenn es vonseiten der Stromversorger kommt, denke ich, dass man damit in kurzer Zeit rechnen kann.“

Das Angebot an PV-Anlagen steigt wieder. Das Problem aktuell: Ein Unternehmen zu finden, das die Solaranlage montiert. „Im Moment muss man hartnäckig und geduldig sein“, hat Wordtmann festgestellt. Umzu vergleichen, welcher Anbieter der richtige ist, sind mehrere Angebote nötig. Da es aber dauern könnte, helfe es auch, sich im Bekanntenkreis umzuhören, wer schon eine PV-Anlage hat und wie zufrieden die Person mit dem beauftragten Unternehmen war. 180 Euro müsse man laut Wordtmann nicht bezahlen.

Die Speicherung sei sinnvoller als die Netzeinspeisung, so Birgit Wordtmann. Sie gibt zu bedenken, dass normale Batteriespeicher für einen Haushalt ausgelegt sind, 5 bis 10 Kilowattstunden betragen und für die Nachtstunden gedacht sind. Viele E-Autos beispielsweise hätten aber eine Batterie von 50 Kilowattstunden. Am besten lädt man sein E-Auto daher nichts nachts, sondern mittags oder nachmittags.

„Das ist geändert worden, zum 1. Januar sind diese Leistungsbeschränkungen weggefallen“, sagt Holtgrave. Aber für Altanlagen, wie diese aus dem März 2022, bliebe es leider so. In diesem Fall würde sich ein Speicher oder Eigenverbrauch anbieten, dass er die 70 Prozent nicht reißen würde.

Birgit Wordtmann sagt: „Als Erstes sollte man wissen, wie viel man verbraucht. Dann muss man wissen, wann verbrauche ich das.“ Wer tagsüber bei der Arbeit ist und abends mehr verbraucht, für den kann sich eine Batterie eher lohnen: „Wenn ich den ganzen Tag zu Hause bin und die ganze Zeit verbrauche, benötigt man nicht unbedingt eine Batterie.“

Um herauszufinden, ob ein Speicher sinnvoll ist, sollte man den Zählerstand beobachten. So kann der Verbrauch abgeschätzt und die Größe der Batterie bestimmt werden – sollte man eine brauchen. Fragen, die in diese Entscheidung reinspielen könnten, sind: Besitzt man eine Wärmepumpe? Soll ein E-Auto geladen werden und wenn ja, wann? „Stromverbrauch ist unglaublich individuell“, betont die Architektin.

Einen nützlichen Tipp fügt der Energieexperte Holtgrave hinzu: In vielen Kommunen gibt es Solarkataster. Mit diesen könne man herausfinden, ob eine größere Anlage wirtschaftlich ist oder ob die Mehrkosten dominieren, die sich dadurch ergeben.

Das, was bei Solarthermie an Einstrahlung eingefangen wird, wird laut Holtgrave zu 35 bis 40 Prozent in Wärme umgewandelt. „Das ist ein sehr hoher Wert und etwa das Doppelte von dem, was eine Photovoltaik-Anlage machen kann“, betont er. Das Problem der Solarthermie ist, dass man nur Wärme hat. „Damit kann man nur mit duschen und heizen.“ Anders ist das bei einer Photovoltaikanlage, bei der der Strom für verschiedene Dinge genutzt werden kann. Dieser Strom ist laut dem Energieexperten deutlich höherwertiger und auch teurer.

Zudem erzählt Holtgrave von PVT-Kollektoren. Diese würden beides kombinieren: Es gibt ein Photovoltaikmodul, das so aufgebaut ist, dass auch Wärme mit ausgekoppelt werden kann. Das heißt: Pro Fläche kann ein höherer Ertrag erzielt werden.

Solche Anlagen werden mit Wärmepumpen kombiniert, sodass im Sommer die Photovoltaik gekühlt werden und somit ein höherer Stromertrag erzielt werden kann. „Es gibt eine Reihe von Pilotprojekten“, so der Experte. „Diese sind allerdings noch nicht auf dem Stand, dass man sagen kann, sie sind so viel besser, so viel teurer oder so viel wirtschaftlicher.“

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Birgit Wordtmann sieht solche Angebote kritisch: „Das Problem bei so einem System ist, dass man einen Dritten dabei hat. Der bietet in der Regel eine Dienstleistung an, die auch bezahlt werden muss.“ Deswegen lohnt es sich, im Vorwege auszurechnen, welche Lösung die bessere ist. Der Vorteil eines Mietmodells ist, dass man nicht mit einem Mal eine große Summe ausgeben müsse. Allerdings zahle man dann monatlich oder jährlich für die Dienstleistung.

