Brauchtumspflege in Münkeboe Die Schlachtung und der Wert des Fleisches
Im Dörpmuseum in Münkeboe wurde am Freitag ein Schwein geschlachtet. Organisiert wurde die Aktion von der Dorf-Arge. Sie will damit auch mehr Bewusstsein für den Wert des Fleisches schaffen.
Münkeboe - Leises Grunzen ist aus dem schwarzen Tiertransporter zu hören, der beim Dörpmuseum in Münkeboe vorfährt. Ein Schwein befindet sich darin, es steht auf Stroh. Dass es die letzten Minuten seines Lebens sind, weiß es nicht.
Das Schwein aus dem Transporter wurde am vergangenen Freitag im Dörpmuseum geschlachtet. Eine Tradition, die bereits seit 17 Jahren besteht, sagt Heiko Diekmann vor der Dorf-Arbeitsgemeinschaft Münkeboe. Zwei Jahre mussten sie wegen Corona pausieren.
Bio und aus der Region
Das Schwein suchte die Dorf-Arge bereits in der Woche zuvor aus. Dabei handelt es sich um ein Schwein aus Bio-Haltung des Landwirts Folkert Tjaden, sagt Diekmann.
Von dem Fleisch lädt die Dorf-Arge ihre Mitglieder zum Essen ein. Dazu trafen sie sich am vergangenen Sonnabend wieder im Dörpmuseum. Was übrig bleibt, wird versteigert.
Die letzten Minuten
Zur Tradition gehört aber auch, dass einige Mitglieder der Dorf-Arge bei der Schlachtung dabei sind, ebenso wie der Leiter des Dörpmuseums, Otto Klatt. Sie sehen bei der Schlachtung zu.
Als das Schwein seinen Transporter verlässt, schnüffelt es auf dem Boden. Hier und da rupft es ein paar Grashalme und lässt sich von den Zuschauern gar nicht stören. An seinem rechten Hinterbein ist ein Strick befestigt.
Erst der Knall, dann der Schnitt
Langsam wird es in Richtung eines Unterstands geschoben. Der Schlachter setzt das Bolzenschussgerät am Kopf des Schweins an, ein kurzer Knall, dann liegt das Tier auf den Pflastersteinen. Der Schuss betäubt das Schwein. Der präzise Schnitt in die Kehle mit einem Messer lässt das Tier zügig ausbluten.
Ist diese ganze Prozedur nicht barbarisch anzusehen? Nein, sagt Heiko Diekmann. Jeder, der Fleisch esse, müsse sich damit auseinandersetzen, dass für seinen Konsum ein Tier sterbe. „Eine Schlachtung sollte jeder mal gesehen haben“, sagt er.
2021 wurden 51,8 Millionen Schweine geschlachtet
Für die Anwesenden geht es bei der Schlachtung auch darum, den Wert des Fleisches anzuerkennen. Im Jahr 2021 wurden laut Statista in Deutschland 51,8 Millionen Schweine geschlachtet. Das sind mehr als 141.900 Schweine pro Tag.
Es wird mehr Schweinefleisch produziert, als auf dem nationalen Markt abgesetzt werden kann. Gut 34 Prozent sind zu viel, sie werden nicht in Deutschland verzehrt. Der Überschuss wird exportiert, schreibt das Statistikportal. Die Zahl steigt seit Jahren, bei zeitgleich immer mehr Menschen, die sich vegan oder vegetarisch ernähren, also kein Fleisch essen.
Wasser und Metallkegel säubern das Schwein
Das Blut des Schweins wird in einer Schüssel aufgefangen. Der Gehilfe des Schlachters rührt es mit seinem Arm durch. Bleibt es nicht in ständiger Bewegung, könnte es im Kontakt mit der Luft gerinnen. Aus ihm soll später Blutwurst hergestellt werden.
Mit Unterstützung seiner Gehilfen hebt der Schlachter das Schwein in eine Wanne. Es wird zunächst mit einem Eimer heißen Wassers übergossen. Damit sollen die Borsten abgelöst werden. Danach schaben sie mit Werkzeugen, die wie Kegel aus Metall aussehen, über die Haut des Schweins. Damit entfernen sie die übrigen Borsten. Im Anschluss wird das Schwein mit Wasser gesäubert.
Schlachtung wie vor 100 Jahren
In diesem Punkt hat sich in den vergangenen 100 Jahren bei der Schlachtung von Schweinen kaum etwas verändert, sagt der Leiter des Dörpmuseums, Otto Klatt. Die Werkzeuge, die die Schlachter am Freitag benutzten, kann man sich auch im Museum anschauen. Für Klatt ist die Schlachtung deshalb auch Brauchtumspflege.
Nachdem die Innereien entfernt wurden, wird das Schwein auf einer Leiter aufgehängt. Dort blieb es von Freitagnachmittag bis Sonnabend.
Alles soll verwertet werden
Am Sonnabend kamen dann die Mitglieder der Dorf-Arge zusammen. Die Frauen kochten aus dem Fleisch verschiedene Gerichte. Manches wurde direkt verpackt, anderes eingekocht für die Versteigerung. Gut 50 Menschen konnten sich von dem Fleisch am Sonnabend ernähren, das, was übrigbleibt, nicht eingerechnet.
Alles vom mehr als 160 Kilo schweren Schwein soll verwertet werden, sagt Diekmann. Auch die Ohren, der Schwanz und der Kopf. Das gehöre dazu, wenn man den Wert eines Lebens wirklich schätze. Im Bereich der industriellen Schweinefleischherstellung sehe man das viel zu selten. Teilweise würden Tiere nur wegen eines bestimmten Körperteils geschlachtet.
Diekmann ist sich sicher: Die Menschen entfremden sich davon, woher das abgepackte Fleisch im Supermarkt eigentlich kommt. Früher sei die Dorfgemeinschaft für die Schlachtung eines Tieres zusammengekommen und habe einander geholfen. Dafür gab es den sogenannten „Hützpott“, ein Stück des Fleisches zum Dank.