Notfallseelsorge  Wichtige Einsätze im Verborgenen

Heino Hermanns
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Von Heino Hermanns
| 05.02.2023 17:29 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Lilafarben sind die Warnwesten der Notfallseelsorger. Foto: DPA
Lilafarben sind die Warnwesten der Notfallseelsorger. Foto: DPA
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Bei großen Unfällen, Bränden und Katastrophen kommen Notfallseelsorger zum Einsatz. Sie wirken im Verborgenen – und brauchen ab und zu selbst Hilfe.

Aurich - Brände, Unfälle, Suizide – wenn es um Extremsituationen geht, wenn schnelle Hilfe erforderlich ist, stehen die Einsatzkräfte von Rettungsdiensten, Feuerwehr und Polizei im Vordergrund. Sie helfen den verletzten Menschen, versuchen, Hab und Gut ihrer Mitbürger zu retten. Gerade bei großen Ereignissen wird aber von den Leitstellen eine vierte Gruppe von Helfern gerufen: Die Notfallseelsorger. Am eigentlichen Ort des Geschehens sind sie meist unsichtbar. Denn sie helfen meist dann, wenn der unmittelbare Einsatz vorüber ist. Notfallseelsorger betreuen Angehörige, wenn Todesnachrichten überbracht werden müssen. Sie sind da, wenn Menschen durch Feuer alles verloren haben. Und sie helfen den Einsatzkräften, mit Erlebnissen fertig zu werden.

Im Landkreis Aurich wird die Notfallseelsorge von den beiden Kirchenkreisen Aurich und Norden organisiert. Im Kirchenkreis Aurich ist ein Leitungsteam um Superintendent Tido Janssen dafür zuständig. Leitende Koordinatorin ist Pastorin Heike Musolf. Aus dem Alltag direkt in den Einsatz gehe es immer, wenn der Melder piepe, sagt sie im ON-Gespräch. „Wenn man den Einsatz annimmt, ist man sofort in einem anderen Modus. Das ist eine Verwandlung in Sekunden.“

Schweigepflicht erschwert die Selbsthilfe

Im vorigen Jahr gab es für die Notfallseelsorger 84 Einsätze im Landkreis Aurich. Die Verwandlung für den Einsatz gehe schnell. „Zurück ist schwieriger“, wirft Pastorin Cathrin Meenken ein. Denn auch die Seelsorger können nicht alles Erlebte sofort verarbeiten. Kehre sie nachts von Einsätzen zurück, so Heike Musolf, würde sie zuerst die Protokolle schreiben. „Sofort ins Bett geht nicht.“ Suizide, Unfalltode oder die Beteiligung von Kindern seien eine große Herausforderung. Mit dem „normalen Tod“ nach einem langen Leben könnten alle Pastoren umgehen. Die Notfallseelsorge sei aber der Ausnahmezustand.

Heike Musolf (links) und Cathrin Meenken sind zwei der 31 aktiven Notfallseelsorger im Landkreis Aurich. Foto: privat
Heike Musolf (links) und Cathrin Meenken sind zwei der 31 aktiven Notfallseelsorger im Landkreis Aurich. Foto: privat

Das Problem: Detailliert mit einem anderen Menschen über das Erlebte reden können die Seelsorger nicht. Denn für sie gilt die Schweigepflicht. Allenfalls über die Umstände könne mit Kollegen gesprochen werden, keinesfalls aber über Details. Diese Art der kollegialen Hilfe sei aber möglich und als ein Stück Selbstfürsorge auch nötig, sagt Superintendent Tido Janssen. Die Pastoren könnten sich im vertrauten Rahmen Hilfe holen. Dafür habe man ein System von Verschwiegenheit.

Notfallseelsorge, so Musolf, frage nicht nach der Konfession oder einer Religionszugehörigkeit. Das funktioniere in der Situation eines Alarms auch nicht, ergänzt Pastorin Katharina Herresthal. Der Melder würde nur die Adresse, aber keine Namen übermitteln. Betroffen sein könnten ebenso Einheimische wie Urlauber.