Wer sich jetzt eine PV-Anlage anschafft, muss keine Umsatzsteuer zahlen, sagt Birgit Wordtmann. Genauso falle die Einkommenssteuer für die Erträge weg, die man damit erzielt – auch rückwirkend für das Jahr 2022. Ebenfalls ab dem Jahr 2023 aufgehoben wurde die 70-Prozent-Regelung für kleine Anlagen bis sieben Kilowatt Peak: Bisher mussten kleine Anlagen auf 70 Prozent gedrosselt werden. Bestandsanlagen darüber sind von dieser neuen Regel ausgenommen. Bei neuen Anlagen gilt das auch bis 25 Kilowatt.

Wenn man eine große Lösung anstrebt, dann lohnt es sich, direkt am Anfang ein Gesamtpaket zu schnüren. Holtgrave betont, dass die Regelungen unterschiedlich sein können: „Es wird auch teilweise davon abhängig gemacht, wie der Speicher an die Solaranlage angebunden ist.“ Es gebe die Möglichkeit, dies auf der Gleichspannungsseite zu machen. Dann werde fast immer davon ausgegangen, dass es eine Anlage ist.

Wenn man aber den Speicher später dazukauft, werde dieser in der Regel wechselspannungsseitig angeschlossen, also nach dem Solarwechselrichter. „Dann wird es vom Finanzamt oft als eigenständiges Produkt gesehen und dann würde die Umsatzsteuerbefreiung nicht mehr greifen“, sagt der Energieexperte.

Ideal ist für Photovoltaikanlagen eine Neigung zwischen 30 und 35 Grad, sagt Andreas Holtgrave. Dann würden sie senkrecht zur Sonne stehen. Das variiere allerdings im Laufe des Jahres, denn die Sonne verändert ihre Höhe.

Laut Holtgrave hängt das vom Verbrauch ab: „Die Anlage wird bei voller Besonnung bis zu 600 Watt liefern. Ein Kaffeekocher kann durchaus eine höhere Leistung haben. Mit Wärmeplatte haben solche Geräte auch mal 800 Watt oder 1 kW. Dafür würde es dann nicht reichen.“ Für den Kaffee am Morgen bringe ein Balkonmodul noch nicht viel, denn das fange dann gerade erst an zu arbeiten.

„Die Anlagen schaffen typischerweise 400, 500 Kilowattstunden im Jahr Ertrag, wenn sie gut ausgerichtet sind“, weiß Holtgrave. „Dann lohnen sich diese Anlagen auch richtig.“ Bei den Strompreisen dauere es fünf bis sieben Jahre, bis sich die Anlage bezahlt gemacht habe.

Nachdem Balkonkraftwerke eine Zeit lang nicht zu bekommen waren, erholt sich der Markt wieder. Da auch einige Baumärkte wieder in den Verkauf eingestiegen seien, sinken seit November die Preise, sagt Energieexperte Andreas Holtmann. „800 bis 900 Euro sind realistisch.“

Aktuell gebe es noch lokale Förderungen, sagt Architektin Birgit Wordtmann. Manche Kommunen würden Bürger bei der Anschaffung von Photovoltaikanlagen unterstützen. Die Expertin sagt: „Das muss man für seinen jeweiligen Wohnort herausfinden, ob es da Förderung von der Kommune, vom Kreis oder dem Land gibt.“

Bei Speichern gibt es ebenfalls Engpässe, sagt Andreas Holtgrave. Aber: Seit China die Lockdown-Politik aufgegeben hat, entspanne sich auch der Markt hierzulande. Hinzu kommt, dass es mittlerweile auch in Europa einige Produktionsstellen gibt. Die Folge: Die Preise könnten fallen.

Energieexperte Andreas Holtgrave ist gerade im Flachland skeptisch: „Man kann dann 30 bis 50 Prozent weniger Ertrag haben.“ Wenn es eine günstige Anlage ist und man wenig andere Flächen hat, könne es eine Option sein. Aber: „Ich würde erstmal vorsichtig sein und Bedenken anmelden.“

Ein Balkonkraftwerk rechnet sich am schnellsten in unter zehn Jahren. Ein Ratschlag des Energieexperten: Ein Haushalt, der 4000 Kilowattstunden im Jahr verbraucht, sollte eine Anlage wählen, die auch etwa 4000 Kilowattstunden im Jahr erzeugt.

Wenn die Anlage auf einem Süddach angebracht oder auf einem Ost-West-Dach verteilt ist, sei laut Holtgrave davon auszugehen, dass die Amortisation schlechter ist als bei einem Balkonkraftwerk und typischerweise zwischen zehn und zwölf Jahren liegt. „Wenn man einen Speicher dazunimmt, der auch die Nacht bedienen soll, bekommt man eine hohe Autarkie“, so der Experte, „aber in der Regel sinkt die Wirtschaftlichkeit.“ Dann dauere es 16 bis 18 Jahre, bis sich die Investition bezahlt gemacht hat.

Birigit Wordtmann empfiehlt statt eines Stromspeichers einen Wärmespeicher und die Wärmepumpe tagsüber laufen lassen. Dann werde nicht der Strom zwischengespeichert, wenn die Sonne scheint, sondern die Wärme. „Besonders im Sommer für warmes Wasser funktioniert das hervorragend“, sagt sie.

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