Hamburg „Pannenflieger“ oder modernster Kampfjet der Welt: Was die F-35 kann – und was nicht
Deutschland hat sich als Tornado-Nachfolge für die amerikanische F-35 entschieden. Und das so spät, dass laut Experten eigentlich gar keine andere Wahl mehr bestand. Wo liegen die Chancen des Kampfjets, wo die Probleme?
Sie gilt als modernster Kampfjet der Welt, ist aber auch als „Pannenflieger“ ins Gerede gekommen: Die Lockheed Martin F-35 „Lightning II“, kurz: F-35. Als die frühere Bundesverteidigungsministerin Christine Lambrecht den Kauf von 35 Maschinen für die Bundeswehr verkündete, atmeten zunächst viele auf: Endlich war die Nachfolge für den in die Jahre gekommenen Tornado geklärt, keine Goldrandlösung diesmal, bei der Wunschlisten, Kosten und Zeitrahmen ins Unermessliche wachsen, sondern schnell und schmutzig von der Stange gekauft. Warum nicht gleich so?
Die Frage kann man sich tatsächlich stellen, denn dass die Bundeswehr eine Tornado-Nachfolge benötigt, ist seit vielen Jahren bekannt. Nur angegangen wurde das Problem nicht. Während Großbritannien seine Tornado-Nachfolge bereits im Jahr 2009 geregelt hatte, blieb der Bundeswehr nun nach Auffassung von Experten gar nichts anderes mehr übrig, als auf die F-35 zu setzen: „Wir haben gar keine andere Wahl mehr aktuell. Man hat sich einfach 14 Jahre in diese Situation verfahren, weil wir uns um eine Tornado-Nachfolge nicht gekümmert haben“, sagt etwa Nuklearstrategie-Experte Severin Pleyer von der Hamburger Bundeswehr-Universität.
Und obgleich das Grundkonzept der F-35 auch den Experten überzeugen kann, sieht er einige Probleme: „Die F-35 liefert nicht das, was sie soll.“ Aber was soll sie eigentlich? Gekauft wird sie, um Deutschlands nukleare Teilhabe zu sichern.
Das bedeutet: Im Ernstfall werden die im rheinland-pfälzischen Büchel gelagerten US-Atomwaffen von den neuen F-35 und ihren Bundeswehrpiloten ins Ziel gebracht. Die F-35 verfügt dabei über sogenannte „Stealth“-Eigenschaften, auf Deutsch: Sie ist ein Tarnkappen-Kampfflugzeug. „Um die Stealth-Fähigkeit zu haben, muss die Bewaffnung intern geführt werden. Und da ist sie eben sehr limitiert“, sagt Pleyer. „Da reden wir von zwei bis vier Raketen oder zwei Bomben. Es gibt Bestrebungen, das auszubauen, aber das ist in unserem Los nicht vorgesehen“. Es gebe auch den sogenannten „Beast Mode“, den Lockheed Martin immer anführe, bei dem die Waffen von außen mitgeführt werden. „Aber dann ist die Stealth-Eigenschaft nicht mehr vorhanden“, erklärt Pleyer.
Um die ist es ohnehin nicht optimal bestellt, wie der „Spiegel“ bereits 2019 berichtete: Einem deutschen Passivradar-Hersteller war es da gelungen, eine F-35 über hundert Kilometer weit zu verfolgen.
Und es gibt weitere praktische Probleme: „Lockheed Martin ist aktuell hinter der Produktion. Ich gehe davon aus, dass wir die ersten Maschinen erst 2028 bekommen, vielleicht auch erst 2030“, sagt Pleyer. Und dann noch das Problem mit den Triebwerken: Davon gibt es nämlich nicht genug.
„Und die Produktion dafür reicht auch nicht aus. Dann hat man ein Triebwerk pro Flugzeug, die Faustregel ist aber: Man braucht zwei oder drei Triebwerke pro Flugzeug, damit ich immer noch einen Ersatz habe, wenn eins gewartet werden muss. Die US-Luftwaffe hat derzeit das Problem, dass ein Drittel ihrer F-35-Flotte am Boden steht, weil sie kein Triebwerk haben.“
Die F-35 ist außerdem ein kleines Sensibelchen: „Weil die F-35 ein Stealth-Flugzeug ist und so eine Beschichtung hat, braucht sie einen Hangar, der beheizt ist. Man kann die F-35 nicht einfach draußen stehen lassen, sonst wird der Lack beschädigt und damit auch die Stealth-Eigenschaft“, erklärt der Experte. Ein paar Stunden kann sie dabei schon draußen stehen, aber dann braucht sie es warm und trocken.
Anfällig ist die Maschine auch, weil sie eigentlich ein fliegender Computer ist. „Sie ist erfasst Sensordaten, und zwar nicht nur eigene, sondern von Bodenstationen, von Schiffen, von Satelliten. Das Gute ist, Sie haben ein komplettes Lagebild.“ Das Schlechte: Diagnosen, Wartung und Instandhaltung obliegen in vielen Fällen amerikanischem Personal. Das schafft weitere Abhängigkeiten – und das ist nur so lange kein Problem, wie das Bündnis zu den USA eng ist.