Religiosität tritt in den Hintergrund

Beim Einsatz geschehe zunächst auch nichts Religiöses, betont Heike Musolf. Sie beschreibt drei Stufen der Hilfeleistung. Zunächst gehe es nur darum, Betroffene zu stabilisieren. Es reiche schon, demjenigen zum Beispiel eine Decke über die Schultern zu legen und so zu zeigen: „Ich bin bei Dir.“ Danach gehe es darum, Orientierung zu geben. „Rettungssanitäter und Feuerwehrleute verrichten ihre Arbeit.“ Es helfe, wenn man Angehörigen erkläre, was gerade passiere. Es gelte auch, Übersprungshandlungen zu vermeiden. Beim Überbringen einer Todesnachricht sollte ein Angehöriger zum Beispiel nicht sofort zur Unfallstelle fahren. Schließlich müssten die Ressourcen gestärkt werden. „Wir zeigen den Menschen, dass sie trotz der Tragödie, die gerade ihr Leben umkrempelt, noch handlungsfähig sind.“ Die Pastoren kochen daher keinen Tee, sondern lassen ihn zubereiten. Sie rufen nicht beim Bestatter an, sondern lassen das den Angehörigen machen. „Wir sind aber immer dabei.“

„Man steht als Todesengel in der Tür“

Wenn das kleine Gerät piept, wird zunächst geschaut, ob ein Pastor oder eine Pastorin in der Nähe des Einsatzortes übernehmen kann. Das gelingt nicht immer. „Manche Kollegen haben Angst davor, obwohl sie es können“, sagt Heike Musolf. Im Gegensatz zum Kirchenkreis Norden ist der Dienst als Notfallseelsorger im Kirchenkreis Aurich nicht verpflichtend. „Man braucht ein dickes Fell für Gott“, sagt Cathrin Meenken. Denn man stehe unter Umständen in der Tür als Todesengel und werde gefragt, wo denn der liebe Gott nun sei. „Das muss man auch aushalten können.“

Schwierig kann es bei sogenannten Großschadenslagen werden. Gibt es viele Betroffene, werden auch mehr Seelsorger benötigt. „Beim Klinikbrand waren wir richtig gut“, sagt Cathrin Meenken. Bei dem Feuer im September vorigen Jahres in der UEK Aurich waren 16 Notfallseelsorger im Einsatz.

Beim Brand in der UEK Aurich im vorigen Jahr waren 16 Notfallseelsorger im Einsatz, um die betroffenen Patienten zu betreuen. Foto: Heino Hermanns
Beim Brand in der UEK Aurich im vorigen Jahr waren 16 Notfallseelsorger im Einsatz, um die betroffenen Patienten zu betreuen. Foto: Heino Hermanns

Nicht nur Angehörigen müssen die Seelsorger helfen. Auch die Einsatzkräfte brauchen Unterstützung. Der „harte Mann“, der keine Tränen zeigen dürfe, sei auch bei der Feuerwehr nicht mehr erwünscht, sagt Pastorin Sunnive Förster. Rettungsdienst und Polizei hätten eigene interne Hilfssysteme. Die hiesigen Feuerwehren seien in den Fortbildungen der Kirche mit eingebunden. Es gehe darum, so Heike Musolf, die eigenen Grenzen zu erkennen. „Ein posttraumatischer Schock soll unbedingt vermieden werden. Nach schlimmen Einsätzen merkt die Truppe, dass Gesprächsbedarf besteht.“ Die Feuerwehren kämen auf die Pastoren zu. Viele der Seelsorger seien sogar selbst Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr.

Patentrezept gibt es nicht

Am Ende aber, sagt Sunnive Förster, gebe es kein Patentrezept für diese Art der Einsätze. Man müsse den Schmerz der Menschen mit aushalten und immer wieder die gleichen Fragen beantworten. „Es braucht Zeit, bis die Botschaft in einer solchen Situation angekommen ist.“

„Es ist kein toller Teil meines Berufs“, sagt Cathrin Meenken. „Man ist ja selber auch nur ein Menschen“, sagt Tido Janssen. „Aber es ist erfüllender als die Arbeit am Schreibtisch“, sagt Heike Musolf. „Bei den Einsätzen ist es immer viel zu früh für jegliche Art von Trost“, sagt Sunnive Förster. „Wir können einfach nur da sein“, sagt Katharina Herresthal.

Nachdenklicher sind die Seelsorger während des Gesprächs geworden. Trotz aller professioneller Distanz wird deutlich, dass keiner der Einsätze sie unberührt lässt.

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