Nachwuchsmangel im Handwerk  Immer häufiger bleiben Lehrstellen unbesetzt

Marion Janßen
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Von Marion Janßen
| 05.02.2023 11:06 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Firmenchef Jörg Kannegießer an einer Tankanlage, die in seinem Betrieb aufbereitet wird. Sein Unternehmen bildet regelmäßig mehrere Auszubildende aus. Nicht immer können alle Stellen belegt werden. Foto: Janßen
Firmenchef Jörg Kannegießer an einer Tankanlage, die in seinem Betrieb aufbereitet wird. Sein Unternehmen bildet regelmäßig mehrere Auszubildende aus. Nicht immer können alle Stellen belegt werden. Foto: Janßen
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Wenn es um die Berufswahl geht, haben Jugendliche oft das Handwerk nicht im Blick. Dabei locken in vielen Branchen gute Zukunftsaussichten am „Puls der Zeit“.

Ostrhauderfehn/Kreis Leer - Nachwuchsmangel im Handwerk betrifft früher oder später jeden: Wer soll die Heizung reparieren, wer die Tapete an die Wand bringen? Doch es geht um noch viel mehr: „Das Handwerk braucht Nachwuchs, denn nur so können wir die Herausforderungen unserer Zeit wie die vorherrschende Energiekrise, den Fachkräftemangel, die Digitalisierung oder die Mobilitätswende – um nur einige zu nennen – bewältigen“, betont Jacqueline Stöppel von der Handwerkskammer für Ostfriesland.

Das Handwerk sei ungebrochen ausbildungsmotiviert, so die Sprecherin. Bedarf und Kapazitäten gebe es in allen Gewerken. „Aber die Bedingungen für die Betriebe sind natürlich schwierig. Trotz vieler Bemühungen spüren sie einen Rückgang der Bewerberinnen und Bewerber.“

„2021 haben wir keinen Azubi gefunden“

So ist es auch bei Maschinenbau Hoopmann in Ostrhauderfehn: Zwei bis drei Auszubildende werden dort normalerweise parallel ausgebildet, sagt Produkt-Designer Matthias Welp. Doch die Plätze zu besetzen sei schwierig. „Deshalb haben wir kürzlich auch zum ersten Mal an einer Ausbildungsbörse teilgenommen.“ Auf solchen „Marktplätzen“ können Schüler Berufe kennenlernen und Ausbildungsbetriebe für sich werben. In Ostrhauderfehn und Rhauderfehn etwa war Jörg Kannegießer fünf Jahre lang Ansprechpartner für „Chance Azubi“.

Der Ostrhauderfehner bildet in seinem Fachbetrieb für Tankanlagenbau sechs junge Menschen als Energie- und Gebäudetechniker aus. Zwei haben im August 2022 angefangen. „2021 haben wir keinen Auszubildenden gefunden. Die Lage ist schwierig, schon seit Jahren“, so Kannegießer. Einen Grund dafür sieht er darin, dass junge Leute oft möglichst lange zur Schule gehen wollten. Oder die Eltern dies forcierten. Meist werde dann zum Beispiel ein Studium anvisiert. Das Handwerk werde seltener angesteuert. Auch, weil die Industrie die Preise kaputt mache: „Da können ungelernte teilweise mehr verdienen als mit einer Ausbildung im Handwerk.“

Zukunftsthemen mitgestalten

Dabei, so Kannegießer, gelte im Handwerk, dass jeder seines Glückes Schmied sei. „Wer Verantwortung übernimmt und sich engagiert, erhält auch gute Konditionen.“ Und: Im Handwerk werden immer neue Techniken eingesetzt. „Man ist am Puls der Zeit“, so Kannegießer. So bildeten sich auch neue Berufsbilder heraus, wie derzeit etwa die des Elektronikers für Gebäudesystemintegration. Stichwort sei hier das sogenannte Smarthome, das immer stärker im Kommen sei.

Das hebt auch Jacqueline Stöppel von der Handwerkskammer hervor: „Als Handwerkerin und Handwerker kann man Themen wie zum Beispiel Klimawandel und nachhaltige Entwicklung aktiv mitgestalten. Und das wird unseren Wirtschaftszweig für potenzielle Auszubildende in Zukunft noch attraktiver machen.“

Mehr als 130 Ausbildungsberufe im Handwerk

Tendenziell bestehe bei den jungen Menschen deshalb schon ein großes Interesse für das Handwerk. Am stärksten nachgefragt seien „Klassiker“ wie Maurer, Kraftfahrzeugmechatroniker und Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik. Aber: Insgesamt gebe es mehr als 130 Ausbildungsberufe im Handwerk. „Und bei vielen gehen Tradition und Innovation Hand in Hand wie es sonst selten zu finden ist.“

Chancen haben junge Leute in vielen Bereichen, denn Bewerber werden überall gesucht, sagt Vanessa Scheljagin, Pressesprecherin der Agentur für Arbeit Emden-Leer. „Frisöre, Elektroniker, Ausbildungen im Metallgewerbe, in der Fleischerei oder Bäckerei: Es sind noch viele Plätze frei.“ Im Lebemittelhandwerk wie auch im Hotel- und Gaststättenbereich sei es eher schwierig, Plätze zu besetzen. Bei der Berufsberatung werde von den Jugendlichen aber durchaus nach Handwerksberufen gefragt: „Allerdings im ländlichen Bereich eher als in der Stadt.“ Und: Die Berufsberatung arbeite neutral, berate nicht in eine Richtung, weil dort viel Bedarf vorhanden sei: „Die jungen Leute erhalten Vorschläge nach ihren Eignungen und Vorlieben.“

Die Karriereleiter raufklettern

Jacqueline Stöppel von der Handwerkskammer rät Jugendlichen, ich bei einem Praktikum oder am Zukunftstag in den Betrieben umzusehen. Sie sieht für den Berufsnachwuchs viele Möglichkeiten: „Es gibt während der Ausbildungszeit ja auch weitere Anreize wie zum Beispiel Auslandspraktika oder die Möglichkeit, seine Ausbildung in Teilzeit zu absolvieren.“

Mit einer Ausbildung im Handwerk sei man auf dem Arbeitsmarkt gefragt wie nie und habe auch überregional die Chance seiner Berufung nachzugehen. „Und, was viele nicht wissen: Im Handwerk gibt es etliche Möglichkeiten die Karriereleiter weiter rauf zu klettern – die Meisterausbildung, die eigene Selbstständigkeit oder aber die Weiterbildung zum Geprüften Betriebswirt nach der Handwerksordnung.“

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